Das historische Kinderschüle in Flein gibt es nicht mehr

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Die Pusteblume ist abgerissen. Das Gebäude war der erste Kindergarten in Flein. Jetzt kann die Kita-Tiefgarage fertig gestellt werden.

Der älteste Fleiner Kindergarten ist Geschichte. Jetzt sind nur noch Steine vom historischen Gebäude übrig. Nun kann die Tiefgarage erweitert und mit der Rampe versehen werden. Darüber wird die Freifläche mit Spielgeräten gestaltet.
Der älteste Fleiner Kindergarten ist Geschichte. Jetzt sind nur noch Steine vom historischen Gebäude übrig. Nun kann die Tiefgarage erweitert und mit der Rampe versehen werden. Darüber wird die Freifläche mit Spielgeräten gestaltet.  Foto: Friedrich, Sabine

Der Bagger hat das entkernte Gebäude niedergerissen. In der Schulstraße klafft jetzt eine Lücke. Die Pusteblume ist Geschichte, ein 120-jähriges Kapitel damit zugeschlagen. Hier haben Generationen junger Fleiner gebastelt, gemalt und gesungen, einst auch unter Aufsicht einer Diakonissin der Großheppacher Schwesternschaft. Das "Kinderschüle", wie es früher genannt wurde, war der erste und viele Jahre lang der einzige Kindergarten in der Gemeinde.

2008 wurde Gebäude zur Kita umgebaut

In seiner Grundstruktur wurde er nie verändert, erhielt allerdings 1995 einen Flachdachanbau mit neuem Eingang, Küche und Sanitärbereich. 2008 wurde die Einrichtung in der Schulstraße für 80 000 Euro in die Krippe Pusteblume umgewandelt. Vor einigen Monaten sind die Buben und Mädchen samt Erzieherinnen in den 2019 bezogenen Kita-Neubau nebenan umgezogen. Mit dem Abbruch der im Kern maroden Bausubstanz startet nun der zweite Bauabschnitt, die Erweiterung der Tiefgarage und die Freiflächengestaltung.

Eine Million Euro für unterirdische Parkplätze

Bevor die neue Kita gebaut wurde wurde, stand die Pusteblume als Solitär in der Schulstraße. 1903 wurde sie als Kleinkinderschule gebaut.
Bevor die neue Kita gebaut wurde wurde, stand die Pusteblume als Solitär in der Schulstraße. 1903 wurde sie als Kleinkinderschule gebaut.  Foto: Friedrich

Um den Schulbetrieb möglichst wenig zu stören, rückte der Bagger in den Faschingsferien an. Die Abbruchkosten von 44. 000 Euro bezuschusst das Land mit 60 Prozent im Rahmen des Sanierungsgebiets "Ortskern III - Heilbronner Straße". Was unterirdisch passiert, verschlingt eine Menge Geld. Die Schätzung liegt bei knapp einer Million Euro, was den Gemeinderat erschreckt hatte. Mehrheitlich sprach er sich im vergangenen November dennoch dafür aus, nicht nur die elf Parkplätze unter der Kita fertigzustellen, sondern die Tiefgarage um zwölf Stellplätze zu ergänzen. Ohne Erweiterung wäre es nur halb so teuer, die notwendige langgezogene Rampe hätte jedoch die Spielfläche reduziert. Die Ausfahrt kann Richtung Dorfgrabenschulhaus gebaut werden, wie Bauamtsleiter Hartmut Winkler erklärt.

Lehrer und Kita-Personal warteten auf die Tiefgarage, sagt er. Die sei auch versprochen worden. Eltern hatten sich in einer Unterschriftenaktion einst gegen die Kita ausgesprochen, weil sie ohne Stellplätze ein Verkehrschaos in der Schulstraße befürchteten. Dieses blieb nicht zuletzt wegen der eingeführten Einbahnregelung aus. Mit dem Projekt sei eine positive Stellplatzbilanz verbunden, stellt Winkler fest.

Auf der Tiefgarage wird Freifläche gestaltet

Der Erweiterungsbereich der Tiefgarage wird mit Erde bedeckt, so dass eine Freifläche entsteht, die gestaltet und mit Spielgeräten versehen werden soll. Dafür fallen noch einmal 300.000 bis 400.000 Euro an.

Hartmut Winkler blättert in der Bauakte und entdeckt die Baugenehmigung für den Kindergarten Schulstraße, die am 29. Mai 1902 erteilt wurde. Damit bekam Flein ein eigenes Heim für die Kleinkinderschule, die die Mädchen und Buben an "Ordnung und Wohlverhalten" gewöhnten sollte, wie es Heimatforscher und Rektor Paul Fähnle 1908 formulierte. Von 1875 bis 1886 war die "Bewahranstalt für die Kinder der vielbeschäftigten Eltern" eingemietet - im Kronensaal, bei Richard Münzing und Gottlieb Stähle. Danach war die neue Schule das Domizil. Heute unvorstellbar: Zeitweise wurden im "Kinderschüle" über 100 Mädchen und Buben betreut, wie im Heimatbuch nachzulesen ist. Einen Personalschlüssel gab es natürlich noch nicht.

Das Ostererlebnis hat er nicht vergessen

Alt-Gemeinderat Eberhard Göttle besuchte ab 1955 den Kindergarten Schulstraße. Und auch er spricht davon, dass er sich im Kreis von 50, 60 Kindern befand. Eine einzige Erzieherin kümmerte sich um sie, Tante Elsbeth (Krummlauf). Den Namen hat er nicht vergessen, und Göttle meint, dass er gerne in den Kindergarten gegangen sei. Ansonsten hat er wenig Erinnerungen an diese Zeit. Außer an ein "Ostererlebnis". Der Sandkasten sei zum Fest schön geschmückt worden. In ihm hoppelten sehr zur Freude der Kinder Hasen, die die Kleintierzüchter gebracht hatten.

Beim 100. Jubiläum erinnerten sich ehemalige Kinderschüler

2003 wurde der 100. Geburtstag des Fleiner "Kinderschüle" gefeiert mit einem Festabend mit Programm. In zwei Ausstellungen wurde das Thema "Kindergarten früher und heute" dokumentiert.
2003 wurde der 100. Geburtstag des Fleiner "Kinderschüle" gefeiert mit einem Festabend mit Programm. In zwei Ausstellungen wurde das Thema "Kindergarten früher und heute" dokumentiert.  Foto: SCHEFFLER

Paul Fähnle (1868 - 1942) hatte einst die Kosten für das "Kinderschüle" recherchiert. Stiftungen von Kommerzienrat Friedrich Michael Münzing aus Heilbronn von 4000 Mark 1880 und Gemeinderat Steinmetz 1902 von 200 Mark bildeten den Grundstein. 1902 lag die Bausumme bei 6500 Mark, nach der Fertigstellung betrug der Aufwand 7300 Mark.

Zu Mädchen-Geburtstagen wurde Puppe herausgeholt

"Sehr streng ist es damals zugegangen", titelte die Heilbronner Stimme im Mai 2003 im Vorfeld des 100. Geburtstags des Kindergartens in der Schulstraße. Im Artikel werden Erinnerungen älterer Fleiner beschrieben. Die Kinder saßen in Reih" und Glied an Tischen, es wurde viel gebastelt, gemalt und gesungen. Beim Festabend selbst erzählte Emil Scheerle, dass die Buben mit einem Pferdegespann mit roten Leitseilen spielten.

Wenn ein Mädchen Geburtstag hatte, durfte es mit einem Püppchen spielen, das danach wieder im Schrank verschwand. Ging es an die frische Luft, hielten sich die Kinder an Schlaufen eines langen Seils. Die 83-jährige Irene Schmid gab all die Lieder vom Heiland zum Besten, die sie in den 20er-Jahren im Kinderschüle gelernt hatte.

 
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