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Heilbronn

Heilbronner Arbeitsagentur im Corona-Modus

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Noch immer kann Jürgen Czupalla es kaum fassen, wie heftig die Corona-Pandemie seine Behörde durcheinandergewirbelt hat. Praktisch über Nacht war in der Arbeitsagentur Heilbronn und den beiden Jobcentern nichts mehr wie vorher.

In der Arbeitsagentur Heilbronn wurde in den zurückliegenden Wochen ganz anders gearbeitet als sonst. Die Corona-Krise hat einiges verändert.
Foto: Archiv/Dirks
In der Arbeitsagentur Heilbronn wurde in den zurückliegenden Wochen ganz anders gearbeitet als sonst. Die Corona-Krise hat einiges verändert. Foto: Archiv/Dirks  Foto: Dirks

Mit großer Flexibilität und hohem Einsatz hat die Behörde mit rund 300 Mitarbeitern die Ausnahmesituation Czupalla zufolge bisher sehr gut gemanagt.

Seit 18. März haben die Arbeitsagenturen und Jobcenter für den Publikumsverkehr geschlossen. Wo sonst der persönliche Kontakt zwischen Kunde und Berater der Normalfall ist, geht es seitdem darum, die Menschen auf anderen Wegen zu erreichen, wie Czupalla es formuliert. "Wir haben sofort eine Hotline für Arbeitnehmer und eine für Arbeitgeber eingerichtet", berichtet er. Die Hotlines wurden bundesweit so stark genutzt, dass in der Nürnberger Zentrale der Bundesagentur für Arbeit (BA) ein Server durchbrannte. "Es gab mitunter 150 Anrufe pro Sekunde", macht Czupalla die Dimension deutlich.

Riesiger Informationsbedarf zu Kurzarbeit

Schnell war den Verantwortlichen klar, dass sich ihre Arbeit in der Corona-Krise komplett verändern würde. Kurzarbeit, bisher lediglich ein Randbereich in der Agentur, avancierte plötzlich zum wichtigsten Thema. Regelrecht überflutet wurde die Agentur von Fragen zum Kurzarbeitergeld. "Viele Betriebe haben nie damit gerechnet, in Kurzarbeit gehen zu müssen", sagt der zuständige Bereichsleiter Wolfgang Kärcher. Sein 25-köpfiges Team, das die Kurzarbeit für die vier Agenturbezirke Heilbronn, Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim, Mannheim und Heidelberg managt, konnte den Ansturm kaum bewältigen.

"In normalen Zeiten haben wir 400 bis 500 Kurzarbeits-Anzeigen pro Jahr. Nun haben wir seit Mitte März mehr als 25.000 Anzeigen in den vier Bezirken", berichtet Kärcher. Alleine in Stadt und Landkreis Heilbronn gab es seither 4333 Anzeigen für 85.675 Beschäftigte. Ähnlich ist die Entwicklung in Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim.

Studierende und andere Behörden helfen mit

Entsprechend hat die Agentur alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Zahl der Mitarbeiter im Bereich Kurzarbeit auf 280 auszubauen. Berufsberater wurden zu Kurzarbeitergeld-Experten umgeschult, duale Studierende der BA-Hochschulen in Mannheim und Schwerin arbeiten mit, und andere Behörden leisten Amtshilfe. "Wir bekommen Unterstützung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, von der Post und der Deutschen Rentenversicherung", berichtet Czupalla. Eine Riesenhilfe sei dabei die vor Jahren erfolgte Umstellung auf die elektronische Akte. "So kann man praktisch von überall auf die Akten zugreifen."

Flexibilität ist seit Corona ein Riesenthema in der Agentur. Viele Beschäftigte arbeiten im Homeoffice, "wir haben den Arbeitszeitrahmen stark ausgeweitet: grundsätzlich von 6 bis 22 Uhr", sagt der Behördenleiter. Die Mitarbeiter zögen sehr gut mit, "sie sehen im Moment besonders gut, wie sinnvoll ihre Arbeit ist", so Czupalla.

Ein kräftiger Digitalisierungsschub

Der Digitalisierungsschub, den die Corona-Krise der Arbeitsweise in der Heilbronner Behörde beschert hat, soll auf jeden Fall auch nach der Krise Bestand haben. Sowohl bei den internen Abläufen als auch im Kontakt mit den Kunden will Czupalla auch in Zukunft verstärkt mit Videokonferenzen, Webinaren und Chats arbeiten. "Es funktioniert sehr viel, was vorher kaum denkbar war", sagt er. Auf den persönlichen Kundenkontakt will die Behörde aber nicht verzichten. Im Moment wird gerade das Erdgeschoss der Arbeitsagentur gemäß den Hygiene- und Sicherheitsstandards umgebaut, bevor die Behörde demnächst wieder öffnet.

Berufsberatung stark betroffen

Stark betroffen von der Corona-Krise ist die Berufsberatung der Arbeitsagentur. Die Berater können derzeit nicht wie geplant in die Schulen gehen. Deshalb geht die Agentur neue Wege. Neben der Hotline für Berufsberatung (07131/969888) gibt es auf der Homepage der Agentur wichtige Informationen, Jugendliche sollen mit eigenproduzierten Youtube-Videos erreicht werden. Am 16. Juni und am 21. Juli bietet die Agentur jeweils von 15 bis 19 Uhr telefonische Elternsprechabende an. Das Infomaterial des Berufsinformationszentrum wird Schulen bei Bedarf zur Verfügung gestellt.


Kommentar: Gut reagiert

Jahrelang hatten die Arbeitsagenturen im Land und in der Region beneidenswerte Arbeitsbedingungen. Weil die Konjunktur auf breiter Front boomt und die Arbeitslosigkeit stetig sank, konnte sich die Behörde auf Themen wie Weiterbildung und Qualifizierung konzentrieren, um dem zunehmenden Fachkräftemangel zu begegnen.

Dann kam Corona und stellte die Agenturen vor gewaltige Herausforderungen. Wer dachte, die vermeintlich trägen bürokratischen Organisationen würden mit der Wucht der Pandemie nicht fertig, sieht sich getäuscht. Nicht nur die deutlich zunehmende Zahl an Arbeitslosen bescherte den Mitarbeitern eine Menge Arbeit. Vor allem die explosionsartig gestiegene Nachfrage nach Kurzarbeit brachte die Behörden an den Rand ihrer Kapazitäten.

Die Verantwortlichen reagierten ebenso schnell wie unbürokratisch. Da wurden Berufsberater mal eben zu Kurzarbeit-Experten weiterqualifiziert, die Arbeitszeiten und Abläufe flexibilisiert und externe Hilfe anderer Behörden gerne angenommen. Alles im Bestreben, den kriselnden Betrieben und ihren Mitarbeitern in dieser Ausnahmesituation so schnell wie möglich zu helfen.

Und so ganz nebenbei erfahren auch die Arbeitsagenturen einen Digitalisierungsschub, von dem sie in Zukunft profitieren werden. Zumindest dafür war die Corona-Krise gut.

 

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