Beim Thema Organspende geht es um eine Entscheidung
Dr. Christina Schleicher von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) wirbt für ein Ja oder ein Nein, um beim Thema Organspende den Druck von den Angehörigen zu nehmen. Aufklärung aus erster Hand gab es bei der 42. Abendvorlesung "Medizin hautnah".
Wird für mich in der Klinik im Fall des Falles medizinisch trotzdem alles getan, wenn ich mich bereit erklärt habe, meine Organe zu spenden? Ist der Hirntod, der Voraussetzung für die Organentnahme ist, wirklich ein sicheres Kriterium? Das Thema Organspende ist ein viel diskutiertes. Noch immer gibt es eine Unsicherheit in der Gesellschaft, noch immer kursieren falsche Behauptungen - das Thema ist ein schwieriges wie wichtiges. Aufklärung tut also nach wie vor Not. Dass das Thema die Menschen auch in der Region bewegt, zeigte die Tatsache, dass 400 Gäste zum Vortrag der Vertreterin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gekommen waren.
Organspendeausweis auf den Stühlen
Auf jedem Stuhl im Saal lag ein Info-Flyer zur Organspende samt Organspendeausweis. Auch damit wollten die drei Partner der medizinischen Abendvorlesung, Kreissparkasse, SLK-Kliniken und Heilbronner Stimme, die Besucher des Abends an das Thema Organspendeausweis erinnern. Dieser Punkt war auch der wichtigste, den Dr. Christina Schleicher den Anwesenden mit auf den Weg geben wollte: "Bitte machen Sie sich Gedanken und entscheiden Sie! Ich freue mich natürlich über jedes Ja auf dem Organspendeausweis, weil ich für die Sache stehe. Aber auch ein angekreuztes Nein ist respektabel und aller Ehren wert, Sie entlasten auch damit Ihre Angehörigen", betonte die DSO-Ärztin.
In einer Extremsituation
Denn der größte Druck laste auf den Angehörigen dann, wenn man sich zu Lebzeiten nicht entschieden hat. Tritt nämlich der besagte Fall der Fälle ein, müssen die Angehörigen in einer Extremsituation im Gespräch mit den Ärzten auch noch abwägen, was der mögliche Wunsch des Betroffenen gewesen sein könnte. Schleicher warb dafür, den Angehörigen diesen zusätzlichen Gewissenskonflikt zu ersparen.
Gleich zu Beginn löste die DSO-Vertreterin die erste Mär auf: "Jeder kommt als Patient in ein Krankenhaus, nicht als Organspender." Damit sprach sie an, dass viele Menschen bei einem Ja auf dem Organspendeausweis Angst hätten, dass sie im Fall der Fälle sofort als potenzielle Spender abgestempelt würden. Bei schweren Hirnschäden würde immer alles angewandt, was die Hightech-Medizin heute zu bieten habe. Irgendwann komme dann der Punkt, zu entscheiden, "in welche Richtung die Reise geht": Verbesserung oder Verschlechterung? Wie ist der Verlauf bei dem Patienten? Genesung, gar Heilung? Oder ist die Situation aussichtslos, gibt es vielleicht schon Symptome eines Hirntods?
Schwieriger Punkt
Stellen die Ärzte schließlich die "Infauste Prognose", dann ist ein Überleben oder eine Heilung nicht mehr möglich, dann ist eine Fortsetzung der intensivmedizinischen Maßnahmen auch nicht mehr zum Wohl des Patienten. Dann kommt der schwierige Punkt, mit den Angehörigen zu erörtern, was der Patient gewollt hätte. War er gegen die Organspende, dann werden auf der Intensivstation die Maschinen abgestellt, um das ungewollte Verlängern des Sterbens zu vermeiden. Der Herz-Kreislaufstillstand tritt dann irgendwann ein. Hat der Patient sich aber zu Lebzeiten zur Organspende entschieden, dann werden die Intensivmaßnahmen wie künstliche Beatmung bis zur Feststellung des Hirntods und zur endgültigen Entscheidung über eine Organspende aufrechterhalten. Dies stehe auch nicht im Widerspruch zu einer Patientverfügung: In den gängigen Formularen gibt es entsprechende Formulierungen zum Thema Organspende.
"Unser wichtigstes Instrument ist die Hirntod-Feststellung", betonte Schleicher. Mit der Diagnose des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms, dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall, ist naturwissenschaftlich-medizinisch der Tod des Menschen bewiesen. Diese Definition vertritt auch die Deutsche Ärztekammer. "Es gibt klare Richtlinien zur Feststellung des Hirntods", so die DSO-Ärztin. Er muss unter anderem von zwei dafür qualifizierten Ärzten unabhängig voneinander übereinstimmend festgestellt werden. Und: Die Ärzte dürfen weder an der Entnahme, noch an der Übertragung der Organe beteiligt sein.
Wunder nicht bekannt
Berichte in Medien oder Büchern, nach denen "hirntote" Patienten vor der Organentnahme plötzlich wieder aufwachen, verwies Referentin Schleicher in den Bereich der Fake News. "Mir ist kein einziger solcher Fall bekannt. Und bei diesen angeblichen Wunderfällen ist kein einziger dabei, bei dem der Hirntod zuvor nach den gültigen Richtlinien festgestellt worden war", sagte Schleicher. Die DSO mache regelmäßig Umfragen bei Angehörigen, die einer Organentnahme zugestimmt haben, und fragt sie, ob sie die Entscheidung im Nachhinein bereuen? Weit mehr als 90 Prozent hätten wieder so entschieden.
Bei einer Organentnahme herrschen im OP die gleichen Bedingungen wie bei jeder anderen Operation. Mit einem großen Unterschied: Sie läuft ohne Narkose ab, weil der Spender ja bereits (hin-)tot ist. Wird eine solche im SLK-Klinikum am Gesundbrunnen gemacht, kommt für Bauchorgane ein Team aus Heidelberg, bei einer Herz- oder Lungenspende ein Team aus der Klinik, wo der Empfänger liegt. Was man als Angehöriger laut Schleicher bei einer Entnahme auch wissen muss: "Der Herzstillstand beim Spender findet dann im OP-Saal statt." Bis dato gab es 2019 im SLK-Klinikum drei postmortale Organspenden mit insgesamt neun Organentnahmen. Im Jahr 2018 waren es insgesamt zwei gewesen.

Fast 10 000 Kranke warten aktuell in Deutschland auf ein Spenderorgan. Pro Tag kommen etwa 16 dazu. Pro Tag werden etwa neun Transplantationen gemacht, doch täglich sterben im Schnitt drei Patienten von der Warteliste an den Folgen ihrer Grunderkrankung, weil sie rechtzeitig kein Organ bekommen haben. Die Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) unterstützen die Kliniken rund um das Thema Organspende, koordinieren das Anmelden möglicher Spendeorgane an Eurotransplant, das die Organe letztlich über die Wartelisten an die Empfänger vermittelt.
"Wie wird dabei Missbrauch verhindert?", wollte Moderatorin Iris Baars-Werner in der anschließenden Talkrunde von Dr. Christina Schleicher wissen und spielte auf die Organspendeskandale der Vergangenheit an. "Seither ist die Sicherheit ist nochmals verstärkt worden", sagte die DSO-Verantwortliche für Baden-Württemberg. Sie räumte aber ein, dass es auch bei diesem Thema keine hundertprozentige Sicherheit gebe, wenn kriminelle Energie im Spiel ist.
Die jüngste Gesetzesinitiative, um die Organspende in den Krankenhäusern strukturell zu stärken, trage laut Schleicher erste Früchte. In diesem Zusammenhang findet sie es auch richtig und fördernd, dass die Krankenhäuser für ihre Aufwände bezahlt werden. "Das war bisher nicht so, dadurch wurde in den Krankenhäusern sicher nicht jede mögliche Organspende erkannt." Ebenfalls begrüßt sie es, dass durch das neue Gesetz die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken und deren Rolle gestärkt wurden, indem sie vom Alltag freigestellt werden können. Allerdings findet Schleicher den Begriff "irreführend". Denn: "Eigentlich müssten die Ärzte Organspendebeauftragte heißen", sagte sie im Gespräch mit Iris Baars-Werner.
Für die Widerspruchsregelung
Die DSO-Ärztin ist auch für die von Gesundheitsminister Jens Spahn gewollte doppelte Widerspruchslösung, weil sie glaubt, dass dadurch die Zahl der Spenden in Deutschland nach oben geht. "Wir müssen einen gesellschaftlichen Konsens finden, dass die Organspende der Normalfall ist. Wenn also kein Widerspruch vorliegt, ist die Organspende erwünscht."
Viele Stimme-Leser, die ihre Fragen einreichen konnten, wollten wissen, bis zu welchem Alter man spenden kann. Laut Schleicher gebe es praktisch keine Altersgrenze, wenn keine medizinischen Gründe dagegen sprechen. Denn auch ältere Patienten warten auf Organe. Und die könnten dann auch von älteren Spendern sein.

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