Bei der Arbeit begrapscht
Polizei und Gewerkschaft gehen bei Fällen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz von einer hohen Dunkelziffer aus. Auch eine betroffene Frau aus der Region schwieg zunächst aus Angst, den Job zu verlieren. Wir erklären, wie Opfer reagieren können.

Anna Schuberts Kollege geht auf Tuchfühlung. Er drückt seinen Unterleib gegen den Hintern der 41-Jährigen, er fasst ihr an die Brust. "Sie wurde körperlich und verbal belästigt", heißt es in einer unternehmensinternen Notiz zu den Vorkommnissen. Der Mitarbeiter habe sie gegen ihren Willen mehrmals bedrängt und berührt.
Zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz gibt es keine verlässlichen Zahlen. Wie oft sie vorkommt, lässt sich daher schwer sagen. "Die Dunkelziffer dürfte hoch sein", sagt Kriminalhauptkommissarin Ulrike Schupp vom Präsidium Heilbronn.
Anna Schubert, die nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen will, ist kein Einzelfall. "Wir haben mehrmals im Jahr mit sexueller Belästigung in unterschiedlichster Form zu tun", sagt Marianne Kugler-Wendt, Verdi-Geschäftsführerin im Bezirk Heilbronn-Neckar-Franken. Sie geht wie die Polizei von einer hohen Zahl nicht gemeldeter Fälle aus.
Viele schweigen zunächst
Das Phänomen erreicht selten die IHK und die Handwerkskammer in der Region. "Extrem selten" komme es zur Sprache, sagt Michaela Maier, Sprecherin der Handwerkskammer. "Es kommt in Betrieben vor", weiß Myriam Boos von der Agentur für Arbeit in Heilbronn. Die Behörde führt keine Statistik darüber.
In Gesprächen mit Betroffenen stelle sich heraus, dass viele zunächst schweigen. Dass jemand Anzeige wegen sexueller Belästigung oder Grapschens erstattet, kommt nach Kugler-Wendts Erfahrung so gut wie nie vor. Laut Boos befürchten viele Opfer, dass sie Ärger mit der Arbeitsagentur bekommen, wenn sie wegen der Belästigungen kündigen. Dies sei aber nicht der Fall, wenn Betroffene "schlüssig und nachvollziehbar" darlegen können, was passiert sei.
Angst vor dem Jobverlust
Sexuelle Belästigung ist strafbar. Das Gesetz spricht von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, dazu zählen auch Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch. Von insgesamt 436 Delikten im Jahr 2017 im Bereich des Polizeipräsidiums Heilbronn geht etwas mehr als die Hälfte auf Grapschereien und Beleidigungen zurück, so die Statistik.
Oftmals, sagt Schupp, rieten Eltern, Partner oder Freunde den Opfern, zur Polizei zu gehen. Anna Schubert scheut den Schritt. Auch mit anderen spricht sie zunächst nicht über die Vorfälle. "Ich habe nichts gesagt, weil ich dachte, ich verliere den Job", erzählt sie. Hat sie den Kollegen aufgefordert, er solle aufhören, habe er sich entschuldigt. Das Grapschen geht weiter. Schubert beschwert sich beim direkten Vorgesetzten. "Der meinte, ich verstünde das falsch. Der Kollege sei ein netter Mensch. Der meine das nicht böse." Schubert fühlt sich abgewimmelt, nicht ernst genommen. Sie wendet sich an den Betriebsrat.
Mitarbeiter ist inzwischen entlassen worden
Das Unternehmen bestätigt den Vorfall gegenüber der Stimme. "Der Mitarbeiter ist nicht mehr bei uns beschäftigt", teilt eine Sprecherin mit. Die Vorkommnisse seien zum Anlass genommen worden, "gerade auch die Mitarbeiterinnen zu sensibilisieren", sagt sie. Frauen sollten derartige Vorkommnisse auf jeden Fall ansprechen. Sie könnten sich an Vorgesetzte wenden, an die Betriebsräte oder an die Vertrauensleute, die es seit Mitte des Jahres im Unternehmen gebe.
"Ich habe keinen Arbeitgeber erlebt, der nicht angemessen reagiert hat", sagt Kugler-Wendt. Gleichwohl: Im ersten Moment würden Vorwürfe nicht selten infrage gestellt. "Es mag unmittelbare Vorgesetzte geben, die sexuelle Belästigung herunterspielen", sagt sie.
"Es schmerzt mich, was passiert ist", sagt Schubert. Dass ihr befristeter Arbeitsvertrag entgegen vorheriger Zusagen nicht verlängert wird, führt sie darauf zurück, dass sie die Belästigungen nicht auf sich beruhen ließ. Vorgesetzte hätten sie plötzlich nicht mehr gegrüßt, ließen sie links liegen. "Ich habe meinen Mund aufgemacht und muss gehen." Eine Kollegin hat Anna Schubert von dem Schritt abgeraten, sich an die Chefs zu wenden: "Sie riet mir: Du musst unsichtbar bleiben."
Wie Betroffene reagieren können
Laut Verdi-Geschäftsführerin Marianne Kugler-Wendt gibt es keine Branche, in der sexuelle Belästigungen besonders häufig oder gar nicht vorkommen. Sie erfolgt durch Worte und Gesten bis hin zu unerwünschten, mitunter beiläufig erscheinenden Berührungen und Übergriffen.
Kriminalhauptkommissarin Ulrike Schupp ermuntert zu einem selbstbewussten Auftreten, das schütze. Kugler-Wendt rät Betroffenen zu klaren Ansagen wie: "Hier gehst du zu weit. Ich möchte nicht, dass du hinter mir stehst. Ich möchte keine Witze hören." Wer belästigt wird, sollte sich an Vorgesetzte oder Betriebsräte wenden.
Geklärt wird laut Kugler-Wendt, was das Opfer möchte und welche Möglichkeiten es hat. Ob beispielsweise der Täter versetzt werden soll, oder ob das Opfer Anzeige erstatten möchte.
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