Pater von Gemmingen: "Religion ist keine Privatsache"
Pater Eberhard von Gemmingen spricht in Obersulm über die Glaubenskrise in Mitteleuropa. Ob Papst Franziskus die Krise der Kirche wenden kann? Diese Hoffnung verbinden manche Katholiken mit Jorge Mario Bergoglio, seit 2013 Papst Franziskus. Pater Eberhard von Gemmingen stellte diese Frage seinem Vortrag voran und machte sich auf die Spurensuche nach Antworten. Zuvor hielt der 81-jährige ehemalige Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan die Eucharistiefeier in der Vaterunser-Kirche in Willsbach.

Kein Unbekannter hier
Der Jesuitenpater, geboren 1936 in Bad Rappenau, präsentiert sich als belesener Redner, aus Zeitungsinterviews und Büchern zitierend, doch auch darauf bedacht, seine Zuhörer weder zu überfordern noch zu ermüden. Vorsichtig bleibt von Gemmingen in seinen Äußerungen über Franziskus, es sind Vermutungen und Interpretationen. Auch gestützt auf dessen Verhalten: im Gästehaus und nicht im Papstpalast zu wohnen, den ersten Besuch auf der Insel der Flüchtlinge, Lampedusa, zu machen, sich um Bettler zu kümmern. Seinen barmherzigen Ansatz, Menschen, die in Schwierigkeiten sind, zur Seite zu stehen, ihre Wunden zu heilen und deren Herzen zu erwärmen. Die Liebe Gottes gehe allem voraus.
Andere Kirchen sind auch in der Krise
Ganz sicher ist sich von Gemmingen in diesem: "Wenn der Papst morgen sagt, jetzt weihen wir die Frauen, würde es nicht so mit der Kirche aufwärts gehen" - parallel fährt sein Arm in die Höhe. Das hat weniger mit Franziskus zu tun, dem Gemmingen eine "positive atmosphärische Änderung" zuschreibt, sondern mit der "tiefen Glaubenskrise in Mitteleuropa". Die treffe nicht nur die Katholiken, sondern auch Kirchen, die Frauen ordinieren.
Wissen über den Mann am Kreuz
Wer war der Mann am Kreuz? Warum ist er umgebracht worden? Was bedeutet das Vaterunser? "Viele Getaufte haben hier ein schwaches oder gar kein Wissen", sagt von Gemmingen, doch die Bedeutung von Jesus Christus sei nicht irrelevant für die Kultur in Mitteleuropa.
Religion sei die Basis
Über Jahrhunderte hinweg hätten Eltern automatisch die Grundlage gelegt, sei das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben worden. Der Glaube selbst sei etwas, das überspringe. "Wenn Europa nicht weiß, wer der Mann am Kreuz ist, wenn das Christentum eine Sache von Minderheiten ist, können wir den Laden zumachen, geht Europa den Bach hinunter", formuliert es von Gemmingen plakativ. Es sei eine Fehleinschätzung zu denken, dass Religion eine Privatsache ist. Der Zivilgesellschaft müsse bewusst sein, dass Religion die wesentliche Quelle für ihre Kultur sei, ohne sie würden christliche und ethische Überzeugungen, auf denen Rechts- und Sozialordnungen gründen, zugrunde gehen. Technisch-ökonomische Denkweisen seien an der Tagesordnung, bedauert er.
Gemeinsam gelebter Glaube
Zurück zur katholischen Kirche, die nicht nur Morallehre ist, sondern gemeinsam gelebter Glaube. Initiativen können von der Basis ausgehen. Letztlich, so argumentiert der Referent, sei die Krise nicht im Vatikan gemacht. Deshalb mache es auch keinen Sinn, von Rom die Lösung aller Probleme zu erwarten. Weil seine Vorträge immer Gefahr laufen würden, zu entmutigen, wechselt der Pater die Tonart. "Nicht verzweifeln, nicht resignieren. Die Sache des Herrn geht weiter - auf seinem Weg." Eine Krise sei eine Chance zu wachsen.
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