Das Kino lebt trotz Netflix und Co.
Für deutsche Kinos war 2018 kein gutes Jahr. Liegt das an Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime? Betreiber in der Region verneinen. Nicht für jede Art Film wird diese Konkurrenz gefährlich.

Das Kinofoyer des Cinemaxx Heilbronn wirkt zu dieser Zeit verlassen. Die meisten Passanten, die auf der Rolltreppe im K 3 nach oben fahren, tragen größere oder kleinere Instrumentenkoffer auf ihrem Weg zur Musikschule. Kinobesucher kommen nur vereinzelt, obwohl für diesen Kinodienstag doch eigentlich mit günstigen Preisen geworben wurde.
Doch das Kino in Deutschland tat sich zuletzt schwer. Der deutschen Filmförderungsanstalt (FFA) zufolge gingen 2011 44 Prozent aller Deutschen mindestens ein Mal ins Kino. 2017 waren es 37 Prozent, 2018 hat sich der Abwärtstrend beschleunigt.
Große Leinwand, guter Sound
Was hält die Menschen ab vom Kinobesuch? Sind die preislich günstigeren Streaming-Abos, wie die von Netflix oder Amazon Prime, dafür mitverantwortlich? "Einen Film im Kino zu sehen macht einfach einen Unterschied", meint Kinogängerin Dilara Özbek (18), die gerade auf dem Weg in einen Cinemaxx-Kinosaal ist. "Das liegt besonders an dem guten Sound und der großen Leinwand." Deshalb gehen sie und ihr Freund trotz Amazon Prime und Netflix noch immer ins Kino. Auch Sylvia Dalies (64) nutzt Amazon, um Filme zu Hause zu sehen. Dort fehlt ihr jedoch das Gemeinschaftserlebnis.
Die Deutschen lieben ihr gemütliches Heim
"2018 war für die Kinobranche weltweit eines der besten Jahre", versichert Kinobetreiber Nenad Tomasinjak aus Künzelsau. "Nur in Deutschland hat es einen Rückgang von ungefähr 15 Prozent an Kinobesuchen gegeben." Ob die Netflix-Konkurrenz das Kino verändert habe, sei schwierig an einem Punkt festzumachen, berichtet Tomasinjak.

"Leute, die viel ins Kino gehen, sind auch Streaming-Nutzer. Die mögen Filme und nutzen verschiedene Plattformen, um sie zu sehen." Der Betreiber räumt dennoch ein: "Netflix hilft dem Kino aber auch nicht gerade. Die Deutschen machen es sich gerne zu Hause gemütlich. Da ist es nicht verwunderlich, dass Netflix gut ankommt und es weniger Kinobesucher gibt."
Besondere Umstände im Sommer 2018
Auch das Cineplex Neckarsulm ist vom Rückgang der Besucherzahlen betroffen. Allerdings kommen die Betreiber zu einer anderen Schlussfolgerung: "Der Besuchereinbruch ist der Fußball-Weltmeisterschaft, dem lang anhaltenden und heißen Sommer sowie dem Filmangebot zuzuschreiben." Durch die Konkurrenz mit Netflix und Co. könne man keine Veränderung feststellen, teilt Cineplex schriftlich mit.
Zwar lässt sich der Besucherrückgang nicht direkt mit den Streaming-Anbietern in Verbindung bringen, Netflix hat jedoch Einfluss auf die Filme, die im Kino gezeigt werden. "B- und C-Ware ist von der Streaming-Konkurrenz besonders betroffen", bestätigt Tomasinjak. Die könne man sich auch ohne Probleme zu Hause anschauen. Dagegen seien Blockbuster "prädestiniert für eine große Kinoleinwand".
Es kommt auch auf das Filmangebot an
Michael Rösch, Geschäftsführer von Kinostar, kennt beide Seiten. Kinostar betreibt zum Beispiel das Arthaus Heilbronn, ist aber auch ein Filmverleih. So liefert Röschs Unternehmen auch an Netflix und Amazon Prime. In seinen Kinos bietet Kinostar eher Filme für ein anspruchsvolles Publikum. Die seien weniger von der Streaming-Konkurrenz betroffen als "mittelmäßige Filme".
Gerade weil Streaming-Anbieter ihren Kunden keine Kino-Atmosphäre bieten können, sieht Betreiber Rösch Zukunft für das Kino. "Ich habe keine Angst vor Streaming." Er sieht einen Zusammenhang zwischen Musikkonzerten und dem Kino: "Viele Leute haben CDs zu Hause, gehen aber trotzdem auf Konzerte. Das Kino wird es auch noch in 200 Jahren geben."
Stimme.de
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