Schwere Unfälle auf A81 und A6 – Lkw-Fahrer teilweise 15 Stunden unterwegs
Ausländische Fahrer sind oft unzureichend qualifiziert, was trotz Technik und Schulung zu Fehlern führen kann. Warum das so ist, erklärt Lkw-Ausbilder Nico Markewitz im Interview.
Schwere Unfälle auf der Autobahn führen zu stundenlangen Sperrungen. Häufiger Auslöser, wie am Dienstag auf der A81, sind Fahrfehler. Abgesehen davon, dass ein schleudernder Lkw eine große Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer ist, bringen sich Brummi-Fahrer mitunter selbst in Nöte.
Nico Markewitz, Leiter der Academy Truck&Bus Heilbronn, kennt den Arbeitsalltag der Trucker.
In den letzten Tagen gab es immer wieder schwere Unfälle mit Lastwagen. Sind schlecht ausgebildete Lkw-Fahrer die Ursache?
Nico Markewitz: In Deutschland sind Lkw-Fahrer keineswegs schlecht ausgebildet. Jeder, der den Führerschein neu erwirbt, durchläuft eine umfassende Schulung und muss eine anspruchsvolle Prüfung bestehen. Zudem wird die Qualifikation durch regelmäßige Weiterbildungen aufrechterhalten – alle fünf Jahre sind verpflichtende Modulschulungen vorgesehen.
Und welche Fahrer sind nicht so gut ausgebildet?
Markewitz: In Deutschland gibt es derzeit einen Mangel von rund 80.000 Lkw-Fahrern. Dies zwingt viele Spediteure dazu, vermehrt auf Fahrer aus dem Ausland zurückzugreifen. Leider führt dieser Fahrermangel auch dazu, dass in einigen Fällen Qualifikationen anerkannt werden, bei denen man vermuten kann, dass diese Weiterbildungen nicht in zufriedenstellender Weise absolviert wurden.
Mit Weiterbildung meinen Sie zum Beispiel auch Gefahrguttransporte?
Markewitz: Nicht direkt. Bei den Modulschulungen handelt es sich um eine Weiterbildung von insgesamt 35 Stunden, die ausschließlich der allgemeinen Qualifikation dient. Diese Weiterbildung umfasst fünf Tage mit jeweils sieben Stunden, in denen die Fahrer in einer Fahrschule unterrichtet werden. Wer Gefahrgut transportiert, muss alle fünf Jahre zusätzlich eine spezielle Weiterbildung absolvieren, die auch mit einer Prüfung abschließt. Darüber hinaus schreibt das Gesetz jährliche Sicherheitsunterweisungen vor, ebenso wie eine Schulung zum digitalen Tachografen in Verbindung mit den Sozialvorschriften zu Lenk- und Ruhezeiten. Diese Unterweisungen müssen von den Unternehmen selbst jährlich durchgeführt werden, um das Risiko von Unfällen zu minimieren. Häufig finden solche Schulungen auch direkt bei uns in der Fahrschule statt.“
Wie lange kann der Arbeitstag eines Fahrers sein?
Markewitz: In Deutschland gilt zunächst das Arbeitszeitgesetz, das eine maximale Arbeitszeit von zehn Stunden pro Tag vorschreibt. Allerdings gibt es eine spezielle Verordnung, die die Lenk- und Ruhezeiten für Fahrer regelt. Diese Verordnung erlaubt es, dass die Schichtzeitzeit – vom Beginn bis zum Ende der Schicht – drei Mal pro Woche auf bis zu 15 Stunden ausgeweitet werden kann.
OK, nach 15 Stunden wäre ich auch nicht mehr konzentriert.
Markewitz: Das stimmt. Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass eine 15-Stunden-Schicht nicht bedeutet, dass der Fahrer 15 Stunden fährt. In der Praxis läuft es oft so: Der Fahrer beliefert einen Kunden, bekommt dann einen Pager in die Hand und wartet zwei Stunden, bis er abladen kann. Danach fährt er zum nächsten Kunden, wo er erneut warten muss, vielleicht eine weitere Stunde. Am Ende war er 15 Stunden unterwegs, hat aber tatsächlich nur die maximal erlaubten zehn Stunden gearbeitet. Nach einer solchen Schicht schreibt das Gesetz eine Pause von nur mindestens neun Stunden vor. Anschließend darf die Schicht erneut bis zu 15 Stunden dauern – allerdings ist das auf maximal drei Tage pro Woche begrenzt.
Sind Unfälle auf individuelle Fahrfehler zurückzuführen?
Markewitz: Moderne Lkw in Mitteleuropa sind mit einer Vielzahl fortschrittlicher Technologien ausgestattet – von Abstandsregeltempomaten bis hin zu Notbremsassistenten. Einige Fahrzeuge unterstützen die Fahrer sogar teilautonom beim Lenken. Wenn diese Assistenzsysteme konsequent genutzt würden, könnten sie vermutlich dazu beitragen, Fahrfehler zu reduzieren und die Sicherheit im Straßenverkehr deutlich zu erhöhen. Allerdings können viele dieser Systeme abgeschaltet werden, und nicht alle Fahrer vertrauen oder nutzen sie im vollen Umfang.
Wie sieht der Alltag eines Lkw-Fahrers aus?
Markewitz: Das Thema Ablenkung ist im Berufsalltag eines Lkw-Fahrers von zentraler Bedeutung. Die Vielzahl an Technologien, wie die Bildschirme des Telematiksystems, und die ständige Kommunikation – sei es über das Handy oder durch das Büro, das Fahrer non-stop mit Informationen versorgt – lenken erheblich ab. Hinzu kommt, dass der zunehmende Verkehr und das teils rücksichtslose Verhalten von anderen Verkehrsteilnehmern, sei es durch Autofahrer oder auch andere Lkw-Fahrer, das Fahren zusätzlich erschweren. All diese Faktoren machen die ohnehin anspruchsvolle Arbeit auf der Straße noch schwieriger und fordern von den Fahrern ein hohes Maß an Konzentration und Anpassungsfähigkeit.
Es gibt ja dieses Klischee, dass Trucker sich nicht unbedingt so ganz gesund ernähren. Und Bewegung ist natürlich auch schwierig, wenn man nur im Führerhaus sitzt?
Markewitz: Ja, das ist tatsächlich ein weit verbreitetes Klischee. Ich habe jeden Tag mit Lkw-Fahrern zu tun und kann das so nicht bestätigen. Solche Fälle sind absolute Ausnahmen und dürfen nicht verallgemeinert werden. Die Gesundheit der Fahrer wird in Deutschland sehr ernst genommen. Alle fünf Jahre müssen sie eine umfassende Untersuchung durchlaufen, bei der Fitness, Sehstärke, Blutdruck und sämtliche Vitalfunktionen geprüft werden.
Man fährt auf der mittleren Spur, rechts sind zwei Lastwagen, der eine möchte überholen: Wie kann man sich als Autofahrer verhalten, um den Brummi-Lenkern den Alltag zu erleichtern?
Markewitz: Ein Lkw-Fahrer signalisiert seinen Überholvorgang in der Regel frühzeitig durch Blinken, um den nachfolgenden Verkehr darauf aufmerksam zu machen. Hier ist ein wenig Rücksichtnahme gefragt. Man sollte sich bewusst machen, dass ein Lkw-Fahrer oft lange hinter einem anderen, schwer beladenen Fahrzeug herfährt, das besonders an Steigungen langsamer wird. Aus Spritspargründen und Effizienz macht es dann durchaus Sinn, zum Überholen anzusetzen – selbstverständlich nur, wenn es erlaubt ist. Wir kennen die typischen Spielereien, sowohl zwischen Lkw-Fahrern als auch von Autofahrern, die es unnötig erschweren. Am besten ist es, den Überholvorgang zu ermöglichen und nicht zu blockieren. Dabei sollte man immer den toten Winkel eines Lkw beachten, der extrem groß ist, und daran denken, dass ein Schulterblick für den Fahrer kaum möglich ist. Wer einmal selbst hinter dem Steuer eines Lkw gesessen hat, versteht diese Herausforderungen besser.
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