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Weinsberg

Weinsberger Waldkindergarten: Wenn es regnet, macht es besonders viel Spaß

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Buddeln, balancieren, beobachten: Seit April ist der Weinsberger Waldkindergarten in Betrieb. Die neue städtische Einrichtung erfreut sich großer Beliebtheit.

Bei Regen ist es noch schöner, im Sand zu spielen. Dann lässt sich so ein schöner Schlamm anrühren. Mit dabei sind die Erzieherinnen Carolin Drautz-Scholz (links) und Anja Dietrich. Im Hintergrund die Unterkunft des Waldkindergartens.
Bei Regen ist es noch schöner, im Sand zu spielen. Dann lässt sich so ein schöner Schlamm anrühren. Mit dabei sind die Erzieherinnen Carolin Drautz-Scholz (links) und Anja Dietrich. Im Hintergrund die Unterkunft des Waldkindergartens.  Foto: Seidel, Ralf

Es regnet und regnet und regnet - herrlich! Emilia strahlt. Geduldig hält sie die blaue Tasse unter die Dachrinne des Bauwagens. Sobald die Tasse voll ist, kippt sie den Inhalt in eine Bratpfanne. Vorsicht, dass nichts überschwappt - und dann die Pfanne zum Sand getragen und diesen in Schlick verwandelt. Wasser ist mangels Anschluss ein kostbares Gut im neuen Waldkindergarten in Weinsberg. Deshalb freuen sich die Jungen und Mädchen, wenn viel davon vom Himmel fällt.

Es tropft von den Bäumen, es tropft von den Kapuzen, es gibt nichts, wovon nichts tropft an diesem Vormittag. Während sich die nicht-waldkindergartenerprobten Erwachsenen beim Besuch im Brühltal unter Schirmen zusammenducken, perlt der Regen an den Kindern ab. "Das macht mir gar nichts aus. Deshalb habe ich ja meine Regenjacke an", klärt die fünfjährige Emilia auf. Matschhose und Gummistiefel trägt sie natürlich auch. Lilja (4) und Ole (3) schauen zu, wie der Regen in die Tasse tropft und freuen sich schon auf die Matschepampe. Was gefällt Lilja noch im Waldkindergarten? "Dass ich auf Susi reiten kann." Susi ist ein Holzpferd und steht gleich am Eingang.

Die Kinder halten sich an Regeln

Wobei - einen richtigen Eingang gibt es nicht. Es gibt einige Bäume mit orangefarbenen Streifen, und es gibt immer wieder Reisig, das auf ein paar Metern Länge geschichtet ist. Für die Jungen und Mädchen heißt das: Bis hierher und nicht weiter. Sie halten sich dran. "Die Kinder wissen genau: Das ist ihr Bereich - wie ein Haus, nur eben ohne Wände und Dach", sagt Marianne Hagmann. Die Kindergartenfachberaterin der Stadt Weinsberg hat dem Waldkindergarten den Weg geebnet, Schwerpunkte gesetzt und dann gemeinsam mit den beiden Erzieherinnen Carolin Drautz-Scholz und Anja Dietrich Details ausgearbeitet.

Auf dem Weg gibt es viel zu entdecken

Etwa, dass Kinder und Erzieherinnen sich morgens um 7.30 Uhr am Parkplatz im Stadtseebachtal treffen und gemeinsam zum Waldkindergarten gehen. "Das dauert zwischen 20 und 30 Minuten", sagt Leiterin Carolin Drautz-Scholz, "je nachdem, was es zu sehen gibt". Wenn die Truppe zum Beispiel den Schafen von Erwin Württemberger aus Ellhofen begegnet, kann man nicht so tun, als ob nichts wäre. Die Schafe müssen beobachtet werden. Oder Nacktschnecken: Sie mögen eine Plage für Hobbygärtner sein, nicht aber für die elf Naturforscher zwischen drei und sechs Jahren. Wenn diese an ihrem Kindi angekommen sind, wird der erst einmal lauthals mit "Hallo Wald!" begrüßt.

Maximalgröße ist bald erreicht

Mit vier Kindern ist der Waldkindergarten im April gestartet, jetzt sind es schon elf. Bis Ende September ist die maximale Gruppengröße von 20 Jungen und Mädchen erreicht, sagt Klaus Seber, im Rathaus für die Kindergärten verantwortlich. Verwaltungsintern wird deshalb darüber nachgedacht, das Angebot zu erweitern (siehe unten).

Routiniert haben Carolin Drautz-Scholz und Anja Dietrich mit unterschiedlich langen Seilen eine Hängebrücke geknotet und an zwei Buchenstämmen befestigt. Die Kinder gehen vorsichtig vorwärts. Beliebt ist auch die Matschrutsche. Und auf Baumstämmen lässt es sich wunderbar balancieren. Drautz-Scholz ist überzeugt, dass die Kinder im Wald schneller motorische Fortschritte machen als im normalen Kindergarten. "Hier gibt es zum Beispiel viel mehr Möglichkeiten zum Balancieren. Und alles passiert so nebenbei."

Die Jungen und Mädchen sind sehr entspannt

Die Leiterin des Waldkindergartens hat eine Fortbildung zur Natur- und Umweltpädagogin gemacht. Anja Dietrich und sie sind schon länger bei der Stadt beschäftigt. Als Naturfans waren sie sofort von der Idee eines Waldkindergartens begeistert und bewarben sich auf die Stellen. "Wir können uns nichts anderes mehr vorstellen", sagt Drautz-Scholz. Die Jungen und Mädchen seien sehr entspannt. Ihr Eindruck decke sich mit der Rückmeldung der Eltern. "Die Kinder sind ein bisschen ausgepowert, wenn sie heimkommen - aber auch sehr ausgeglichen." Wenn der Nachwuchs um 13.30 Uhr dreckverkrustet am Parkplatz steht, macht das nichts. Eltern, die ihre Sprösslinge in den Kindi unter freiem Himmel schicken, nehmen einen erhöhten Verschmutzungsgrad in Kauf. Denn sie sind vom Konzept überzeugt.

Ein Bauwagen als Unterkunft

Der Waldkindergarten verfügt über einen sehr schönen Bauwagen, in dem es für alle Fälle eine Gasheizung (mit Gasflaschen) und eine Kuschelecke gibt und wo Materialien aufbewahrt werden. Strom wird mit einer Solaranlage auf dem Dach erzeugt, das Klohäusle ist mit einer Komposttoilette ausgestattet. Es gibt Handyempfang, aber keinen Wasseranschluss. Das Wasser bringen Mitarbeiter des Baubetriebshofs in 20-Liter-Kanistern.

Über Stämme und Bretter balancieren − das können die Mädchen und Jungen des Waldkindergartens richtig gut.
Fotos: Ralf Seidel
Über Stämme und Bretter balancieren − das können die Mädchen und Jungen des Waldkindergartens richtig gut. Fotos: Ralf Seidel  Foto: Seidel, Ralf

Was die Ausstattung angeht, ist der Waldkindergarten "eine sehr günstige Geschichte", sagt der zuständige Amtsleiter Klaus Seber. Die Kosten für den Bauwagen, die angedockte Veranda und für das, was sonst noch nötig war, um das Areal in einen Open-Air-Kindergarten zu verwandeln, summierten sich laut Seber auf 160 000 Euro. Zum Vergleich: Pro Gruppe in einem Standard-Kindergarten kalkuliere man mit 800 000 Euro. Auch die Landesförderung sei mit 70 Prozent höher als die Förderung von normalen Kindergärten. Von den 160 000 Euro würden 110 00 Euro übernommen.

Andererseits sei der "Unterhaltungsaufwand relativ hoch", sagt Seber. Eine Fremdfirma habe mit Revierförster Ekkehard Matter die Bäume - Buchen zumeist - kontrolliert und Totholz herausgeschnitten. Der Waldbereich müsse engmaschig kontrolliert werden, besonders nach Stürmen.

Es ist absehbar, dass für den Waldkindergarten ab Ende des Jahres eine Warteliste geführt werden muss. Daher werde rathausintern bereits über eine weitere Gruppe nachgedacht, sagt Seber. "Oder auch über einen Natur- oder Parkkindergarten." Dafür kämen als Standorte auch Baumgrundstücke oder Wiesen infrage.

4,5 Millionen Euro für die Kinderbetreuung

Die Stadt Weinsberg verfügt über 450 Betreuungsplätze für Kinder zwischen drei und sechs Jahren sowie über 60 Plätze für Jungen und Mädchen im Krippenalter, sagt der Leiter des Personal- und Ordnungsamtes. Die Nachfrage ist groß. "Der neue Kindergarten Heilbronner Fußweg mit drei neuen Gruppen wird dringend gebraucht." Zieht man Einnahmen wie Elternbeiträge oder Landesförderung ab, zahlt die Stadt für die Betreuung der Kinder bis zum Schuleintritt jedes Jahr rund 4,5 Millionen Euro.

 
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