Praktisch und virtuell: Wie Ilsfelder Förderschüler die Arbeitswelt erkunden

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Am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum der Schozachtalschule nimmt die Berufsorientierung einen hohen Stellenwert ein. Warum jetzt auch VR-Brillen zum Einsatz kommen. 

Malak (2.v.l.) und Laura (r.) lernen potenzielle Ausbildungsberufe mit Hilfe von Praktika live, aber auch digital mit VR-Brillen kennen. Ihre Lehrerin Melissa Ammann und Rektorin Lea Grießl begleiten sie dabei.
Malak (2.v.l.) und Laura (r.) lernen potenzielle Ausbildungsberufe mit Hilfe von Praktika live, aber auch digital mit VR-Brillen kennen. Ihre Lehrerin Melissa Ammann und Rektorin Lea Grießl begleiten sie dabei.  Foto: Claudia Kostner

Laura hält inne: "Jetzt habe ich keinen Haargummi dabei", sagt die Siebtklässlerin am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) der Schozachtalschule Ilsfeld. Kein Problem, Malak kann aushelfen. Mit Pferdeschwanz ist es einfacher, die sperrige VR-Brille aufzusetzen. Berufsorientierung steht auf dem Stundenplan. Laura taucht filmisch ein in die Welt einer Arzthelferin, Malak bekommt einen virtuellen Einblick ins  berufliche Umfeld einer Drogistin.

"Eine Frau war an der Kasse, eine andere hat den Kunden gezeigt, wo die Lipliner sind, eine andere hat Regale aufgefüllt", erzählt Malak. "Und was muss man dafür können?", fragt ihre Klassenlehrerin Melissa Ammann. "Mit anderen Leuten gut umgehen, sprechen, freundlich sein", antwortet die 13-Jährige. "Broschüren über Ausbildungsberufe haben viel Text. Diesen zu erfassen, ist für unsere Schüler schwierig. Sogar gesprochene Infos sind eine Herausforderung für Jugendliche mit Migrationshintergrund", macht Rektorin Lea Grießl deutlich. Eine Pflegekraft, einen Polizisten oder einen Handwerker virtuell durch seinen Arbeitstag zu begleiten, ist da etwas ganz anderes. 

Förderverein ermöglicht Ilsfelder SBBZ das Ausleihen von VR-Brillen

"Wir wollen den Schülern Teilhabe ermöglichen, auch ohne große Kompetenz in Lesen, Schreiben, Rechnen", so Grießl. Dass dafür jetzt VR-Brillen eingesetzt werden können, ist dem neu gegründeten Förderverein zu verdanken, der der Paul-Kleinknecht-Stiftung angegliedert ist. Einmal pro Halbjahr werden zwei Exemplare von der Berufsberatungsplattform "Mein erster Tag" ausgeliehen. Das Besondere ist der Bezug zur eigenen Lebenswelt: Vorgestellt werden ausschließlich Jobs in Betrieben aus Ilsfeld und Umgebung. Wer von den zwölf Siebtklässlern gerade keine VR-Brille aufhat, kann sich die Filme auf dem iPad anschauen.

Aber die virtuelle Welt ist nur ein Mosaikstein, sich eine Vorstellung von der eigenen beruflichen Zukunft machen zu können. "Bereits in der 7. Klasse absolvieren die Mädchen und Jungen zwei einwöchige Praktika. In Klasse 8/9 sind sie sogar einmal in der Woche in einem Betrieb. "Damit sie wissen, warum sie lernen und warum sie überhaupt einen Hauptschulabschluss machen sollen", erklärt Lea Grießl. "Bei uns muss Schule handlungsorientiert sein", ergänzt Melissa Ammann. 

Externer Hauptschulabschluss in Kooperation mit Werkrealschule Lauffen

Der externe Hauptschulabschluss in Kooperation mit der Werkrealschule Lauffen ist eine Möglichkeit, später eine Lehrstelle zu bekommen. "Bis auf einen haben das im vergangenen Schuljahr alle Neuntklässler geschafft", freut sich Lea Grießl. "Allein das Wissen dieser Option hilft Eltern, sich für unsere Schule zu entscheiden", hat sie festgestellt. Wer möchte, kann für den Hauptschulabschluss aber auch eine zweijährige berufsvorbereitende Schule, wie etwa die Susanne-Finkbeiner-Schule in Heilbronn besuchen.

Wer ein Praktikum macht, lernt auch gleichzeitig, was Durchhaltevermögen und Disziplin bedeuten. Eigenschaften, die Förderschüler vom Elternhaus oft gar nicht kennen, sagt Grießl. Sich abzumelden, wenn man krank ist, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen - was für viele Menschen selbstverständlich ist, sei für andere eine Herausforderung: "Die Familien unserer Schüler kämpfen mit ganz anderen Problemen. Wir als ,normale Gesellschaft' sehen diese Hürden gar nicht", beschreibt Melissa Ammann.

Einsatz von digitalen Medien am SBBZ ist gut für die Motivation

Die Sonderpädagogin ist auch Medienbeauftragte des SBBZ. Der Einsatz von digitalen Medien wie etwa VR-Brillen, Laptops oder iPads ist ihr und Lea Grießl wichtig. "Wenn ich eine Schülerin habe, die schlecht von Hand schreiben kann, warum soll sie dann nicht eine Tastatur nutzen?", veranschaulicht Grießl. Bewerbungen werden auf den Laptops vor Ort geschrieben, zu Hause haben die Jugendlichen oft keine Möglichkeit dazu. 

Der Umgang mit modernen Medien wie der VR-Brille ist auch Motivation für die Mädchen und Jungen, wissbegieriger zu sein. Laura hat beim Praktikum in der Ilsfelder Kita Wunderland zwar schon ihren Traumberuf gefunden. Das hält sie aber nicht davon ab, sich virtuell über eine Alternative zu informieren: "Als Kind wollte ich immer Arzthelferin oder Tierarzthelferin werden", verrät die 14-Jährige.

"Sprachverständnis und Sozialverhalten unserer Schüler sind herausfordernd. 40 Prozent haben einen Migrationshintergrund", sagt Lea Grießl, Rektorin des Ilsfelder SBBZ mit Förderschwerpunkt Lernen (früher Förderschule). "Den Mädchen und Jungen Lesen, Schreiben, Rechnen zu vermitteln, ist natürlich unsere Hauptaufgabe. Aber es geht auch um gesellschaftliche Teilhabe." Das zehnköpfige Sonderpädagogen-Team setzt deshalb auf Kooperationen.

So gibt es seit dem vergangenen Jahr dank der Stiftung "Kultur macht stark" den Leseclub mit Büchern, Sesseln, Regalen, um das Lesenlernen attraktiver zu machen. Die Musikschule bietet Chor und musikalische Früherziehung an. Außerdem wird in der Grundstufe zusammen mit dem örtlichen Tennisclub Tennisunterricht angeboten. Für Selbstverteidigung und Kampfsport kommen die "Safe Kids" an die Schule. Im Fitnessstudio Mikro Eins dürfen die SBBZ-Schüler der Klassen 7 bis 9 in Form einer AG trainieren. 

Personalmangel betrifft auch die Ilsfelder Schule. "Wir sind nur zu 70 Prozent versorgt", berichtet Lea Grießl: "Trotzdem wollen wir die Projekte außerhalb des Unterrichts nicht sein lassen."

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