Rundgang auf der Nachtigalleninsel in Lauffen – ältestes Schutzgebiet des Nabu
Betreten verboten: So lautet die Regel auf der Nachtigalleninsel in Lauffen. Seit mehr als 100 Jahren ist das Areal Schutzgebiet des Nabu. Natur und Tiere können sich hier ungestört entwickeln.
Ein lauter Alarmruf schallt durch die Luft. Der Eichelhäher, auch Polizist des Waldes genannt, warnt die Tiere vor Eindringlingen, erklärt Adolf Monninger vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). „Wenn er etwas Auffälliges entdeckt, macht er erstmal Radau.“ Die Lebewesen, die auf der Nachtigalleninsel in Lauffen leben, sind scheu. Vor menschlichen Besuchern halten sie Abstand. Meistens haben sie allerdings ihre Ruhe, denn das Betreten des Schutzgebiets ist verboten. Die Insel gehört den Tieren.
Im Jahr 1908 erwarb die Industriellengattin Lina Hähnle aus privaten Mitteln zwei 1,7 Hektar große Flurstücke auf dem Eiland, um die Nachtigallen und Laubsänger zu schützen, die dort lebten. So berichtet es Adolf Monninger aus der Chronik des Nabu. Der hieß damals noch Bund für Vogelschutz – Gründerin Lina Hähnle werden die Beinamen „Deutsche Vogelmutter“ und „Mutter des Naturschutzes“ zugeschrieben. „Zu der Zeit war Federschmuck in Mode“, sagt der Vorsitzende der Ortsgruppe Brackenheim. „Sie meinte damals, sie kann die Schädigung der Natur so nicht mehr länger mit ansehen.“ Eine Pionierin mit Weitblick, die sich für ihr Herzensanliegen einsetzte, noch bevor andere die Notwendigkeit erkannten. „Sie war eine Frau, die aus ihrer Zeitepoche herausgestochen ist.“
Nabu-Schutzgebiet in Lauffen: Nachtigalleninsel gehört den Tieren und Pflanzen
Ein Schutzgebiet auf einer Insel hat Vorteile: „Da können wir die Masse der Bevölkerung ausschließen“, sagt Monninger, der seit 1984 beim Nabu ist. Denn für die Tiere sei es ein Störfaktor, wenn ein Spaziergänger mit Hund vorbeikommt, erklärt der 68-Jährige. Auf der Neckarinsel überlässt der Nabu die Natur weitgehend sich selbst, Monninger schaut nur ab und zu nach dem Rechten. Der dichte Auwald umfasst Weiden, Pappeln und Ahorn. Die Strauchschicht aus Brennnesseln, Brombeeren und Haselnussbüschen wuchert so üppig, dass für Menschen kaum ein Durchkommen ist.
Um die Stämme winden sich getrocknete, braune Lianen und verleihen dem Wald etwas Dschungelhaftes. „Das Wachsen und Zerfallen ist ein Kreislauf. Den Lebenszyklus muss man erhalten“, sagt Adolf Monninger. Totholz böte Lebensraum für bis zu 600 Kleinstlebewesen wie Käfer und andere Insekten. Die wiederum seien Nahrung für Vögel, zum Beispiel den Zaunkönig.
Tierische Bewohner der Nachtigalleninsel von Jahreszeiten beeinflusst
Obwohl sie sich vor menschlichem Besuch lieber verstecken, Spuren hinterlassen die Tiere dennoch: verlassene Schneckenhäuser, Mauselöcher in der Erde, Spinnennetze an Ästen und Federn auf dem Boden. Adolf Monninger hebt ein kaputtes, weißes Vogelei auf. „Von der Größe her könnte es eine Amsel sein“, schätzt er. Welche Arten das Eiland als Lebensraum nutzen, ist auch vom Wechsel der Jahreszeiten abhängig. Nachtigallen gebe es heute vermutlich nicht mehr auf der Insel, meint der gelernte Landwirt, denn sie sind Zugvögel. Das Ufer ist Brutgebiet des Eisvogels, ein auffälliges, blau-gefiedertes Tier. Der lässt sich an diesem Tag im Spätsommer aber nicht blicken. Bessere Aussichten gebe es im Frühling. Auch der Mauersegler sei um diese Jahreszeit nicht mehr anzutreffen, „der ist schon auf Reisen oder in Afrika“.
Kormorane, Graureiher und Co.: Artenvielfalt auf Lauffener Neckarinsel
Vom gegenüberliegenden Ufer am Kiesplatz können aufmerksame Beobachter aber einen Blick auf Graureiher und Kormorane erhaschen, die sich gerne auf den Ästen der hohen Bäume niederlassen. Die schwarzen Kormorane leben von Fischen, berichtet Monninger. Im Gegensatz zu anderen Vögeln ist ihr Gefieder nicht eingefettet – nach der Jagd müssen sie in der Sonne trocknen.
Auch Eichhörnchen, Mäuse und Eidechsen fühlen sich in dem dicht bewachsenen Auwald wohl. Die ins Wasser hängenden Äste am Ufer seien „Kinderstuben für Fische“, sagt Adolf Monninger. Der blühende Efeu biete mit seinen schwarzen Beeren eine Nahrungsquelle für Wildbienen und Vögel. Der Stieglitz etwa ist an seinen gelben Flügeln und dem roten Köpfchen erkennbar. An sonnigen Tagen flattern auch Schmetterlinge wie das Pfauenauge umher.
Ein unberührtes Natur-Paradies ist die Nachtigalleninsel aber nicht. Zwischen den Bäumen bilden trockene Äste eine Art Hütte – eindeutig ein von Menschenhand geschaffenes Werk. „Da hat jemand genächtigt“, stellt Bürgermeisterin Sarina Pfründer fest, die an diesem Tag zum ersten Mal eine Tour über das Gelände hinter dem Rathaus bekommt. Adolf Monninger hebt resigniert die Hände. Verhindern könne man so etwas schwer. „Ich bin niemand, der mit Verbotstatbeständen kommt“, sagt er. Hauptsache, die Abenteurer hinterlassen die Natur sauber.
Menschen verboten: Müll und Plastik von Besuchern der Neckarinsel
Aber auch das gelingt nicht immer. Eisstiele aus rotem Plastik, Folien und Flaschendeckel ragen zwischen den Pflanzen hervor. „Dafür, dass niemand auf die Insel soll, haben wir eine Tüte voll Müll“, sagt Pfründer und entsorgt das Aufgesammelte im Abfall. Auf einigen Baumstämmen prangen Kreuze aus leuchtend orangener Farbe. Woher die stammen und was sie signalisieren, weiß Adolf Monninger nicht. Ab und zu sind auch Angler auf der Insel anzutreffen.
Das hat mit dem Nutzungsrecht des Neckars zu tun, das ihnen das Fischen am Ufer erlaubt. Als Kompromiss habe man eine Schranke angebracht, die den Zugang zum Brutgebiet des Eisvogels versperrt, erzählt der Naturschutzexperte. Dort endet auch der Trampelpfad, der auf seltenen menschlichen Besuch auf dem Areal hindeutet.
Eigentumsverhältnisse der Insel: Schutzgebiet an vier Besitzer aufgeteilt
Etwa in den 50er-Jahren seien die Gebäude abgerissen worden, die sich auf der Insel befanden, berichtet Monninger. Diese seien bereits durch den Zweiten Weltkrieg beschädigt gewesen. Heute ist das historische Rathaus das einzige erhaltene Bauwerk inmitten der Natur. Einst die Burg des Grafen von Lauffen, wurde es im frühen 11. Jahrhundert erbaut und beherbergt seit 1818 das Rathaus.
Für den Nabu war die Nachtigalleninsel das erste Schutzgebiet überhaupt. Im Jahr 2000 übergab die Erbengemeinschaft Hähnle die Flächen an die Nabu-Stiftung Nationales Naturerbe. Das rund fünf Hektar große Schutzareal teilt sich heute an vier Eigentümer auf, erklärt Monninger: Etwa ein Hektar ist Teil der Bundeswasserstraße, ein Hektar gehört der Stadt Lauffen, 1,7 Hektar dem Naturschutzbund und die restliche Fläche dem Energieversorger Zeag – wohl aufgrund des gegenüberliegenden Zementwerks.
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