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"Statistik wird oft politisch missbraucht"

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Mehr Kontrollen durch die Polizei führen zu mehr Anzeigen. Das beeinflusst die polizeiliche Kriminalstatistik. Der Kriminologe Thomas Feltes erklärt, wie aussagekräftig die Statistik ist.

 Foto: Berger, Mario

Die Polizeiliche Kriminalstatistik dient als Gradmesser wenn es darum geht zu beurteilen, ob eine Region als sicher oder unsicher gilt. Dabei hat sie Schwächen, wie der Kriminologe Dr. Thomas Feltes erklärt.

 

Welche Aussagekraft hat die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)?

Professor Thomas Feltes: Sie ist eine Arbeitsstatistik der Polizei und sagt nichts über die Zahl begangener Straftaten oder verurteilter Straftäter aus. Staatsanwaltschaften stellen etwa drei Viertel aller Verfahren ein, weil beispielsweise ein Tatnachweis nicht erbracht wird.

 

Was sagt sie über die Entwicklung einzelner Delikte aus?

Feltes: Die PKS ist in ihrer wissenschaftlichen Aussagekraft sehr beschränkt und wird oft politisch missbraucht. Wenn einzelne Delikte ansteigen, muss man sehr genau hinsehen, warum dies der Fall ist. Meist spielt dabei das Anzeigeverhalten die entscheidende Rolle.

 

Welche Fehler bei der Erfassung sind bekannt?

Feltes: Die Polizei bewertet Taten meist schwerer, als sie später von der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht juristisch eingeordnet werden. Dadurch entsteht ein falscher Eindruck. Hinzu kommen Erfassungsfehler bei der Eintragung der Fälle in die Statistik und Mehrfacherfassungen. Wir gehen davon aus, dass bis zu 20 Prozent falsch erfasst sind.

 

Werden mehr Straftaten begangen als in der PKS ausgewiesen sind?

Feltes: Ja, das stimmt tatsächlich. Das Dunkelfeld ist je nach Delikt bis zu dreimal größer als das Hellfeld, also die von der Polizei registrierten Taten. Insgesamt kommt auf eine von der Polizei registrierte Tat mindestens eine weitere Tat, die nicht registriert wird, weil viele Straftaten nicht angezeigt oder auch nicht als solche erkannt werden.

 

Was passiert, wenn mehr im Dunkelfeld ermittelt wird?

 Foto: Zur Person

Feltes: Wenn durch verstärkte polizeiliche Maßnahmen oder mehr Strafanzeigen aus der Bevölkerung das Dunkelfeld aufgehellt wird, steigt logischerweise die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten. Dessen muss man sich als Politiker und Polizeipraktiker bewusst sein. Es ist eine politische Entscheidung, mehr Kontrollen durchzuführen. Es kommt dadurch zu mehr registrierten Straftaten, was im Ergebnis dazu führen kann, dass die Bürger den Eindruck bekommen, ihre Stadt sei unsicherer geworden.

 

In Heilbronn sagen manche Bürger, dass sie sich nicht mehr sicher fühlen.

Feltes: Das Sicherheitsgefühl ist subjektiv und von vielen Faktoren abhängig, wobei die Angst vor Kriminalität nur eine eher geringe Rolle spielt. Auf der Liste der Ängste der Deutschen taucht sie auf Platz 20 auf. Davor rangieren andere Ängste wie die Angst vor Armut. Hinzu kommt, dass sich Menschen vor allem dort unsicher fühlen, wo sie fremd sind. In der eigenen Nachbarschaft fühlen sie sich meist sicher.

 

Was kann man für ein besseres Sicherheitsgefühl tun?

Feltes: Tatsächlich wünschen sich viele Bürger mehr uniformierte Polizisten oder Ordnungsdienstmitarbeiter auf der Straße. Dort, wo der Kommunale Ordnungsdienst Streife läuft, steigt das Sicherheitsgefühl, ebenso, wenn Uniformierte in Bussen oder Bahnen mitfahren. Wichtig ist herauszufinden, welche Ängste es genau sind, die den Bürgern Sorgen bereiten.

 

Die Polizei spricht von der Bring- oder Holkriminalität. Was ist der Unterschied?

Feltes: Nur ein geringer Teil der Straftaten wird von der Polizei selbst erkannt. Etwa 90 Prozent melden Bürger, bringen sie sozusagen zur Polizei. Bei der Aufklärung spielen Bürger eine ganz wesentliche Rolle. Die große Mehrzahl der Taten wird durch Aussagen und Hinweise von Bürgern aufgeklärt und nicht durch eigene Ermittlungstätigkeit der Polizei.

 

Welche Delikte fallen unter die Holkriminalität?

Feltes: Das gilt besonders für den Bereich der Drogenkriminalität, aber auch in den Bereichen der Wirtschaftskriminalität. Wenn ich mehr Polizeibeamte einsetze, erhöht sich die Chance, dass Taten erkannt und registriert werden.

 

Andere Beispiele?

Feltes: Beim Schwarzfahren werden die meisten Täter nicht erwischt. Mehr Kontrollen im öffentlichen Nahverkehr führen zu mehr Taten und mehr Tätern. Oder: Wenn man im Bereich der Kinderpornographie mehr Internet-Ermittler einsetzt, steigt die Zahl der registrierten Fälle.


Zur Person

Professor Dr. Thomas Feltes war bis 2019 Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1992 bis 2002 leitete er als Rektor die Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. Der 70-Jährige Jurist und Sozialwissenschaftler war mehr als 40 Jahre als Berater für nationale und internationale Organisationen tätig. 

 
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