Aus dem Alltag zweier Klinikclowns
Klinikclown Martina Spröhnle schreibt ein Buch über ihre Erlebnisse und den Wandel der eigenen Persönlichkeit. Den Mut, zu sich selbst zu stehen und auch Fehler zuzulassen, hat die Fleinerin durch die Rolle gelernt. Inzwischen lebt sie mit ihrer Kollegin vom Clown-Job.

Es ist ein Satz von extremer Offenheit, den man von einem schelmischen Clown so eher nicht erwartet: "Der Clown hat mir die Freiheit geschenkt, ein mehr an Ich zu leben. Ich lebe ein ehrlicheres Ich als früher."
Tanja Spröhnle (38) ist mit ihrer Freundin Tanja Landes ein Klinik-Clown-Team, hat das Clownsein in einer GbR sogar zum Beruf gemacht und jetzt ein Buch über ihre Erlebnisse mit der oft als schrill und aufdringlich eingestuften Figur geschrieben. Es ist ein Buch mit vielen Zwischentönen und Nachdenklichkeiten, das die Besonderheiten ihres Jobs in der SLK-Kinderklinik, Seniorenheimen, Hospizen oder auf Seminaren für einen offeneren Umgang mit dem eigenen Ich beleuchtet.
Mit der Weisheit des Clowns in Krisen Lebensfreude schaffen
Die Pädagogin, die früher auch in Schulen arbeitete, hat "Zwischen Himmel und Kühlakkus" in drei Monaten geschrieben. "Mit der Weisheit des Clowns in Krisen Lebensfreude schaffen", ist der Untertitel des Erstlingswerkes der Fleinerin.
Beide Frauen fanden Clowns früher eher abstoßend. Doch als Tanja Landes ein schwerbehindertes Kind verlor, über eine Zirkus-AG zur Clownerie kam und ihre Freundin auf ein Seminar mitnahm, war auch Martina Spröhnle plötzlich von dem Hintergrund der Figur fasziniert.
Mutmacher, um Masken abzulegen

Ganz anders als gedacht erlebte Martina Spröhnle plötzlich den Clown. Eine Figur, die ständig scheitert, aber immer wieder aufsteht und weitermacht. Für sie ein Sinnbild, dass man im Leben Fehler zulassen darf und auch mal scheitern kann, um das eigene Potenzial auszuschöpfen. Früher sei sie viel angepasster gewesen, habe versucht, Erwartungen zu erfüllen, sagt sie im Rückblick. Das Buch solle Menschen mit auf den Weg geben, mutig zu sein, zu sich selbst zu stehen und Masken abzulegen.
Tanja Landes studiert mit 50 Jahren zum Beispiel Soziale Arbeit. In ihrem ersten Seminarmodul als Fachkraft für Zirkuspädagogik hat die gelernte Raumausstatterin an sich eine Spielfreude entdeckt, "die ich lange nicht mehr kannte". Als die etablierten Klinik-Clowns anfragten, ob sie ins Team kommen wollen, überlegten beide nicht lange.
Einen Demenzkranken zu Freudentränen gerührt
Schwere und schöne Momente wechseln sich im Clown-Alltag der zwei Frauen ab. Martina Spröhnle erzählt vom Besuch bei einem dementen Mann in einem Seniorenheim, der sie ansah und fragte: "Wo wart ihr denn?" Offenbar erkannte er in ihnen Kriegsverschollene. Sie spielten die Rolle mit, der Mann umarmte sie, vergoss Freudentränen und war kurz vor seinem Tod noch einmal erleichtert.
In anderen Momenten, wenn sie zu einem schwer krebskranken Kind ohne große Hoffnung gehen, spielen sie eine leise Melodie oder singen ein Lied, bringen einen Papiervogel als Geschenk mit und erreichen beim Gegenüber oft einen Moment, in dem das Kind seine Traurigkeit verlässt. Danach lasse man die "Schwere" des Moments bei sich zu. Aber als Clown lerne man schnell das Pfützenspringen von Trauer zu Freude - "und dann gehen wir ins nächste Zimmer".
Insgesamt bekomme man als Clown "so viel zurück", sagt Martina Spröhnle. Authentisch zu sein ist für sie ein ganz hohes Gut. "Keine noch so perfekte Inszenierung kommt an die Schönheit unseres wahren Ichs heran", schreibt sie im Buch.
Inzwischen werden die zwei auch als Geleitclowns bei Beerdigungen gebucht. Um aufzumuntern, zu versöhnen - und der Schwere auch Leichtigkeit entgegenzubringen.
Infos zum Buch
Das Buch "Zwischen Himmel und Kühlakkus" ist 2019 im HCD-Verlag erschienen. Es kostet 13,80 Euro und ist im Verlag unter sekretariat@hcd-verlag.de, in der Heilbronner Buchhandlung Stritter und über die Online-Plattform Amazon erhältlich. Im Februar 2020 ist über die VHS Unterland eine Lesung in der Gemeindebücherei Talheim geplant.
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