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Beilsteins Bürgermeister Holl: Das lachende und das weinende Auge

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Beilsteins Bürgermeister Patrick Holl ist nur noch bis Ende Februar im Amt. Dann wechselt er zum Gemeindetag nach Stuttgart. Im Stimme-Interview spricht er über Vorfreude und über Abschiedsschmerz.

Hier war neun Jahre lang sein Arbeitsplatz: Patrick Holl vor dem Beilsteiner Rathaus. Ab 1. März pendelt er nach Stuttgart.
Foto: Andreas Veigel
Hier war neun Jahre lang sein Arbeitsplatz: Patrick Holl vor dem Beilsteiner Rathaus. Ab 1. März pendelt er nach Stuttgart. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Herr Holl, wie ist Ihre Gemütslage? Freuen Sie sich auf das, was kommt, oder überwiegt der Abschiedsschmerz?

Patrick Holl: Es gibt ja den Spruch mit dem lachenden und dem weinenden Auge - genau so fühlt es sich an. Es ist zwar schön, wenn Projekte so weit aufbereitet sind, dass man sie guten Gewissens übergeben kann. Aber man spürt auch Wehmut, weil man bestimmte Dinge nicht zu Ende bringen kann. Andererseits ist da die Vorfreude auf die neue berufliche Herausforderung. Ich bleibe den kommunalen Themen ja treu - nur eben aus einer anderen Perspektive.

 

Gerade mal ein Jahr nach Ihrer Wiederwahl haben Sie sich auf eine andere Stelle beworben. Nehmen Ihnen die Beilsteiner das übel?

Holl: Mein Eindruck ist, dass es die Bürger überwiegend mit Verständnis aufgenommen haben. Viele haben gesehen, dass das für mich eine Gelegenheit war, mich beruflich weiterzuentwickeln. Man kann die Chance nur dann ergreifen, wenn sie sich bietet.

 

Dennoch: Es ist kein guter Zeitpunkt für einen Kapitän, sein Schiff zu verlassen. Die Stadt steht vor vielen Herausforderungen - Schulsanierung, Wohngebiet oder Pflegeheim-Neubau - und das mitten in der Pandemie.

Holl: Ja, das stimmt. Andererseits gibt es den richtigen Zeitpunkt nie. Eine Stadt ist niemals ,fertig". Es kommt auch darauf an, wie weit die Projekte gediehen sind. Die Schulsanierung und das Neubaugebiet zum Beispiel sind ja längst aufs Gleis gesetzt. Und dann gibt es andere Vorhaben, die sind so auf den Weg gebracht, so dass man sie gut weiterbearbeiten kann. Oder sie können für eine gewisse Zeit der Vakanz ruhen, da sie noch ziemlich am Anfang stehen.

 

Sie haben gesagt, Sie und Ihre Familie wollen weiterhin in Beilstein wohnen. Bleibt es dabei?

Holl: Ja, das ist weiterhin der Fall - und der Wunsch wurde von meiner Familie auch klar und deutlich zum Ausdruck gebracht (lacht).

 

Woran erinnern Sie sich am liebsten, wenn Sie an die neun Jahre als Bürgermeister zurückdenken?

Holl: An die Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Es gab viele Begegnungen, die eine persönliche Bereicherung waren. Von den Projekten her gesehen war das Kinderhaus das prägendste Großprojekt.

 

Was würden Sie aus heutiger Sicht lieber verdrängen?

Holl: Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas zu verdrängen. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass nicht jedes Projekt immer rund läuft. Und es kommt auch mal zu Interessenskonflikten. Ich denke zum Beispiel an den Kapellenweg in Stocksberg. Manche Projekte hätte ich gerne schneller auf den Weg gebracht, zum Beispiel den DSL-Ausbau in den Teilorten. Oft ist es auch ein Spagat: Da sind einerseits die Erwartungen der Bürger, und gleichzeitig gibt es Einflüsse von außen.

 

Bis jetzt haben sich fünf Menschen um Ihre Nachfolge beworben - keiner ist Verwaltungsfachmann oder -frau. Schmerzt Sie das?

Holl: Aus Respekt vor jeder Kandidatin/jedem Kandidaten und vor den Wählern und auch, weil ich zur Neutralität angehalten bin: Dazu werde und kann ich nichts sagen.

 

Eine Meinung haben Sie aber doch.

Holl: Ja, eine persönliche Meinung habe ich sicherlich, und ich werde das Ganze interessiert weiterverfolgen. Ich wünsche mir vor allem weiterhin einen fairen Wahlkampf.

 

Ein Tipp für Ihre Nachfolgerin oder Ihren Nachfolger: Worauf kommt es am meisten an, wenn man Bürgermeister in Beilstein ist?

Holl: Eine gute Kommunikation ist wichtig. Wegen der Struktur mit der Kernstadt und den Teilorten muss man zudem auf Ausgewogenheit achten. Und manchmal braucht es kreative Ideen, um trotz enger Finanzen die Infrastruktur zu erhalten oder zu erweitern.

 

Welchen Anfängerfehler sollte er oder sie vermeiden?

Holl: Man darf und soll sich Zeit nehmen, sich zu orientieren. Man sollte nicht gleich jedem Erwartungsdruck nachgeben. In diesem Dilemma habe auch ich mich am Anfang befunden. Das Miteinander muss sich erstmal einspielen.

 

Welcher drei Projekte sollte er oder sie sich als erstes annehmen?

Holl: Wichtig wäre meines Erachtens, das Pflegeheim weiter voranzutreiben, außerdem den DSL-Ausbau in den Teilorten. Ebenso die Sanierung des Schulzentrums, weil der Förderzeitraum begrenzt ist.

 

Aber - die Frage geht an den neuen Gemeindetags-Beigeordneten - welchen Spielraum haben Kommunen in Corona-Zeiten überhaupt noch?

Holl: Die Frage ist kaum zu beantworten. Wir sind noch in der akuten Phase der Pandemie; man weiß noch nicht genau, wie sie sich langfristig finanziell auswirken wird. Aber sicher ist wohl, dass es schon ein gutes Niveau sein wird, wenn man den Bestand sichern kann.

 

Und nun wieder an den Noch-Bürgermeister: Kann sich die Stadt Beilstein ihre Infrastruktur, die bezogen auf die Größe recht üppig ist, künftig überhaupt noch leisten?

Holl: Es ist schwer absehbar, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln. Wir haben begonnen, den Etat zu konsolidieren und visieren eine moderate Erhöhung der Hebesätze an. Aber Kommunen haben eben auch viele Aufgaben, die verpflichtend sind und sich finanziell stark auswirken: Brandschutz zum Beispiel oder Kinderbetreuung.

 

Was wünschen Sie Beilstein?

Holl: Ich wünsche mir, dass Beilstein auch weiterhin eine harmonische Entwicklung nimmt - dass die Kommune zeitgemäß bleibt und dabei ihren Charakter als kleine, aber charmante Stadt nicht verliert.

 

Zur Person

Seit 1. Februar 2012 ist Patrick Holl Bürgermeister der Stadt Beilstein mit ihren rund 6300 Einwohnern. Er hatte sich bei der Wahl im November 2011 gegen zwei ernsthafte Mitbewerber durchgesetzt und trat damit die Nachfolge von Günter Henzler an. Vor gut einem Jahr, im November 2019, wurde der Diplom-Verwaltungswirt im Amt bestätigt. Seit Anfang November 2020 ist klar, dass der 38-Jährige Erster Beigeordneter des Gemeindetags Baden-Württemberg wird und damit auch dessen stellvertretender Geschäftsführer. Der Gemeindetag Baden-Württemberg ist der Landesverband kreisangehöriger Städte und Gemeinden. Er hat 1064 Mitgliedsstädte und -gemeinden mit über sieben Millionen Einwohnern. Der letzte Arbeitstag des Vaters zweier Töchter (sechs und zehn Jahre) im Rathaus ist der 26. Februar. Am 1. März geht es nahtlos in Stuttgart weiter. Eine Verabschiedungsfeier ist coronabedingt derzeit nicht vorgesehen. Die Wahl in Beilstein ist am 14. März. Es wird also eine Zeit der Vakanz ohne Bürgermeister geben.

 

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