Vor 20 Jahren: Als der große Run auf den neuen Euro ausbrach
Blick zurück auf die Währungsumstellung vor 20 Jahren: Lange Schlangen in den Banken, ein besonderer Gabelstaplereinsatz und kuriose D-Mark-Konfetti von höchster Stelle.
Der Übergang von der geliebten D-Mark auf den Euro sorgte vor 20 Jahren für einen Banken-Ansturm. Als die Geldinstitute am ersten Werktag nach dem Jahreswechsel 2002 wieder geöffnet hatten, ging es nicht nur in der Hauptstelle der Kreissparkasse (KSK) in Heilbronn zu wie sonst bei Konzerten von hoch angesagten Teenie-Bands. Sehr lange Schlangen bildeten sich, die Bürger wollten unbedingt ihre Mark in die neue Euro-Währung tauschen.

Öffnungszeit in einer Bank bis 20 Uhr verlängert
"So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt KSK-Vorstandsvorsitzender Hans Hambücher damals auf Stimme-Anfrage. An einem normalen Tag kamen damals bis zu 4000 Kunden in die Hauptstelle. "Die gleiche Menge muss nun innerhalb einer Stunde abgefertigt werden", so Hambücher. Es gab einige Institute wie die BW Bank in Heilbronn, die die Öffnungszeit kurzerhand bis 20 Uhr verlängerten. "Offenbar will keiner zwei Währungen in der Tasche haben", hatte Bankdirektor Thomas Langohr eine Erklärung. "Ohne Warten gibt es keinen Euro", titelte die Stimme am 3. Januar.
Damals war eigentlich für eine Übergangszeit zugesichert, dass man auch mit D-Mark bezahlen und Euro als Wechselgeld bekommen kann. Jetzt war der Euro da - und alle wollten ihn haben. Das Heilbronner Insel-Hotel hatte sogar zum Jahreswechsel eigens eine "Wechselstube" für die Gäste eingerichtet, die zum Renner wurde.
Zu bunt, zu klein: Erste Reaktionen auf die neuen Euro-Scheine
Am Silvestertag hatte es in den Banken ebenfalls längere Schlangen gegeben - weil sich viele Menschen noch einmal mit der guten, alten D-Mark eindecken wollten. Einige Geldautomaten waren dann auch bald leergeräumt.
Gegen Mitternacht zog es viele Bürger wieder an die Automaten, um die ersten neuen Scheine in Händen zu halten. "Die Scheine sind mir zu klein", "Die Münzen sind schöner als die Markstücke", "Ein wenig bunt sind die Euro-Scheine schon" oder "Die Euro-Scheine fühlen sich fester an" waren Aussagen in einer Umfrage.
Am Ende schafften die Banken die Währungsumstellung bis auf wenige kleine Störungen ziemlich reibungslos. Die Fehlerquote an den Automaten "war niedriger als an einem normalen Wochenende", stellte ein KSK-Vorstandsmitglied fest.
Heute blickt Hans Hambücher im Ruhestand auf kuriose Szenen zurück. Die halbe Tiefgarage der Kreissparkasse habe man damals für Päckchen mit Euro-Münzen für die Kunden leergeräumt - und die Päckchen "mit dem Gabelstapler" fein säuberlich gelagert. Über Tage habe die Vorbereitung gedauert.

Sorge vor einer Schwächung der Kaufkraft sitzt tief
Er selbst ist zu über 150 Vorträgen in der Region umhergefahren, um Bürgern Sorgen vor der neuen Währung zu nehmen. Der Abschied von der D-Mark fiel vielen schwer. "Es gab die Sorge, dass die neue Währung schwächer wird, dass Kaufkraft verloren geht". Dass der Euro ein "Teuro" wird, war ein geflügeltes Wort. Im Lebensmittelbereich haben die Preise angezogen, das bestreitet Hambücher nicht. Aber eben nicht überall. Im Bereich Elektronik oder bei Waren wie Kühlschränken oder Backöfen "ist es insgesamt preiswerter geworden". Heute stehe die große Mehrheit hinter dem Euro, ist er überzeugt. Und politisch sei eine gemeinsame Währung in der EU die richtige Entscheidung gewesen, um Europa stärker zusammenzuschweißen. Ein Land alleine könne kaum gegen Wirtschaftsblöcke wie China oder die USA bestehen. "Es war der richtige Weg."
Auf eine besondere Anekdote mit der scheidenden D-Mark blickt Stimme-Archivleiterin Dagmar Weigel zurück. Ihr Vater, der in Berlin wohnte, hat ein Angebot der Bundesdruckerei genutzt, sich kleine Päckchen mit geschredderten D-Mark-Scheinen zu besorgen. Drei Tage lang durften Bürger damals die Schnipsel abholen. Zum Geburtstag seiner Ehefrau hat ihr Vater die D-Mark-Schnipsel als Tischdekoration an die Plätze der Gäste gestellt und in jedes Päckchen mit Schleife einen Schokoladen-Euro reingepackt. "Es ist ein tolles Andenken an die D-Mark" findet Dagmar Weigel. Immerhin rund 1000 Mark waren die Schnipsel einmal wert.
D-Mark-Scheine im Wert von 2,8 Milliarden Mark musste die Bundesdruckerei damals vernichten. Mit dem Angebot der D-Mark-Konfetti wollte man die Bürger auch in eine Ausstellung zur Währungsumstellung im eigenen Haus locken.

Historischer Auftrag
An der Geschichte der letzten D-Mark-Münzen hat die Kirchardter Verpackungsfirma Bässler vor der Umstellung auf den Euro entscheidend mitgewirkt. Sie erhielt den Zuschlag einer Ausschreibung der Bundesbank, um 124 000 Spezialkisten aus Holz für den Transport der D-Mark-Münzen von Banken zu den Wiederverwertungsanlagen zu fertigen. Bedingung: Die Kisten mussten so stabil sein, dass der unterste von fünf übereinandergestapelten Behältern 2,8 Tonnen Gewicht tragen konnte. Die Firma schaffte es, wurde bundesweit bekannt als Begleiter der letzten Reise der D-Mark-Münzen. Bässler stellte zehn weitere Mitarbeiter ein. "So einen Auftrag", sagte Bernd Bässler damals, "bekommt man nur ein Mal im Jahrhundert."


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