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Am Neckarsulmer Bahnhof wird es bald nur noch Video-Beratung geben

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Am 1. Juli schließt das Reisezentrum der Deutschen Bahn im Neckarsulmer Bahnhof. Stattdessen soll eine Video-Beratung mit Ticketverkauf den Service übernehmen. Eine Petition setzt sich derweil für die Rettung des Fahrkartenschalters ein - dem letzten im Landkreis Heilbronn.

von Bigna Fink
Mit einer Petition setzt sich Ralf Wache für die Rettung des letzten Fahrkartenschalters im Landkreis Heilbronn ein, der noch mit einer Person besetzt ist.
Foto: Bigna Fink
Mit einer Petition setzt sich Ralf Wache für die Rettung des letzten Fahrkartenschalters im Landkreis Heilbronn ein, der noch mit einer Person besetzt ist. Foto: Bigna Fink  Foto: Fink, Bigna

"Diese Service-Einsparung passt nicht zum Klimaschutzkonzept", sagt Ralf Wache: "So wird es mit dem Umstieg von Autofahrern auf öffentliche Verkehrsmittel nix." Der 53-Jährige ist einer der Bürger aus der Umgebung, die den Schritt des Eisenbahnkonzerns kritisieren.

An einem Montag im März kommt der Neckarsulmer für ein Gespräch zum 1866 erbauten Bahnhof. Im Erdgeschoss des Baus, der seit 2006 der Stadt gehört, befinden sich ein Kiosk, das Reisezentrum und Toiletten. Gelegenheitsbahnfahrer Gerd Culin sitzt auf einem der Stühle vor dem Schalter und nennt dessen Schließung "einen weiteren Schritt der grotesken Entmenschlichung in unserer Gesellschaft".


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Klassischer Schalter am Bahnhof Neckarsulm schließt


Petition für Erhalt des Reisezentrums gestartet

Ende Februar startete Wache eine Petition für den Erhalt des Reisezentrums. Bisher haben online und auf dem Papier rund 250 Menschen unterschrieben. "Persönliche Beratung brauchen vor allem Ältere und Personen, die nicht so oft fahren", begründet etwa Jürgen Baumgärtner aus Massenbachhausen seine Teilnahme an der Online-Petition. Und Petra Schulze aus Neckarsulm schreibt: "Es kann nicht sein, dass die DB immer höhere Fahrpreise verlangt und im Gegenzug Personal abgebaut wird."

Von der Stuttgarter DB-Pressestelle heißt es, der Neckarsulmer Reiseberater werde an einem anderen Standort beschäftigt. Die Kunden würden dank digitaler Technologie von verlängerten Öffnungszeiten für Beratung und Verkauf profitieren. In einer großen Kabine mit zwei Bildschirmen und Lautsprecher wird der Kunde auch sonntags mit einem DB-Mitarbeiter in Villingen-Schwenningen verbunden. Bei ihm kann er ein Ticket kaufen.

An der Verkaufsstelle im Bahnhof steht an diesem Vormittag Anke Andert. "Ich finde es natürlich schade, dass der Schalter schließt", sagt die Reiseberaterin, die sonst am Bahnhof Heilbronn arbeitet. "In Neckarsulm sind die Kunden besonders dankbar über den Service."

Bedauern auch bei den Reiseberatern am Schalter

Am Telefon bestätigt das ihr Kollege Bernd Häusser, der seit neun Jahren in Neckarsulm im Rahmen einer "Ein-Mann-Stelle" angestellt ist. Er mag den direkten Kundenkontakt: "Wenn Zeit ist, halten wir ein Schwätzchen." Durchschnittlich etwa 50 Reisende kommen täglich zu ihm, der Großteil sei älter als 60, "aber es kommen auch Schüler, Pendler und Gruppen". Die Kundschaft erstrecke sich bis nach Möckmühl und Weinsberg. Dass der Schalter im Juli schließt, kam für Häusser "überraschend". "Es gibt hier sehr viel Auskunftsbedarf", sagt er, "gerade auch für Feinheiten wie die vier Bushaltestellen und deren Linien in Bahnhofsnähe."

"Die Berater in der Zentrale der DB-Video-Reisezentren kennen sich in der Region gut aus und sind für die individuellen und regionalen Anliegen zum Fern- und Regionalverkehr geschult", betont dagegen ein Bahnsprecher. Der Neckarsulmer Oberbürgermeister Steffen Hertwig sagt: "Sicherlich würden sich viele Kunden weiterhin einen Bahnservice mit persönlichem Berater wünschen."

Unterstützung für Senioren bei Angebotsnutzung 

Man könne aber die wirtschaftlichen Gründe und die Digitalisierung der DB nachvollziehen. "Der Stadt ist bewusst, dass ein digitales Angebot gerade für die ältere Bevölkerung mit Hürden verbunden ist", so Hertwig. Die städtische Fachstelle "Leben im Alter" werde daher Möglichkeiten prüfen, Senioren bei der Angebotsnutzung zu unterstützen. "Denkbar sind etwa Schulungen", sagt der OB.

Den Standort der Video-Beratungs-Kabine will die Deutsche Bahn noch im März gemeinsam mit der Stadt finden. Das Video-Reisezentrum in Neckarsulm wird das erste in der Region sein. In Baden-Württemberg gibt es aktuell 30 dieser Online-Beratungsstellen.

So läuft's in der Fachwerkstadt Eppingen

Nach der Schließung in Neckarsulm ab Juli dieses Jahres ist im Heilbronner Hauptbahnhof das letzte verbliebene analoge Reisezentrum der Deutschen Bahn in der Region. Dort gibt es vom Verkehrsunternehmen Abellio noch einen Kundencenter. In benachbarten Kreisen sind Fahrkartenschalter mit persönlicher Beratung etwa in Sinsheim und Bietigheim noch aktiv.

Im Eppinger Bahnhof betreibt die Diakonische Jugendhilfe Region Heilbronn seit 2017 eine Zugticket-Verkaufsstelle mittels einer Teilzeitstelle. Mit jährlich rund 15 000 Euro Defizitausgleich unterstützt die Stadt Eppingen dieses besondere Modell, erklärt DJHN-Geschäftsführer Markus Schnizler. Und: "Der Schalter trifft auf steigende Nachfrage, nicht nur bei Senioren."

In Neckarsulm wird laut Stadtverwaltung das Eppinger Beispiel nicht Schule machen: "Für die Nachnutzung des Schalterbereichs im Bahnhofsgebäude besteht eine vertragliche Vereinbarung mit einem Interessenten, der bereits im Umfeld des Bahnhofs ansässig ist", heißt es auf Nachfrage.

 
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