Am Schulstandort Weinsberg geht ein ganz spezielles Schuljahr zu Ende
Hatten sich viele Schüler früher auf jeden Tag jenseits des Klassenraums gefreut, haben viele während der Corona-Pandemie den Präsenzunterricht wieder zu schätzen gelernt. Nach zehn ungewöhnlichen Monaten blicken sechs Schüler verschiedener Klassenstufen auf das Erlebte und Vermisste zurück – und wagen zugleich auch einen Blick voraus.

Es war ein schwieriges Jahr, darüber sind sich Lehrer und Schüler am Schulstandort Weinsberg einig. Doch: „So schlimm, wie manche sagen, war es eigentlich nicht“, resümiert Leya Klüdtke. Die 17-Jährige besuchte in diesem Schuljahr die Jahrgangsstufe 1 am Justinus-Kerner-Gymnasium und ist mit dieser Meinung nicht allein. Klassen- und stufenübergreifend haben viele junge Menschen durch die Folgen der Pandemie einen neuen Blick auf Schule, Lernen und vor allem die Wichtigkeit von Selbstorganisation bekommen. Wer technisch fit und gut ausgestattet war, sich dauerhaft auch allein vor dem Computer motivieren konnte und mit Selbstdisziplin Aufgaben bearbeitet und Kontakte gepflegt hat, für den war es nicht zwingend ein verlorenes Schuljahr. Wer mit alldem Probleme hatte, wer dem Unterrichtsstoff nicht problemlos folgen konnte oder Hemmungen hatte, bei Lehrern oder Mitschülern über digitale Kanäle nachzufragen, für den waren es zähe, frustrierende Monate.
Nutzung digitaler Technik ist noch kein Allheilmittel
Dass es im Schuljahr 2020/2021, das gänzlich von der Pandemie beeinflusst war, deutlich besser lief als noch im abrupt unterbrochenen zweiten Halbjahr 2019/2020, darüber sind sich alle einig. „Es war schon anstrengend, sich jedes Mal von heute auf morgen an immer neuen Rechtsvorschriften zu orientieren“, sagt Rita Eichmann, die die Weibertreuschule in Weinsberg leitet. Alles in allem habe man das Schuljahr jedoch gut bewältigt.
Doch auch Rita Eichmann gibt zu, dass allein die Installation von Kommunikations- und Unterrichtssoftware noch kein Allheilmittel ist. „Es gab natürlich auch Schüler, die einfach abgetaucht sind. Von denen hat man nichts mehr gehört. Da mussten die Lehrer auch mal nachfragen oder Material vorbeibringen.“
Eine Versetzung ist in diesem Jahr nicht mehr selbstverständlich
Verschenkt würden Abschlüsse und Noten an der Weibertreuschule dennoch nicht. Wer glaubt, den Unterrichtsstoff des Schuljahres noch einmal nachholen zu müssen, könne eine Klasse natürlich freiwillig wiederholen, sagt Eichmann. Ganz regulär gebe es in diesem Jahr jedoch Versetzungen, und es können auch wieder Schüler sitzenbleiben. „Es sieht jedoch nicht so furchtbar aus, wie man es eventuell vermuten könnte“, bilanziert die Schulleiterin beim Blick auf Wiederholungen.
Dass Leya Klüdtke ein positives Fazit ziehen kann, liegt womöglich auch an ihrer Einstellung. „Ich habe mich auf das Schuljahr gefreut“, sagt sie rückblickend über die ersten Tage im September 2020 – „unabhängig von der Pandemie“.
Mia Walz, 9 Jahre, Grundschule Weinsberg (4. Klasse)

Um den Gang zur Schule kam Mia Walz zu Wochenbeginn auch während der Schulschließungen nicht herum. Ihre Klassenlehrerin hatte für alle Schüler ein Päckchen mit Lernplänen und Aufgaben geschnürt, das in der Folgewoche abgegeben werden musste und später korrigiert und mit Motivationsstickern versehen zurückgegeben wurde.
„Früh aufstehen musste ich deswegen trotzdem“, sagt Mia Walz, die zwar viele Aufgaben allein bearbeiten konnte, hin und wieder aber doch froh war, dass ihre Mutter bei Bedarf helfend zur Seite stand und etwa beim Rechtschreibtraining die zu schreibenden Wörter diktieren konnte.
Auch sonst war für die Viertklässlerin vieles anders. „Wir haben keine Arbeiten geschrieben, und ich konnte auch mit meiner Freundin aus der dritten Klasse nicht zusammen zur Schule gehen.“ Auf ihr erstes Jahr an der Realschule nach den Sommerferien freut sie sich. „Mein älterer Bruder ist schon auf der Realschule und kann mir dann alles zeigen“, sagt die Viertklässlerin erwartungsfroh. Dass sie sich, während beide zu Hause lernen mussten, oft über ihn geärgert hat, sei längst vergessen, versichert sie.
Lauren Heinz, 13 Jahre, Justinus-Kerner-Gymnasium (7. Klasse)

„Ich hatte vor allem die Hoffnung, dass es besser gemanagt wird als im letzten Jahr, als wir immer nur Aufgaben bekommen haben“, sagt Lauren Heinz zu seinen Erwartungen an das Schuljahr 2020/2021.
In der gewohnten Schul-Umgebung war der 13-Jährige jedoch vor allem in den ersten Monaten dieses Jahres trotz diverser Lehrformen nur selten: „Im Januar, Februar und März hat man sich schon gedacht, dass es auch mal wieder Präsenzunterricht geben könnte“, sagt der Siebtklässler, der nicht nur aus der Distanz lernen, sondern auch seinem Hobby aus der Ferne nachgehen musste: Echtes Badminton-Training war monatelang nicht möglich.
Besonders positiv hat Lauren Heinz vor allem die entspanntere Morgenroutine aufgenommen. „Länger schlafen, fertigmachen, bequem frühstücken und dann einfach an den Laptop setzen“, beschreibt er das morgendliche Prozedere, an das er sich gewöhnen könnte. Allerdings: „Viele haben den Kontakt zu ihren Freunden verloren.“ Wer sich mit Übungsaufgaben schwer getan oder Rückfragen gehabt habe, für den sei es ohne unmittelbare Lehrerhilfe schwer gewesen.
Amelie Schmid, 15 Jahre, Justinus-Kerner-Gymnasium (9. Klasse)

Der erste Erfolg stellte sich für Amelie Schmid bereits kurz nach Beginn des Schuljahres ein. „Ich wusste, dass es früher oder später wieder Homeschooling geben würde und hatte deshalb vor allem die Hoffnung, dass ich mich dann weiterhin motivieren kann“, blickt die Gymnasiastin zurück. Doch ihre anfängliche Motivation litt unter dem ständigen Wechsel von Ferien, Distanzunterricht und der Hoffnung auf eine Rückkehr in den gewohnten Schulalltag.
„Jeder musste auf sich selbst schauen und sich selbst darum bemühen, den Stoff zu verstehen“, sagt Amelie Schmid. Die ausbleibenden Reaktionen und Rückmeldungen von Klassenkameraden hätten es Lehrern wie Schülern gleichermaßen erschwert, ein Gefühl für den aktuellen Wissensstand zu bekommen. So war das Corona-Schuljahr aus ihrer Sicht letztlich Fluch und Segen zugleich. „Zwar haben viele gelernt, selbstständiger zu sein und zu arbeiten, doch zum Schluss, als wir wieder in Präsenz Unterricht hatten, hat man gemerkt, wie wichtig das Pflegen von sozialen Kontakten und das Zusammensein ist. Man muss schauen, dass man sich um seine Mitmenschen kümmert.“
Michelle Dausel, 15 Jahre, Weibertreuschule (10. Klasse)

„Eigentlich ging das Schuljahr ziemlich schnell rum“, resümiert Michelle Dausel die Zeit seit September. Präsenzunterricht, Ferien, Distanzunterricht und Lockdown im stetigen Wechsel haben für Abwechslung gesorgt. Gerade zum Start nach den Sommerferien war jedoch die Unsicherheit groß, was sie und ihre Mitschüler in den bevorstehenden Monaten erwarten würde, erinnert sich die 15-Jährige: „Mir war aber eigentlich klar, dass es früher oder später wieder Aufteilungen von Klassen geben würde.“
„Selbstständiges Lernen war manchmal schwer, weil die Eltern zu Hause auch nicht immer helfen konnten.“ Sie und viele ihrer Mitschüler haben daher die persönliche Hilfe der Lehrer zu schätzen gelernt. „Wenn man sich selbst organisiert und an seine Aufgaben drangesetzt hat, dann war das Jahr aber sicherlich kein Nachteil“, sagt Michelle Dausel. Sie weiß aber auch, dass das nicht allen Mitschülern gelungen ist.
Aus schulischer Sicht will sie das Jahr nicht als verloren bezeichnen. Aber: „Dass wir als Abschlussklasse keine Abschlussfahrt machen können, ist sehr schade. Diese Abschlusserinnerungen der letzten Wochen fehlen uns.“
Lucia Cosic, 18 Jahre, Weibertreuschule (10. Klasse)

Für Lucia Cosic war es ein stressiges Schuljahr. „Ich würde es jetzt zwar nicht wiederholen wollen, aber ein ganz normales Schuljahr wäre mir schon lieber gewesen“, sagt die 18-Jährige und lacht. Auch sie findet es schade, dass sich die Klassengemeinschaft in den letzten Wochen ihres Zusammenseins nur noch aus der Distanz sehen konnte.
Was für sie am Anfang noch ganz angenehm war, hat sich im Verlauf des Schuljahres verändert: „Nach zwei, drei Monaten hat man den alten Schulalltag schon hin und wieder vermisst“, sagt Lucia Cosic, die nun nach dem Ende der Schulzeit eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin beginnen möchte. Nicht nur der eigentliche Unterricht, sondern auch das Drumherum mit Pausen, Freundinnen und Freizeit fehlten der Schülerin.
Der Fernunterricht mit den online zugeschalteten Mitschülern und Gruppenarbeiten auf Distanz sei ebenfalls nicht immer einfach gewesen. „Wir haben das ganze Jahr über viele Aufgaben bekommen. Es gibt zwar niemanden, der die alle gemacht hat“, sagt die 18-Jährige mit einem Schmunzeln, „aber wenigstens haben wir immer kurze Rückmeldungen bekommen“.
Leya Klüdtke, 17 Jahre, Justinus-Kerner-Gymnasium (Jgst. 1)

Wovon viele Schüler in den vergangenen zehn Monaten nur träumen konnten, war für Leya Klüdtke und ihre Mitschüler aus der Jahrgangsstufe 1 Realität: Sie waren noch verhältnismäßig oft in Präsenz in den Unterrichtsräumen. „Es war aber von Anfang an klar, dass es Einschränkungen geben wird. Für mich war es dennoch ein gutes Jahr. Aber ich kenne viele, denen die Motivation schwergefallen ist“, sagt Leya Klüdtke.
Wer im regulären Unterricht hin und wieder abschalte, für den werde es allein vor dem Computer noch schwerer, Konzentration und Motivation aufrechtzuhalten, sobald die Lehrer nicht unmittelbar nachhaken oder nachfragen konnten. Und auch wenn die digitalen Unterrichtsformen, die sich für die 17-Jährige „inzwischen normal“ anfühlen, mitsamt ihrer technischen Tücken immer wieder für amüsante Momente gesorgt hätten, wünscht sie sich eine Rückkehr zur alten Normalität.
„Was das nächste Schuljahr bringt, kann man kaum sagen. Ich glaube, das ist echt eine Wundertüte. Ich wünsche mir aber eigentlich einfach nur ein normales Abi mit normaler Abi-Feier und allem Drumherum.“
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