Kinder missbraucht: Heilbronner Freikirche vergibt und schaut tatenlos zu

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Über Jahrzehnte hinweg hat ein heute 59 Jahre alter Heilbronner minderjährige Mädchen und mindestens eine behinderte Frau sexuell missbraucht. Eine Heilbronner Freikirche schaute jahrelang zu. Das Amtsgericht hat den Angeklagten am Freitag verurteilt.


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„Das war eine ganz knappe Nummer“, sagte Richterin Annalena Kohler bei der Urteilsverkündung am Freitag im Heilbronner Amtsgericht. Am Ende verließ der 59 Jahre alte deutsche Staatsbürger den Gerichtssaal aber als freier Mann. Zwei Jahre Haft, die auf Bewährung ausgesetzt wird, lautete das Urteil des Schöffengerichts. Darüber hinaus muss der Verurteilte eine Therapie antreten und 8000 Euro an den Verein Pfiffigunde bezahlen.

Über Jahrezehnte hinweg hat der Beschuldigte Mädchen zum Teil unter 14 Jahren und mindestens eine behinderte Frau sexuell missbraucht und genötigt. Das Gericht befand den Angeklagten D. wegen zweifacher sexueller Nötigung, sexuellen Missbrauchs in sechs Fällen und wegen sexuellen Übergriffs für schuldig. Der Verurteilte räumte die Vorwürfe ein.

Nach Überzeugung des Gerichts machte sich der Angeklagte das Vertrauen und die Hilflosigkeit seiner Opfer zunutze. Selbst vor den Kindern seines Bruders machte er offenbar nicht Halt. Die Richter und die Staatsanwältin Annika Osebek gehen davon aus, dass in diesem Prozess nur die Spitze des Eisbergs verhandelt wurde.

Prozess in Heilbronn: Angeklagter war bis zum Rauswurf Mitglied der Evangeliums-Christengemeinde

Bis zu seinem Rauswurf aus der Gemeinde im Oktober 2023 war D. Mitglied der Evangeliums-Christengemeinde Heilbronn. In der Freikirche engagierte er sich offenbar auch als Freizeitbetreuer von Kindern und Jugendlichen. Veranstaltete Feiern für Minderjährige auf seinem Gartengrundstück zwischen Erlenbach und Neckarsulm.

In allen Fällen habe D. seine Opfer sexuell motiviert berührt. Die Masche war offenbar immer dieselbe. Unter einem Vorwand oder bei einer Umarmung schob er seine Hände unter die Oberbekleidung seiner Opfer und berührte sie an den Brüsten.

Weil er junge Mädchen missbrauchte, musste sich ein 59 Jahre alter Angeklagter vor dem Amtsgericht verantworten. Seine Ehefrau (links) stand ihm im Prozess bei.
Weil er junge Mädchen missbrauchte, musste sich ein 59 Jahre alter Angeklagter vor dem Amtsgericht verantworten. Seine Ehefrau (links) stand ihm im Prozess bei.  Foto: Berger, Mario

Unter anderem habe er im Juli 2006 zwei damals 14-jährige Mädchen auf seinem Motorroller auf einem Feldweg fahren lassen, wobei er als Beifahrer hinten Platz genommen hatte. Unter dem Vorwand, er müsse seine Hände wärmen, schob der Angeklagte von hinten seine Hände unter die Oberbekleidung der Mädchen. Dabei fasste er sie zuerst auf dem nackten Bauch an. Anschließend schob er seine Hände unter den BH der Opfer.

Der Beschuldigte fasste jungen Mädchen von hinten an die Brust

Ferner fasste D. im Jahr 2012 auf seinem Gartengrundstück im Rahmen einer Kinderfreizeit unter anderem einer Zwölfjährigen an die Brust. Im September 2023 hat der Beschuldigte in der Küche des Gemeindehauses der Evangeliums-Christengemeinde eine damals 27-jährige intelligenzgeminderte Geschädigte gegen ihren Willen an der Brust und an ihrem Gesäß angefasst.

Zuvor hatte er sich offenbar zwischen 1995 und 2021 an den Kindern seines Bruder vergangen. Beim Fangespielen im Kinderzimmer oder beim Familienausflug im Lehrschwimmbecken des Heilbronner Soleo. Dabei soll er ein Mädchen auch im Intimbereich berührt haben.

Freikirche hat die Übergriffe immer wieder vergeben

In der Kirchengemeinde waren die Übergriffe immer wieder Thema. Im Gespräch mit dem Kirchenvorstand und mit der Gemeinde. Offenbar wurde ihm immer wieder vergeben. „Die Gemeinde hätte gegensteuern können“, sagte Annalena Kohler. So dagegen hätte das System lange funktioniert, so die Richterin. Der Stein kam erst ins Rollen, als es 2023 dem Vater eines Opfers reichte und dieser Anzeige erstattete.

Der Angeklagte räumte alle Vorwürfe ein, auch wenn er sich nicht an alle Taten erinnern könne. Schwer krank sei er, sagte seine Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf. Fünf Herzinfarkte habe er mittlerweile gehabt. Jeden Tag müsse er Medikamente nehmen. Er selbst sagte während der Verhandlung nicht viel. Nach vorn gebückt und den Kopf gesenkt rieb er sich immer wieder mit einem Taschentuch die Augen. Wenn überhaupt, sprach er leise und kaum zu verstehen.

Er umarme niemanden mehr, und wenn er aus dem Haus gehe, sei seine Frau immer dabei. Auch sie war Mitglied der Kirchengemeinde. Als sie von den Taten hörte, sei sie schockiert gewesen. Aber auch seine Frau hat dem Angeklagten vergeben.

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