Ein Rundgang durch die Industrie-Ruine des Werzalit-Stammwerks
Im April 2019 wurde die Produktion des insolventen Baustoffherstellers stillgelegt. Weil das Areal großes städtebauliches Potenzial bietet, überschlagen sich die Ideen für die Neubebauung. In Glanzzeiten hat das Traditionsunternehmen 700 Mitarbeiter beschäftigt.

Gänzlich verlassen ist das Werzalit-Firmengelände in Oberstenfeld noch nicht. Etwa 36 Mitarbeiter von Verwaltung und Logistik arbeiten zurzeit noch im Stammwerk in der Gronauer Straße nahe des Ortskerns. Sie werden sukzessive in das ursprüngliche Zweigwerk im thüringischen Eichsfeld, das nun das deutsche Hauptwerk ist, gebracht. In einem der älteren Gebäude von 1952 fegt Antonio Scognamiglio, ein Helfer, Holzspäne zusammen - das Material, mit der Werzalit klassischerweise arbeitet.
Zurzeit läuft die Entsorgung von Abfällen
Noch vor einem Jahr wurden in dem Oberstenfelder Werk mit speziellen Pressen Tischplatten hergestellt. Die Maschinen, allesamt Sonderanfertigungen, sind für immer verstummt und nur noch ein Fall für den Schrotthandel. Ende April 2019 wurde die Produktion im großen Stammwerk des Bauelemente-Herstellers stillgelegt.
Im Rahmen des Insolvenzverfahrens, das die Firma 2018 beantragte, werden Chemikalien, Stoffe, Abfälle und Maschinen entsorgt. Es herrscht wenig Betrieb auf dem Gelände mit seiner "gewachsenen Struktur", weil es sich wie ein Flickenteppich aus Alt- und Neubestand zusammensetzt, wie der ehemalige Werzalit-Mitarbeiter Horst Malitsky erklärt. Die Lager- und Produktionshallen wirken nicht gerade besenrein. Alles steht an seinem Platz, gerade so, als wäre es nur vorübergehend verlassen worden.

Bauliche Mängel an den Gebäuden weisen darauf hin, dass sich an dem Werzalit-Standort seit längerem nichts mehr tut: Einer Produktionshalle fehlt das Dach. Nach einem starken Sturm war es abgenommen und gesichert worden.
Das Werzalit-Gelände bleibt in der Übergangszeit jedoch nicht ungenutzt. Auf 3000 Quadratmetern stehen, wo früher die Vielzahl der verschiedenen Tischplatten gelagert wurden, Fitnessgeräte. Einzelne Gebäude und Flächen wurden an kleine Firmen vermietet.
Das Areal ist zwischenzeitlich teilweise vermietet
Wenig erinnert an die Glanzzeiten, als das Traditionsunternehmen rund 700 Mitarbeiter beschäftigte. Zuletzt waren es knapp 300. Fast ausschließlich Einwohner aus Oberstenfeld und Umgebung arbeiteten in dem Werk. Werzalit hat den Ort fast 100 Jahre als größter Arbeitgeber geprägt. Dadurch wuchs auch die Gemeinde.
"Wir waren eine Familie", sagt Horst Malitsky. 48 Jahre war er im Unternehmen, lernte dort. Die letzten 15 Jahre war er Leiter für die Technik. Wenn Malitsky von den Produktionsabläufe und Maschinen erzählt, spricht er vom Wir. Er spaziere mit einem lachenden und einem weinenden Auge über das Firmengelände: "Als Techniker kann ich mir vorstellen, was man Tolles aus dem Gelände machen kann."
"Die Geschichte hört mit dem jetzigen Tag auch nicht auf", ergänzt Bürgermeister Markus Kleemann. Die Gemeinde hat Ordner, Bilder und Dokumente ins Stuttgarter Staatsarchiv gebracht, um an die Firmengeschichte zu erinnern. Es gebe viele Ideen, was auf dem Gelände entstehen soll, sagt Bürgermeister Markus Kleemann. Dann geht es an den Bebauungsplan. "Das Gelände ist ein Filetstück für Gestaltungsmöglichkeiten."

Eigentümerin des elf Hektar großen Geländes ist Levkas, eine Tochterfirma der Volksbank Backnang. Geschäftsführer Wolfgang Matt rechnet damit, dass in drei bis fünf Jahren mit dem Abriss und der Neubebauung begonnen werden könnte. Eine mögliche Schlagzeile für das Grundstück könnte "Wohnen und Arbeiten" lauten. Markus Kleemann verweist auf die direkte Ortsnähe, die Idylle der Bottwar, die Aussicht auf Burg Lichtenberg. "Das Potenzial ist riesig, so schade es um die Arbeitsplätze ist. Aber wir schauen nach vorne."
Die Firmengeschichte
Jakob Friedrich Werz gründete 1924 die Firma, die Sperrholzplatten und Holzleim herstellte. 1946 wurde Sohn Frieder Geschäftsführer. In dieser Ära bekam die Werzalit ihren Namen und avancierte zum Marktführer für Sperrholzgehäuse. 1987 verkaufte Frieder Werz die Firma an die Constantia Wien. 2003 kaufte Jochen Werz die Constantia-Anteile zurück. 58 Ex-Mitarbeiter führten einen Rechtsstreit gegen die Firma, den sie 2018 vor dem Bundesarbeitsgericht in Erfurt gewannen. Verschiedene Faktoren, unter anderem der harte Wettbewerb, führten dazu, dass Werzalit 2018 Insolvenz anmeldete. Im Dezember 2018 wurde die Firma an das österreichische Unternehmen Martin Troyer verkauft.


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