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Weinsberg

Unter dem Banner der Nazis: Weiteres Buch zum Zeitzeugenprojekt 1933 bis 1945 in Weinsberg

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Die Weinsberger Hobbyhistoriker Holger Wahl und Simon Bendel wollen das kollektive Gedächtnis durch mündlich erzählte Geschichten sichern. Präsentation am 26. Januar.

Anlass für die Festdekoration in der Hauptstraße mit Stadtfahnen und Hakenkreuzflaggen war vermutlich der Weibertreuherbst 1938 oder das Kreisliederfest 1939.
Anlass für die Festdekoration in der Hauptstraße mit Stadtfahnen und Hakenkreuzflaggen war vermutlich der Weibertreuherbst 1938 oder das Kreisliederfest 1939.  Foto: privat

Wir haben 70 Prozent des Buchs fertig", sagt Holger Wahl. "Weinsberg unter dem Banner des Hakenkreuzes" soll zu Ostern erscheinen. Das ist das Ziel von Wahl und Simon Bendel, den beiden Hobbyhistorikern, die sich seit Jahren damit befassen, das Dritte Reich in Weinsberg auf eine besondere Art aufzuarbeiten. Es ist der zweite Band zum Zeitzeugenprojekt "Weinsberg 1933 bis 1945 - Ein kollektives Gedächtnis". Der erste, allerdings in der Chronologie der letzte - "Als der Krieg nach Weinsberg kam" - erschien 2020 zum 75. Gedenken an die Zerstörung Weinsbergs am 12. April 1945. Wegen Corona mussten die Veranstaltungen abgesagt werden. Einen Vorgeschmack auf den Inhalt des neuen Buchs, das den Zeitraum von der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bis zum Kriegsausbruch 1939 umfasst, bekommen Interessierte in Wort und (bewegten) Bildern bei der Veranstaltung am Freitag, 26. Januar. Die Introfilme hat Moritz Kuhn gemacht.

Aufmarsch am Grasigen Hag: Dabei handelte es sich laut Hobbyhistoriker Holger Wahl um ein Gelöbnis von Rekruten auf Hitler. Anfangs soll der alte Sportplatz als Stätte des Treuerschwurs gedient haben.
Aufmarsch am Grasigen Hag: Dabei handelte es sich laut Hobbyhistoriker Holger Wahl um ein Gelöbnis von Rekruten auf Hitler. Anfangs soll der alte Sportplatz als Stätte des Treuerschwurs gedient haben.  Foto: Stadtarchiv

"Uns geht es darum, zu verstehen, was die Menschen damals erlebt haben", sagt Kameramann Bendel, der die Interviews mit inzwischen 57 Zeitzeugen aufgenommen hat. Diese seien oft die einzige Quelle, meint er weiter. Stadtarchivarin Stephanie Klein bestätigt, dass dieses düstere Kapitel deutscher Geschichte auf lokaler Ebene kaum aufgearbeitet sei. "Wissenschaftlich schon gar nicht", sagt sie. Denn es gebe nicht viele Akten und Dokumente aus der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. "Das Quellenmaterial fehlt."

Erinnerungen werden in den Kontext gesetzt

15. Mai 1936: Reichsminister Walter Darré, Reichsführer SS Heinrich Himmler (Mitte) und NSDAP-Gauleiter Walter Murr kommen aus der Hildthalle.
15. Mai 1936: Reichsminister Walter Darré, Reichsführer SS Heinrich Himmler (Mitte) und NSDAP-Gauleiter Walter Murr kommen aus der Hildthalle.  Foto: Stadtarchiv

Einen wissenschaftlichen Anspruch haben die Hobbyhistoriker nicht. Sie wollen das kollektive Gedächtnis durch mündlich erzählte Geschichten sichern. Ihnen ist klar, dass die Erinnerungen der damals jungen Erwachsenen und Kinder auch verblassen oder vom Hörensagen stammen. Deshalb setzen die Hobbyhistoriker die Schilderungen in den Kontext. Sie haben die Spruchkammerakten im Staatsarchiv in Ludwigsburg gesichtet, Gemeinderats-Protokolle, die nur bis 1936 vorhanden sind, ausgewertet, ebenso die Weinsberger Zeitung. "Wir wollen verstehen, wie in der Gesellschaft der Kompass so verrutschten konnte, dass man sich gegenseitig denunziert hat", sagt Bendel. Holger Wahl nennt ein Beispiel. Die Tochter von Wilhelm Kolb, Elisabeth, habe ihm erzählt, dass ihr Vater im "Adler" saß und gesagt habe, wie denn ein kleiner Gefreiter aus Österreich das Deutsche Reich führen wolle. "Am nächsten Tag war er im Gefängnis", berichtet Wahl von den Konsequenzen.

Ganz oft habe er von den Frauen und Männern vor der Kamera den Satz gehört: "Pscht, da durfte man nichts sagen." Die Brutalität, teilweise mit Waffengewalt ausgeübt, hat Wahl in den Schilderungen der Weinsberger schockiert. "Unglaublich schnell und irreversibel", so fasst er die Machtübernahme durch Hitler zusammen. "Es war relativ schnell zu spät", meint Bendel.

SPD-Stadträte von SA-Männer verprügelt

Diese Aufnahme der trommelnden und Flöte spielenden Hitlerjugend stammt aus einem privaten Fundus aus den Jahren 1933/34.
Diese Aufnahme der trommelnden und Flöte spielenden Hitlerjugend stammt aus einem privaten Fundus aus den Jahren 1933/34.  Foto: privat

Von Ernst Barth sei überliefert, dass in der ersten Gemeinderatssitzung nach der Machtergreifung zwei bewaffnete SA-Männer ihn und seinen SPD-Stadtratskollegen aus dem Sitzungssaal abgeführt und verprügelt hätten. Sie wurden durch NSDAP-Männer ersetzt.

Weinsberg mit rund 3000 Einwohnern sei aufgeblüht, weiß Bendel vom damaligen Metzger Erwin Gailing. Wie dieser so belieferte auch der Bäcker das 1937 erbaute Landwehrlager, in dem 1000 Rekruten, Ausbilder und Angestellte untergebracht waren. Diese sorgten zudem für Umsatz in den Lokalen.

Zwei Farbfilme von Festen im Stadtarchiv

Als sehr wertvoll bezeichnet auch Stadtarchivarin Stephanie Klein die zwei Agfa-Color-Filme, mutmaßlich von Unternehmer Helmut Läpple, die im Stadtarchiv sind. Sie zeigen den Festzug vom Weibertreuherbst 1938 durch die mit Hakenkreuzfahnen dekorierte Hauptstraße und das Kreisliederfest im Juli 1939. Die Schreckensherrschaft wird für Bendel durch diese Farbaufnahmen realer. Sonst kenne man die Nazi-Zeit meist nur in Schwarz-Weiß.

Euthanasie im Weissenhof

Die Veranstaltung am Freitag, 26. Januar, in der Hildthalle - sie ist bewirtet - beginnt um 18 Uhr mit dem Gedenken an die Opfer der Euthanasie im Weissenhof. Der Eintritt ist frei. Video-Clips von Zeitzeugen werden eingespielt. Pflegedirektorin Birgit Karl gibt einen Einblick in das Thema. Nach der Pause um 19 Uhr präsentieren um 19.30 Uhr Holger Wahl und Simon Bendel Interviews zu ihrem Zeitzeugenprojekt. Der Eintritt kostet acht Euro.

 
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