Stimme+
Auf den Spuren Jesu Christi
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Bußgang auf den Neckarsulmer Scheuerberg: Karfreitags-Tradition trotzt Kälte und Wind

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Seit Generationen pilgern Gläubige am Karfreitag auf den Neckarsulmer Scheuerberg. Auch dieses Jahr trotzen sie Wind und Regen – und erinnern an Leid, Hoffnung und Menschlichkeit.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Das Wetter, es könnte wahrlich freundlicher sein an diesem grauen Karfreitag. Kalt weht der Wind über den Gipfel des Scheuerbergs in Neckarsulm. Die angegebenen acht Grad fühlen sich um 7.30 Uhr bedeutend kühler an. Doch Hermann Berthold trotzt den ungemütlichen Umständen: „Es soll ja heute ein Bußgang sein“, sagt er lächelnd und blickt sich um.

Rund 80 Personen haben den Weg vom Sulmbrückle auf sich genommen, um die rund 2,5 Kilometer lange Strecke gemeinsam zu laufen. Das Ziel: die 2012 sanierte Kreuzigungsgruppe auf dem Neckarsulmer Hausberg.

Bußgang auf den Scheuerberg: In Neckarsulm wird gemeinsam der letzte Weg Jesu erlebt

Es ist noch dunkel, als sich die Frauen, Männer und Kinder am Albert-Schweitzer-Gymnasium treffen. Wie immer macht sich die Gruppe um 6 Uhr in der Früh auf. Da zwitschern zwar bereits die ersten Vögel in den Bäumen, doch Hermann Berthold, Joachim Beil und Theresia Berthold brauchen trotzdem noch Taschenlampen, um die einleitenden Worte an die Gläubigen zu richten.

Durch die Neckarsulmer Weinberge geht es an Karfreitag auf den Scheuerberg in Neckarsulm.
Durch die Neckarsulmer Weinberge geht es an Karfreitag auf den Scheuerberg in Neckarsulm.  Foto: Berger, Mario

Man habe in den vergangenen Jahren an Karfreitag immer einen Blick in die Welt geworfen, sagt der Winzer. Corona, der Krieg in der Ukraine oder auch die Klimakrise seien thematisiert worden. „Diesmal haben wir entschieden, den Blick an dich zu richten“, ergänzt Theresia Berthold. „Auf deinen Weg.“ Gemeinsam soll der letzte Weg Jesu bis zu seinem Tod erlebt werden. „Er ist mit uns unterwegs und begleitet uns.“

Bußgang auf den Neckarsulmer Scheuerberg: Jahrzehntealte Tradition am Karfreitag

Seit vielen Jahrzehnten hält man in Neckarsulm an der Tradition des Bußgangs fest. Wie lange genau, kann Hermann Berthold nicht mit Sicherheit sagen. Bereits seine Oma, 1898 geboren, sei wiederum mit ihrer Großmutter an Karfreitag auf den Scheuerberg gelaufen. „Wir haben alles durchgeschaut, aber kein genaues Datum gefunden.“ Was er sicher weiß: Die Initiative war nicht von der Kirchengemeinde ausgegangen, sondern von einzelnen Familien.

„Es soll ja heute ein Bußgang sein.“Hermann Berthold

Schon als kleiner Junge hat er die Strecke auf sich genommen. Vorbei an den zwölf Kreuzwegstationen, die Szenen aus den letzten Stunden Jesu zeigen. Und die vor einigen Jahren Opfer von Kupferdieben wurden. Die Überdachungen der Stelen wurden dank vieler Spenden schnell wieder ersetzt. Und schützen den Beton nun wieder vor Regen.

Gläubige folgen dem Kreuzweg auf den Scheuerberg: Fast die gesamte Strecke wird gemeinsam gebetet und gesungen

Von dem gibt es am Karfreitag wenig. Ab und zu nieselt es kurz. Doch die Menschen sind vorbereitet, haben Regenschirme in der Hand und wasserabweisende Jacken am Oberkörper. Einmal, erinnert sich Hermann Berthold, habe ihnen das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Damals sind wir nicht ganz nach oben gegangen, weil es einfach zu stürmisch und damit zu gefährlich war.“

„Er ist mit uns unterwegs und begleitet uns.“Theresia Berthold

Ansonsten kann die Gläubigen wenig von ihrem traditionellen Vorhaben abbringen. Fast die gesamte Strecke beten und singen sie gemeinsam. Einmal wird Halt gemacht, Theresia und Hermann Berthold sowie Joachim Beil erinnern an den Leidensweg Jesu und verknüpfen die Ereignisse vor rund 2000 Jahren mit dem Heute.

Auch aktuelle Lieder werden gespielt

Wenige Momente der Ruhe habe man im Stress des Alltags, wenn Beziehungen, Familie und die Arbeit miteinander verknüpft werden müssen, sagen sie: „Jesus möchte, dass wir als Mensch mit all unseren Gefühlen gesehen werden.“ Verbunden sind die Worte mit aktuellen Liedern von Pink und anderen Interpreten.

Erinnert wird aber auch an den Bauernkrieg, bei dem die Burg Scheuerberg und ihre Belagerung eine Rolle spielten. „Soziale Ungerechtigkeiten“, sagt Theresia Berthold, „hat es immer gegeben. Auch heute werden Aufstände niedergeschlagen.“

Rund 80 Personen haben an Karfreitag den traditionellen Bußgang auf den Neckarsulmer Scheuerberg auf sich genommen, um der Leiden Jesus zu gedenken. Ihr Ziel: die Kreuzigungsgruppe auf dem Gipfel.
Rund 80 Personen haben an Karfreitag den traditionellen Bußgang auf den Neckarsulmer Scheuerberg auf sich genommen, um der Leiden Jesus zu gedenken. Ihr Ziel: die Kreuzigungsgruppe auf dem Gipfel.  Foto: Berger, Mario

Karfreitag auf dem Scheuerberg in Neckarsulm: Die Familientradition wird fortgesetzt

Dass sich Krisen ebenso in unterschiedlicher Form wiederholen, betont auch Hermann Berthold. Je ausgeprägter, desto mehr Menschen nehmen ihm zufolge an dem Bußgang an Karfreitag teil. „Da waren wir dann auch schon mal 200 Personen“, sagt der ehemalige Kirchengemeinderatsvorsitzende von Sankt Dionysius.

2025 sind es nicht ganz so viele. Dafür sind mehrere seiner Enkelkinder mit dabei und unterstützen die Familie. So wie bereits Hermann Berthold und seine Oma.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben