Oedheims Bürgermeister Matthias Schmitt: „Die Streitkultur hat sich massiv verschlechtert“
Am 1. März hat Oedheims Bürgermeister Matthias Schmitt sein zehnjähriges Amtsjubiläum gefeiert. Zeit für ein Treffen und für einen Blick zurück und nach vorn.

Herr Schmitt, Sie haben lange Handball gespielt und trainieren nun auch die Jugendmannschaft Ihres Sohnes. Was unterscheidet den Trainer Schmitt vom Rathauschef?
Matthias Schmitt: Die Verantwortung ist definitiv größer – im Rathaus (lacht). Nein, die Kinder sollen etwas mitnehmen und lernen, aber der Spaß steht natürlich immer im Vordergrund.
Wenn Sie auf die letzten zehn Jahre zurückblicken, was würden Sie anders machen?
Schmitt: Ich habe einen Job, in dem man Berufliches und Privates nur schwer trennen kann. Meine Familie ist in diesen Job involviert und ein Stück weit belastet. Ich hätte mir in meiner ersten Amtszeit mehr Freiräume für meine Familie rausnehmen müssen. Die Wiederwahl hat mich da ein wenig freier und entspannter werden lassen. Ich habe drei Kinder, die brauchen ihren Papa, da möchte ich mir auch bewusst Auszeiten nehmen.
Was ist Ihre Motivation, was treibt Sie an?
Schmitt: Es ist immer noch mein Traumberuf. Ich kann jeden Tag nach Hause gehen in dem Wissen, dass wir gemeinsam etwas erreicht haben. Man sieht den Output und bekommt etwas zurück, sei es von Vereinen oder von den Bürgerinnen und Bürgern. Aber klar ist nicht alles immer positiv und rosarot, an manchen Tagen muss man schwere Entscheidungen treffen, Menschen kundtun, dass man eine bestimmte Genehmigung nicht erteilt.
Ist die Arbeit in einer Verwaltung schwieriger geworden?
Schmitt: Die Bürokratie hat definitiv zugenommen, obwohl doch so oft von einem Abbau gesprochen wird. Das ist teilweise wirklich frustrierend. Generell hat der Frust der Menschen ein Stück weit zugenommen, was auch daran liegt, dass die finanziellen Spielräume von Kommunen enger werden. Zugenommen haben auch die Auflagen. Natürlich haben Natur- und Umweltrechtauflagen ihre Berechtigung, sie sind wichtig. Wir würden ja aber nichts tun, was unserer Gemeinde schadet und treffen Entscheidungen mit Augenmaß. Es wird zu viel überwacht, zu viel kontrolliert, das treibt auch die Kosten einer Kommune hoch.
Ist das Klima gegenüber der Verwaltung rauer geworden?
Schmitt: Man hat da seine Erfahrungen. Es gab keine körperlichen, aber verbale Angriffe. Das bringt der Job inzwischen mit sich. Ich glaube, viele Menschen sind heute frustrierter – ob das gerechtfertigt ist oder nicht, kann man diskutieren. Der Ton ist definitiv rauer, die Gesellschaft egoistischer geworden. Die Streitkultur hat sich massiv verschlechtert. Dinge, die die Allgemeinheit betreffen, sind vielen inzwischen egal, das finde ich erschreckend. Erst wenn der Bagger quasi vor dem eigenen Gartenzaun steht, wird dagegen geschossen. Ich würde mir wieder ein wenig mehr Zusammenhalt wünschen. Da ist viel Groll in der Gesellschaft. Und irgendwo muss sich das entladen. Sündenbock sind dann oftmals auch das Rathaus und die Verwaltung.
Was waren die Leuchtturm-Projekte der vergangenen Jahre?
Schmitt: Ungeplant das Hallenbad, das wir wegen Schäden 2019 schließen mussten. Dank einer Förderung vom Land konnten wir es sanieren und modernisieren. Da war die Sportplatzsanierung oder die Baugebietsentwicklung etwa von Linkenbrunnen III. Wir haben auch zwei Kindergärten gebaut. Jede Maßnahme ist ein Erfolg für sich, ich würde da keine rausgreifen. Im Gedächtnis geblieben ist auch das Dorf- und Straßenfest 700 Jahre Degmarn, an dem viele Vereine beteiligt waren.
Wo ist Oedheim gut aufgestellt, wo muss man nachjustieren?
Schmitt: Gut aufgestellt sind wir im Bereich der Kinderbetreuung. Und was Oedheim ausmacht, ist das wirklich tolle Vereinsleben, wir haben da ein tolles Angebot für alle Altersklassen, sei es kulturell oder sportlich. Nachholbedarf besteht beim Thema Schwerlastverkehr durch den Ort, bei der Verkehrsentlastung. Wenn sich irgendwo die rechtlichen Möglichkeiten bieten würden, dann würden wir sie nutzen. Aktuell gibt es diese nicht. Es würde Oedheim auch gut tun, wenn man ein interkommunales Gewerbegebiet hinbekommt. Da bleiben wir dran, doch das sind ganz dicke Bretter, die man bohren muss.
Stichwort finanzielle Situation. Haben Ihnen die klammen Kassen schon einmal schlaflose Nächte bereitet?
Schmitt: Das noch nicht, aber es ist schwerer geworden, Dinge umzusetzen. Gemeinsam mit dem Gemeinderat schauen wir konsequent darauf, dass wir nicht in die Verschuldung gehen. Wir haben es dank kluger Entscheidungen mit dem Gemeinderat immer geschafft, gut zu wirtschaften. Aber wir müssen aktuell das Wünschenswerte von dem Machbaren trennen. Es gilt abzuwägen und Projekte zu verschieben.
Das schwere Unwetter im Jahr 2016, eine Fliegerbombe, die Corona-Pandemie, das Hochwasser oder die Wirtschaftskrise: Welches Ereignis hat bei Ihnen den prägendsten Eindruck hinterlassen?
Schmitt: Die Pandemie hat die meiste Kraft geraubt. Die Verordnungen vom Land umzusetzen, da habe ich sicherlich die meisten grauen Haare bekommen. Die Unwetternacht mit Starkregenfällen war auch prägend, da war ich gerade drei Monate im Amt. Keine Zufahrt in Oedheim war passierbar, die Feuerwehr hatte über 200 Einsätze. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen, habe aber gemerkt, dass ich mich zu einhundert Prozent auf die Feuerwehr verlassen kann
Zu einem anderen Thema: Bei Ihrer ersten Wahl 2015 gab es eine Wahlbeteiligung von 56 Prozent, 2023 waren es nur noch 37,5 Prozent. Hat Sie das geärgert?
Schmitt: Es gab 2015 zwei Kandidaten mit Verwaltungserfahrung, 2023 bei der Wiederwahl war ich Alleinkandidat. Das ist schon ein Unterschied. Jede Wahlbeteiligung, die niedrig ist, ist enttäuschend. Es gab 2023 aber auch andere Wahlen mit einer noch niedrigeren Wahlbeteiligung. Im Vergleich dazu war die in Oedheim noch in Ordnung.
Welche Ziele haben Sie noch für die Kommune?
Schmitt: Wir müssen konsequent unsere Infrastruktur im finanziellen Rahmen erhalten und auf einem guten Level halten. Es gibt einen Sanierungstau, den man sukzessive abbauen muss. Die Kommune der Zukunft muss noch näher an den Bürgern sein, noch dienstleistungsorientierter.
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