Manfred Bornschein übt täglich auf seiner B-Tuba
Mit knapp 90 Jahren spielt der Rentner aus Freiberg am Neckar begeistert auf dem Blechblasinstrument. Unterricht bekommt er dafür von Walter Schiedel aus Bönnigheim.

Auf dem Weg ins Untergeschoss kommen einem schon auf der Treppe sonore Töne entgegen. Im Untergeschoss bei Walter Schiedel in Bönnigheim sitzt Manfred Bornschein und bläst mit seinen fast 90 Jahren kräftig in seine B-Tuba. Bornschein begann – zumindest mit der Tuba – erst als er schon 70 Jahre alt war. Vieles brachte er sich selbst bei. „Ich hatte auch mal einen Lehrer“, erklärt der 89-Jährige, doch dieser sei unzuverlässig gewesen, dann habe er eine Visitenkarte von Schiedel bekommen. Seit drei Jahren lernt er von dem 75-Jährigen Bönnigheimer, der seit 68 Jahren Blasinstrumente spielt.
„Ich habe vorher Trompete gemacht, etwa zehn Jahre“, erzählt der 89-jährige Mann aus Freiberg am Neckar. Damals in der Freiberger Stadtkapelle hätten drei Tubisten hinter ihm gespielt. Diese seien „so miserabel schlecht“, gewesen, wie der Tubaschüler verschmitzt erklärt, dass er dachte, denen wolle er es zeigen. Er bemerkte schnell, dass die Tuba noch schwerer als die Trompete zu spielen sei, gesteht Bornschein. Die Stadtkapelle gibt es nicht mehr, mittlerweile spielt er in der Besigheimer Seniorenkapelle „Atemlos“.
Mit fast 90 Jahren spielt Walter Bornschein jeden Tag auf seiner Tuba
Etwa 15 Stunden in der Woche übt er, vermutet Bornschein. Alle zwei Wochen fährt er mit seinem kleinen Smart und der großen Tuba zu Schiedel, täglich übt er daheim. „Wenn ich mal nicht übe, dann fragen die Nachbarn, ob ich krank bin.“ Das regelmäßige Spiel, so vermutet sein Tubalehrer, trägt auch zur Fitness des 89-Jährigen bei. „Das ist ein halbes Sportgerät, das Ding wiegt acht Kilo, das ist für mich schon schwer“, fügt Bornschein hinzu. Und auf diesem „halben Sportgerät“ fordert Schiedel seinen Schüler heraus. „Mir ist wichtig im Unterricht mit ihm, dass ich sein Alter total ausblende.“
Walter Schiedel aus Bönnigheim gibt dem Rentner aus Freiberg Unterricht auf der B-Tuba
„Ich müsste eine Schwerarbeiter-Zulage bekommen“, protestiert Bornschein, als er nach einem Stück, leicht außer Atmen, sein Blechinstrument auf seinen Schoß legt. Stattdessen steht aber schon das nächste Lied an: Autumn Leaves, von Jonny Mercer. Wohlige tiefe Töne schallen durch den Raum als der fast 90-Jährige die Tuba wieder ansetzt. Hin und wieder unterbricht Schiedel ihn, erklärt, wie das Stück eigentlich klingen sollte, demonstriert es auf seiner Tuba oder summt es ihm vor.
Es sei wichtig bei diesem Instrument im vorhinein zu wissen, wie der gespielte Ton klingen soll. Anders als bei einem Klavier gibt es bei den Tönen einer Tuba mehr Spielraum, je nach Lippenspannung und Ansatz kann der Ton auch anders klingen.
„Wenn ich mal nicht übe, dann fragen die Nachbarn, ob ich krank bin.“Manfred Bornschein
Manfred Bornschein floh als junger Mann aus der Ostzone, schon damals begeisterte er sich für Musik
Mit der B-Tuba begann der Freiberger zwar erst mit 70 Jahren, doch Musik begleitet ihn bereits lange. „Ich habe schon in der Ostzone Akkordeon gespielt“, erzählt der gebürtige Dessauer. Am 12. Juli 1936 kam Manfred Bornschein in Ostdeutschland auf die Welt. Im Bauhaus lernte er Dreher, also Zerspannungsmechaniker. „Ich bin aus der Ostzone geflohen, 1956 als 20-Jähriger“, sagt Bornschein. Drei Jahre sei er im Westen gewesen, dann fuhr er sechs Jahre lang als Ingenieurassistent zur See. Mit 30 Jahren heiratete er und wohnte seit dem in dem Räumen Stuttgart und Ludwigsburg.
Immer mit dabei: Seine Tuba hatte Manfred Bornschein auch regelmäßig mit im Campingurlaub
Am Schluss arbeitete er 30 Jahre im Möbelhandel, bis 1996. „Dann wurde ich 60 und dann wurde ich Rentner.“ Nun ist Bornschein schon etwa 30 Jahre in Rente, seit 2001 lebt er als Witwer. Langweilig wird es ihm dabei nicht. Lange Zeit hatte Bornschein ein Wohnmobil, „die Tuba war immer mit dabei“. Er spielte dort, wo sie standen. „Ich bin auf tausenden Fotos in Spanien mit drauf“, ist sich der 89-Jährige sicher. Und in Portugal nahm er das Instrument für ein Bild sogar hüfthoch mit ins Wasser, erinnert er sich und schmunzelt.
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