Wo man Gräber umarmen kann
Im Schwaigerner Friedwald wurden schon fast so viele Grabplätze verkauft, wie die Stadt Einwohner hat. Was hat es mit der alternativen Bestattungsform auf sich? Das erklären die Friedwald-Förster alle zwei Wochen bei ihren stets ausgebuchten Führungen.

Ihre letzte Ruhe fanden Irmgard und Otto unweit einer rauschenden Landstraße. Zusammen mit Hans-Jürgen, Massimo und Helga liegen sie hier, an den Wurzeln eines dicken Ahorns, während im Hintergrund Auto um Auto abbremst. Der Friedwald: Das ist da, wo man 70 fahren muss, sagen die Leute im Ort. Und ohne das Tempolimit hätte vielleicht auch der ein oder andere die unscheinbare Einfahrt zum Parkplatz verpasst, wo sich gerade eine kleine Gruppe versammelt.
25 Menschen können sich höchstens zu einer Friedwald-Führung anmelden, 26 sind gekommen. Sie haben sich wortlos zusammengefunden – niemand fragt, ob er am richtigen Platz ist. Keiner grüßt, nur ein Nicken ab und zu. Fast wirkt es, als hätte die Pietät der Bäume den Menschen die Sprache verschlagen.

Es ist Annette Pfeiffers Aufgabe, den Leuten diese Ehrfurcht vor dem Wald zu nehmen. Die Friedwald-Försterin steht an der Infotafel, eine weiße Urne mit grünem Ginkgo-Emblem in der Hand. Pfeiffer trägt Jeans, schwere Stiefel, einen dicken Wollpulli mit Namensschild. Sie hat an diesem Samstagnachmittag schon zwei Beisetzungen hinter sich, könnte aber nicht weiter entfernt sein vom üblichen Bild eines Bestatters im schwarzen Anzug. „Ich würde nicht sagen, es macht mir Spaß“, sagt Pfeiffer über ihren Beruf. „Aber ich bin gerne hier.“
Hier, das ist ein 45 Hektar großes Wäldchen an der B293 zwischen Schwaigern und Gemmingen. Vor 700 Jahren wurde hier Wein angebaut, heute gehört das hügelige Gelände dem Erbgrafen Karl-Eugen von Neipperg. Er hat es der Stadt Schwaigern erlaubt, einen Bestattungswald einzurichten, Betreiber ist die FriedWald GmbH aus Hessen. Mehr als 60 Standorte hat die Firma deutschlandweit. Mit diesen Formalitäten beginnt Annette Pfeiffer ihre Führung. Nur, um sofort hinterherzuschieben: „Ich weiß, dass Sie jetzt endlich die spannenden Dinge hören wollen.“ Und so läuft sie los.
Die meisten Teilnehmer sind um die 60
Auf der Internetseite des Schwaigerner Friedwaldes sind vierzehn verschiedene Baumarten aufgezählt, die Teilnehmer stapfen aber hauptsächlich zwischen Ahornen und Buchen hindurch. „Mal eine Schwarznuss, die ist a bissele selten, aber dann hat sich das“, sagt Pfeiffer. Jeden zweiten Samstag führen die Friedwald-Förster über das Gelände, fast immer sind die Termine ausgebucht. Die meisten Teilnehmer sind heute um die 60, der älteste 83. Er schnauft schwer, als es die ersten Meter bergauf geht. Auf einer Seite stützt ihn der Gehstock, auf der anderen seine Tochter.

An der ersten Weggabelung bleibt Annette Pfeiffer stehen. Man muss ihr das so glauben, denn wirkliche Wege sieht man unter dem dichten Laub kaum. Das gehört zum Charakter eines Friedwaldes: Es wird nicht geforstet, gepflanzt, geplant. Die Natur wird sich selbst überlassen. „Und so haben wir hier alles, was in einen echten Wald gehört“, sagt Pfeiffer. Bäume, Sträucher, Kräuter, Hasen, Vögel. Und Wildschweine, aber nur unten an der Suhle. Die letzten Sommer sowieso ausgetrocknet ist.
Im Friedwald bleibt man für immer liegen
Pfeiffer muss das betonen, denn Wildschweine sind die größte Sorge der Friedwald-Interessenten. Auf der Internetseite gibt es einen langen Absatz zu der Frage, ob die Tiere Urnen ausbuddeln. Tun sie nicht, weil die Asche nicht nach Essbarem riecht. „Es war glaub ich noch nie ein Besucher hier, der ein Wildschwein gesehen hat“, sagt Pfeiffer. Und berichtet stattdessen von einer besonderen Beisetzung: Als nämlich ein Reh in aller Ruhe an der Trauergesellschaft vorbeistolzierte. „So, wie die Natur es will“, sagt die Friedwald-Försterin. Immer wieder.
Die Natur will außerdem, dass Urnen in mindestens 80 Zentimeter Tiefe vergraben werden, mit einigem Abstand voneinander und vom Stamm. An dieser Stelle wird die Führung mathematisch: Im Umkreis jedes Bestattungsbaumes gibt es entweder 10, 15 oder 20 Grabplätze. Man kann einzelne Plätze für 770, 990 oder 1200 Euro erwerben, je nach Lage und Dicke des Baumes. „Bis ich sterbe, ist das eh teurer“, murmelt eine Frau ihrer Freundin zu.

Die Ruhezeit an solchen Gemeinschaftsbäumen, wo man neben der Asche Fremder begraben wird, beträgt 20 Jahre. Kauft zum Beispiel ein Ehepaar zwei Plätze nebeneinander, beginnen die 20 Jahre erst ab dem Tod des zweiten Partners. Für ein paar Tausend Euro mehr kann man aber auch einen kompletten Baum kaufen, den man nicht mit Fremden teilen muss. Viele in der Gruppe gucken längst verwirrt. „Liegen bleiben tut man sowieso“, sagt Pfeiffer zur Beruhigung. Im Friedwald komme keiner und grabe Urnenreste oder Asche wieder aus. „Das finde ich einen schönen Gedanken.“ Mehrere Teilnehmer nicken, eine Frau sagt laut „ja“.
Die Gruppe ist umgeben von Gräbern, obwohl kein einziges zu sehen ist. Nach einem Begräbnis dauert es nicht lange, bis Laub und Äste die Spuren verstecken. Nur eine kleine Tafel am Stamm weist darauf hin, wenn an einem Baum ein Mensch bestattet wurde. Im Friedwald stehen ein paar Bänke, an einer Ecke ein großes Holzkreuz, es gibt einen Andachtsplatz. Ansonsten sieht alles aus wie in einem ganz normalen Wald: Es kommen Spaziergänger vorbei und Kinder zum Spielen. An einem Baum steht ein junges Paar und macht Selfies mit dem Namen eines verstorbenen Angehörigen. Im Friedwald gibt es kaum Handyempfang.

Dafür kann man das eigene Grab bequem von Zuhause im Internet bestellen. Im Onlineshop des Friedwaldes sind verfügbare Bäume in 360-Grad-Panoramen zu sehen. Name und Kontaktdaten eingeben, Kontonummer oder Kreditkarte hinterlegen – nur wenige Minuten dauert es, bis man die eigene ewige Ruhestätte gekauft hat. 30 Prozent der Menschen, die im Schwaigerner Friedwald bestattet werden, haben sich ihren Platz zu Lebzeiten schon ausgesucht.
Wer einen kompletten Baum erwirbt, erhält zwei Grabplätze inklusive und kann für je 300 Euro bis zu 18 weitere erwerben. Die ideale Lösung für Familien, sagt Pfeiffer. Aber nicht nur: „Wir hatten mal einen Kegelverein hier, der sich zusammen einen Baum gekauft hat.“ Es ist das erste Mal, das Pfeiffer der Gruppe ein paar Lacher entlockt. Die meisten Teilnehmer stehen stocksteif am Wegesrand. Nur ein Mann traut sich, seine Hand auf einen Baumstamm zu legen. Er hatte Krebs, erzählt er. „In dieser schwierigen Phase habe ich gelernt, Bäume zu umarmen.“ Doch nun zögert er. Darf man die Grabstätte fremder Menschen umarmen? Die Finger streichen über die Rinde, leichter Druck. „Bäume sind für mich Antennen ins Universum“, flüstert der Mann.
Wer's nicht so schlicht haben will, wählt eine Schmuckurne
Annette Pfeiffer hat derweil zwei Namenstafeln aus der Jeanstasche gezogen. Es gibt das Modell „Text“ und das Modell „Motiv“, es gibt Sonderanfertigungen und die Möglichkeit, komplett auf den Namen am eigenen Baum zu verzichten. Eine Frau fragt, ob die Urnen immer so schlicht und weiß sein müssen. Natürlich nicht: „Da gibt es Überurnen in Schieferoptik, in Weidengeflecht“, zählt Pfeiffer auf. „Ach Gott, was es alles gibt.“ Die meisten Krematorien in Deutschland haben die klassischen Friedwald-Urnen im Vorrat, oft auch das Sortiment an Schmuckurnen.

Nach der Einäscherung schicken sie die gefüllte Urne per Post an den Friedwald. Oder der Bestatter bringt sie mit, falls er bei der Beisetzung dabei ist. An dieser Stelle tauchen die meisten Fragen auf: Braucht man überhaupt einen Bestatter? Einen Pfarrer? Einen Redner? Wer kümmert sich um den Papierkram? „Wir haben schon mal jemanden hier bestattet“, sagt die Tochter des 83-Jährigen laut. „Das war ganz und gar einfach.“
Wer zu einer Friedwald-Führung kommt, bringt oft entweder eine tiefe Verbundenheit zur Natur oder eine noch tiefere Abneigung gegen die Regeln und Zwänge klassischer Friedhöfe mit. Im Friedwald gibt es keine Grabpflege, keinen Schmuck, keine Konfession. „Sie können bei der Beisetzung Musik aus der Konserve spielen“, sagt Pfeiffer. „Sie können aber auch das Streichorchester mitbringen.“
Es war mal eine Trauergesellschaft da, die auf dem Andachtsplatz Gulasch gekocht hat. Eine andere Familie sprach statt einer Trauerrede das Lieblingsgedicht des Verstorbenen: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“, fängt Pfeiffer an. „Ein Birnbaum in seinem Garten stand“, stimmen ein paar Teilnehmer ein. Im Grab landete damals auch eine Birne. „Das war eine meiner liebsten Beisetzungen“, sagt die Friedwald-Försterin.

Mit ihrer Berufsbezeichnung ist das so eine Sache. Annette Pfeiffer hat keine forstwissenschaftliche Ausbildung, ein Studium schon gar nicht. Sie kommt aus der Landwirtschaft, ist freiberufliche Kräuterpädagogin, macht nebenbei Naturparkführungen. Mit der Bezeichnung „Försterin“ ist die 52-Jährige vorsichtig, auch wenn der Begriff nicht geschützt ist. Pfeiffer sagt lieber: „Ich bin vom Friedwald.“
Ihre Aufgaben sind kommerzieller Natur: Sie berät Interessenten, führt Verkaufsgespräche, schließt Verträge ab. Und sie begleitet Beisetzungen. „Die Arbeit mit den Menschen, das gibt einem schon viel“, sagt Pfeiffer. 35 bis 45 Bestattungen finden in Schwaigern jeden Monat statt, das vierköpfige Förster-Team wechselt sich ab. Manchmal, wenn es keine Angehörigen mehr gibt, trägt Pfeiffer die Urne ganz alleine zum Grab, schaufelt es wortlos zu.
Zuhause verarbeitet sie das Erlebte
In ihrer Familie ist der Tod ständig Thema: Pfeiffers Mann ist seit 25 Jahren bei der Berufsfeuerwehr, die Tochter arbeitet als Gärtnerin auf einem Friedhof. Manche Erlebnisse vom Friedwald nimmt Pfeiffer mit nach Hause. Wenn junge Menschen sterben zum Beispiel, Unfallopfer oder Babys. Am sogenannten Sternschnuppenbaum können Kinder bis zum Alter von drei Jahren kostenfrei beigesetzt werden
„Wenn man auf der Tafel sieht, der Geburtstag ist der Sterbetag – da kommt man schon ins Grübeln“, sagt Pfeiffer leise. „Warum das Leben so kurz sein kann und warum es neun Monate im Bauch war und dann…“ Das Getuschel in der Gruppe ist verstummt, viele blicken hilfesuchend in die Baumwipfel. Eine Frau sagt: „Meine Enkelin ist auch hier.“

Mit ihrem Mann kann Pfeiffer über solche Fälle reden, sie gemeinsam verarbeiten. „Ich denke, man verliert die Berührungsängste, wenn man drüber spricht“, sagt sie. „Und jeden erwischts a Mal. Des hört net uff.“ Einen eigenen Bestattungsbaum hat sie sich aber noch nicht ausgesucht – weil ihr Mann noch nicht möchte. „Nicht, dass ich mich da in einen Baum verrenne und dann gefällt er ihm nicht!“ Einmal ist das passiert, da ging es um eine Eiche. „Aber Eichen wollte er nicht. Ja toll“, sagt sie und lacht.
Keiner weiß, ob es die Firma bis 2104 gibt
Viele ihrer Kunden suchen sich den eigenen Baum nicht nach Sorte aus, sondern nach Preis. Das ist ein wenig wie beim Christbaumkauf: An jedem verfügbaren Familienbaum hängt eine farbige Plakette, die eine von zehn Preiskategorien anzeigt. Rosa, weiß, grau, grün, rot, lila, braun, schwarz, orange, blau; alles irgendwo zwischen 2.940 und 6.990 Euro. Dafür geht die Ruhezeit bis 2104, 99 Jahre nach Eröffnung des Schwaigerner Friedwaldes. „Was passiert, wenn die Firma kaputt geht?“, fragt ein Mann. Dann müsse die Stadt Schwaigern in die Bresche springen, antwortet Pfeiffer. „Und die wird’s noch eine Weile geben.“
Rund 11280 Menschen haben sich bereits für eine Beisetzung im Friedwald Schwaigern entschieden – das sind 100 mehr, als die Stadt Einwohner hat. Friedwälder haben einen großen Einzugsbereich, mit dem Auto kommen muss man sowieso. Es gibt keinen Bahnhof in der Nähe, nicht einmal eine Bushaltestelle. Ob jemand sie auf dem Rückweg mit in die Stadt nehmen könnte, fragt eine Frau. Ob es sonst noch Fragen gibt, fragt Annette Pfeiffer. Es gibt nur Applaus. „Bleiben Sie gesund“, sagt Pfeiffer und verabschiedet einzelne Teilnehmer mit Handschlag. Wohl wissend, dass sie vielleicht einige von ihnen zu Grabe tragen wird.
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