20-Kilometer-Umweg vier Mal am Tag

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Die B27-Sperrung bei Gundelsheim-Böttingen sorgt für Frust und Ärger. Es fahren keine Busse und wechselweise sind Brücke und Bundesstraße gesperrt. Für eine Strecke von einem Kilometer müssen Betroffene eine rund 20 Kilometer lange Umleitung in Kauf nehmen.

Von Alexander Klug
Ein Verkehrsschild, über das zurzeit mancher Böttinger nur bitter schmunzeln kann: Statt einem Kilometer ins nahe Gundelsheim müssen die "Halbinselbewohner" noch einige Zeit ungefähr 20 zurücklegen. Fotos: Alexander Klug
Ein Verkehrsschild, über das zurzeit mancher Böttinger nur bitter schmunzeln kann: Statt einem Kilometer ins nahe Gundelsheim müssen die "Halbinselbewohner" noch einige Zeit ungefähr 20 zurücklegen. Fotos: Alexander Klug  Foto: Klug, Alexander

Das Dorf im Tal schmiegt sich in die Schleife des Neckars, Burg Guttenberg und Schloss Horneck wachen auf den Anhöhen. Mit der malerischen Landschaft am nördlichen Rand des Landkreises Heilbronn hat die Stimmung unter vielen Böttingern derzeit aber wenig gemeinsam. Denn die Bundesstraße, an der der 500-Seelen-Ort liegt, bekommt eine neue Asphaltoberfläche und ist für mehrere Wochen gesperrt, direkt am Böttinger Ortsschild. Damit ist Böttingen von Kernstadt und Landkreis Heilbronn abgeschnitten und nur über eine lange Umleitungsstrecke erreichbar. Das stellt einige vor große Probleme − vom Erreichen des Arbeitsplatzes über den Weg zu Schule und Kinderbetreuung bis zu Lkw in Wohnstraßen.

Die Anwohner der Wiesenstraße versuchen sich zu helfen, so gut es geht.
Die Anwohner der Wiesenstraße versuchen sich zu helfen, so gut es geht.  Foto: Klug, Alexander

"Ich muss regelmäßig zum Arzt nach Bad Friedrichshall", erzählt Hanni Büttner. "Das bedeutet im Moment 48 Kilometer statt zwölf Kilometer Fahrt. Und viel Stau." Denn zu den Staus südlich der Sperrung bei Böttingen kämen jetzt noch Staus in Haßmersheim − die Umleitungsstrecke führt erst hinauf bis zum Mosbacher Kreuz, dann auf der anderen Neckarseite wieder hinunter bis zurück nach Gundelsheim. "Und wenn dann noch die Brücke gesperrt ist, muss man auch noch über Bad Wimpfen fahren. Das ist nicht spaßig. Ich plane im Moment mindestens eine Stunde für die Fahrt nach Bad Friedrichshall."

Straße zu, Chaos groß

Dietlinde Schüßler ist Erzieherin in der städtischen Kindertagesstätte in Böttingen. "Ich wohne in Siegelsbach und muss schon seit langem den Umweg über Mosbach fahren. Erst war die Brücke gesperrt, jetzt ist die B27 gesperrt, danach soll wieder die Brücke gesperrt werden. Eine ungeheure Belastung. Nichts war organisiert. Der Weg zum Kindergarten nach Böttingen. Der Schulbus in die andere Richtung. Nichts."

Die Hälfte der Kinder kommt aus den anderen Ortsteilen. "Manche Eltern fahren den Umweg vier Mal pro Tag mit dem Auto, andere bringen ihre Kinder mit Fahrrädern und Anhängern, wieder andere bleiben zu Hause."

Behörden schieben Verantwortung hin und her

Manche Ortsmitte wie die in Haßmersheim wird zum staugeplagten Nadelöhr.
Manche Ortsmitte wie die in Haßmersheim wird zum staugeplagten Nadelöhr.  Foto: Klug, Alexander

Güzel Toktas" Tochter ist eine der Schülerinnen, die morgens nach Gundelsheim zur Horneckschule müssen. Eigentlich. "Heute hat ein Arbeitskollege sie zur Schule mitgenommen und kann sie auch wieder abholen. Wie es morgen läuft, keine Ahnung", sagt der 41-Jährige. Auch seine Frau sei berufstätig, im Moment gehe alles durcheinander. "Und die Behörden schieben die Verantwortung hin und her."

Mit Hilfe eines Rechtsanwalts hat er versucht, die Situation mit der Schülerbeförderung zu verbessern. Zahlreiche E-Mails gingen zwischen Anwalt und Regierungspräsidium hin und her − für die weiterführende Schule sei die Entfernung zu Fuß oder mit dem Fahrrad zumutbar, so die Behörde. "Wie normale Leute das hinkriegen, ist denen egal."

Ausnahme für Triathlon sorgt für Verwunderung

Für zusätzlichen Ärger sorgt eine Triathlon-Veranstaltung in Haßmersheim. "Natürlich nicht der Triathlon selbst, sondern, dass dafür die Sperrung der B27 am Wochenende aufgehoben wurde. Da geht das. Für die Kinder nicht."

Der Triathlon sei bereits vor der Planung zur Maßnahme auf der B27 genehmigt worden, heißt es aus dem Regierungspräsidium. "Wir mussten uns mit dieser Sperrung im Bereich unserer Umleitungsstrecke arrangieren. Eine Verschiebung kam auf Grund anderer Sperrungen nicht in Betracht." Ebenso nicht, die Arbeiten mit einer lediglich halbseitigen Sperrung zu organisieren. Nach einer Richtlinie seien solche Sperrungen nicht mehr zulässig, wenn die gesamte Fahrbahn schmaler als 8,70 Meter ist, schreibt die Behörde. Eine Verbesserung der Sicherheit der Beschäftigten auf der Baustelle "zu Lasten der Verkehrsteilnehmer und Anwohner der Umleitungsstrecken."

Kleinbus für jüngere Schüler

Das staatliche Schulamt Heilbronn verteidigt die Schulleitung in Gundelsheim. Sie sei über die Vollsperrung nicht informiert worden und habe deswegen nicht vorsorglich handeln können, schreibt Leiter Wolfgang Seibold dem Anwalt. Man habe sich "mit höchster Priorität" um eine Transportlösung für die Grundschüler eingesetzt − die sei nun mit einer Hin- und Rückfahrt pro Tag im Kleinbus gegeben. Denn für ältere Schüler sei der Schulweg für die drei Wochen zumutbar. Er sehe allerdings eine "Optimierungsmöglichkeit", künftig einschneidende Verkehrsbeeinträchtigungen frühzeitiger zu kommunizieren.

Optimierungsmöglichkeit dürfte auch Heike Schokatz sehen. "Das ist schon ärgerlich, wenn einen so eine Nachricht derart kurzfristig erreicht", kritisiert die Bürgermeisterin. "Für anderes machen wir Info-Veranstaltungen für die Bürger ein Jahr, bevor es losgeht. Und so eine Sperrung kommt quasi einen Tag vorher." Man habe dann getan, was man noch konnte − Info des Regierungspräsidiums ins Mitteilungsblatt, Schule kontaktieren. "Die hat die Neuigkeit in den Pfingstferien nicht rechtzeitig erreicht. Sehr unglücklich."

Busverkehr, Sperrung

Der reguläre Schulbus soll noch bis 22. Juni nicht fahren − drei Tage, bevor die B27 planmäßig wieder geöffnet wird. Die Instandsetzung der Wehrbrücke dauert voraussichtlich von Anfang September bis Ende November.

 


Kommentar: Erschütternd

Von Alexander Klug

Je größer das Bauprojekt, desto länger die Planung − auch, weil die Anzahl derer, die gehört werden und mitreden dürfen, immer größer wird. Beteiligung, wohin man schaut, Arbeitsgruppen, Workshops. Für die Sanierung der Asphaltdecke einer Bundesstraße braucht man sicher keinen solchen Aufwand zu betreiben. Aber mit Sicherheit ist eine solche Maßnahme keine spontane Aktion. Das Ergebnis der Koordination der Beteiligten ist erschütternd: Laut Schulamt wurde die Schule nicht informiert, dass kein Bus fährt − laut Regierungspräsidium schon. Das Rathaus beschwert sich über zu kurzfristige Informierung − das Regierungspräsidium schreibt, dass Landratsamt und Städte in die Planungen einbezogen gewesen seien. Aha.

Sicher sind die Menschen anspruchsvoller geworden, ihre Alltagskonstruktionen empfindlicher. Aber ist das nicht politisch gewollt? Berufstätige Frauen? Betreute Kinder? Dass der Ärger groß sein würde, wenn Eltern montags erfahren, dass sie nicht einen, sondern 20 Kilometer fahren müssen, ist selbstverständlich − dafür kommt das gefühlte "Stellt euch nicht so an, so weit ist es gar nicht, es gibt doch eine Umleitung. Außerem sind es nur drei Wochen" recht abgehoben daher. Vielleicht sollte man sich den einen oder anderen Workshop sparen und dafür etwas früher darüber nachdenken, was das eigene Tun für die Verwalteten in der normalen Welt für Auswirkungen hat.

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alexander.klug@stimme.de

 
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