An der Weinbauschule Weinsberg endet nach 35 Jahren eine Ära
Der Weinsberger Weinbauschulleiter Rolf Hauser gilt als Vater einer ganzen Winzergeneration. Nach 35 Jahren tritt er in den Ruhestand - und nimmt in Fragen der Weinbaupolitik kein Blatt vor den Mund.

Ein 63-Jähriger in einer Jungwinzer-Serie? Unbedingt. Die nachwachsende Generation fällt nicht vom Himmel. Sie bekommt ihr Know-how auch nicht von den Eltern in die Wiege gelegt, sondern muss lernen, lernen, lernen, zum Beispiel an der Weinbauschule Weinsberg, der ältesten ihrer Art bundesweit.
Dort endet diesen Donnerstag eine Ära. Rolf Hauser, der 1983 als Lehrer und Referatsleiter begann und 1993 zum Schuleiter und Vize-Direktor der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau (LVWO) avancierte, geht in Pension.
In mehr als 35 Jahren hat er 2000 Wein- und Obstbau-Techniker sowie (Küfer)-Meister begleitet. Durch seine menschliche und warmherzige Art gilt der sympathische Kürnbacher als Vater einer ganzen Winzergeneration.
In der 80ern war die Welt noch in Ordnung
Als der Agrarwissenschaftler am Traubenplatz einsteigt, "ist die Weinwelt in Württemberg noch in Ordnung". In den Weinbergen schreitet nach der Flurbereinigung die Technisierung fort. Frostjahre werden mit Rekordernten aufgefangen. Und die Schwaben schlotzen treu jede Literware. "Das Fach Vermarktung gab es noch gar nicht."
Gleichzeitig erfasst die Öko-Welle den Weinbau. Weinsberg entwickelt umweltschonende Methoden und zieht - wie andere Grünberufe - Quereinsteiger an, wodurch sich die Schülerzahlen zwischenzeitlich verdoppeln. "Alle sind untergekommen und werden bis heute mit Handkuss gesucht." Nicht ohne Stolz erzählt Hauser von "Weinsbergern" in 23 Ländern, die den Ruf der Kaderschmiede in alle Welt tragen. Begeistert berichtet er von Schulpartnerschaften, "die dem europäischen Geist Gesicht geben, den Frieden stärken". Nicht von ungefähr will der zweifache Familienvater - nach der Hochzeit seines Sohnes und dem Geburtstag seiner Frau - im September zu einer Radtour über die Alpen aufbrechen: zu Freunden.
Freilich weiß der Kosmopolit, der seinen Schülern fast alle Weinregionen der Welt gezeigt hat, der jährlich als Botschafter des Landes nach Indien reist und beim Aufbau einer japanischen Weinbauschule behilflich ist, um die Kehrseite der Globalisierung. So verdrängen Allerweltstropfen seit den 1990ern deutsche Weine aus den Regalen. Die Schwaben sparen sich den Weg zum Weingut und greifen lieber zu Billig-Produkten im Discounter.
Kritik an der Weinbaupolitik
Die Weinbaupolitik habe keine passenden Antworten gefunden. So sei die 1990 eingeführte Mengenbegrenzung von Großbetrieben elegant und legal verwässert worden. "Die bezweckte Preisstabilität ist ins Gegenteil umgeschlagen." Gegen alle Überregulierung und Bürokratisierung beschwört er seine Schüler, eigene Wege zu finden: "Wer mit dem Vollernter Aldi beliefern will, okay. Andere werden ihren Top-Wein hochpreisig an den Mann bringen. Man muss nur wissen, was man kann und will." Vielfalt halte eine Region im Gleichgewicht. "Wir brauchen Flaggschiffe und wir brauchen Großbetriebe", wobei Genossenschaften ihre Mitglieder zu lange nur zu Traubenproduzenten erzogen hätten, worunter das Image Württembergs bis heute leide und die Vermarktungskultur gegenüber anderen Regionen hinterherhinke. Hauser nimmt kein Blatt vor den Mund. "Zu viel Staat ist ein Hemmschuh für Innovation", wobei ihm bewusst sei, dass die vom Land bestens ausgestatteten LVWO "eine Insel der Seligen ist".
Ehemalige Weinsberger als Vordenker
Die "Insel" sei heute wichtiger denn je, weil sie Jungwinzern das Rüstzeug mitgebe, sich mit passenden Weinen auf einem umkämpften Markt zu behaupten - und weiterzudenken. Als Paradebeispiel nennt er die 1986 von "Ehemaligen" gegründete Hades-Gruppe, deren Erfahrungen und Erfolge ein neues Qualitätsstreben angestoßen hätten: vom Weinberg über den Keller bis zur Vermarktung - nicht nur bei Rotwein, nicht nur in Württemberg.
Lehre und Forschung hilft Jungwinzern
Nachfolger von Rolf Hauser ist ab September Dr. Oliver Schmidt, der in der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau (LVWO) zuletzt das Referat Kellerei und Staatsweingut leitete und davor − unter anderem nach Stationen in Australien, Chile, Bolivien, der Pfalz und Geisenheim − den dortigen Versuchskeller. LVWO-Direktor bleibt Dr. Dieter Blankenhorn. Die 1868 gegründete Anstalt zählt heute 90 Mitarbeiter und übernahm im Laufe der Jahre neben der Lehre weitere Aufgaben wie etwa die amtliche Qualitätsweinprüfung, Beratung sowie Forschung, etwa bei der Rebzüchtung, bei Weinbau- und Kellertechniken und im Bereich Marketing.
Gleichzeitig bewirtschaftet man in Weinsberg, auf Burg Wildeck in Abstatt und in Gundelsheim Weinberge, deren Produkte übers Staatsweingut Weinsberg vermarktet werden, sowie in Bad Friedrichshall-Heuchlingen ein Obstgut. Von all diesen Aktivitäten profitieren auch die Schüler. Zudem beginnt am 1. Oktober in Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg am Standort Heilbronn ein neuer Studiengang Wein-Technologie-Management.
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