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Löwenstein/Stuttgart

Hochaltar des Klosters Lichtenstern aus dem Depot befreit

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Seit dem 19. Jahrhundert war der Hochaltar des Klosters Lichtenstern nicht mehr öffentlich zu sehen. Fünf Jahre lang wurde er aufwendig restauriert. Das Ergebnis ist nun im Landesmuseum in Stuttgart ausgestellt.

Um das empfindliche Werk aus dem 15. Jahrhundert zu schützen, wurde eigens eine klimatisierte Glasvitrine angefertigt.
Foto: Landesmuseum Württemberg
Um das empfindliche Werk aus dem 15. Jahrhundert zu schützen, wurde eigens eine klimatisierte Glasvitrine angefertigt. Foto: Landesmuseum Württemberg  Foto: Landesmuseum Württemberg

Für die Experten des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart ist er ein "Meisterwerk": der Altaraufsatz aus dem Kloster Lichtenstern. Von 2017 bis 2021 wurde er restauriert, nun ist der großformatige Flügelaltar in einer eigens für das Kunstwerk gebauten Vitrine dort wieder zu sehen. Der Altar, der um 1465/70 entstanden ist, bildet das Zentrum eines eigenen Raumes im Alten Schloss in der Schausammlung "LegendäreMeisterWerke".

Zur Rettung des Klosters verkauft

Der rund 2,70 Meter hohe Altar fristete sein Dasein seit dem 19. Jahrhundert verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit, nachdem er an das Haus Württemberg verkauft worden war. "Justinus Kerner, Carl August Zeller und der damalige Stadtpfarrer von Löwenstein wollten das Kloster vor dem Abbruch retten. Das Geld wurde gebraucht, um die dort eingerichtete Kinderrettungsanstalt aufrecht erhalten zu können", weiß Pfarrerin Sybille Leiß, Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Stiftung Lichtenstern. "So kam der Altar nach Stuttgart."

Zerbrechlich und unfertig

Und dort fristete das mit 21 Abbildungen und sieben Skulpturen aufwendig gestaltete Werk sein Dasein im Depot - vor allem aufgrund seines fragilen Zustands und wegen früherer Restaurierungsarbeiten, die nach Angaben des Museums "nicht konsequent zu Ende geführt wurden". 2017 fiel schließlich die Entscheidung, den Altaraufsatz wieder herzeigbar zu machen. Vier Restauratoren nahmen sich seiner an.

Überraschende Erkenntnisse

Die umfangreichen Untersuchungen der Experten lieferten Erkenntnisse zur ursprünglichen Gestalt des Altaraufsatzes und zu den Veränderungen, die über die Jahrhunderte erfolgt sind. Röntgenstrahlen, ultraviolettes und Infrarotlicht brachten den Restauratoren nähere Erkenntnisse über die Konstruktion, Unterzeichnungen in der Bemalung und frühere Restaurierungen. "Bei der Restaurierung wurde etwa festgestellt, dass der untere Teil, die Predella, aufklappbar ist und auf der Rückseite eine Abbildung jüngeren Datums zeigt, die vermutlich auf Geschehnisse aus dem Bauernkrieg im 16. Jahrhundert verweist", sagt Sybille Leiß.

Die Bildsprache des Hochaltars widmet sich ansonsten dem Leben der Jungfrau Maria. "Damit ist er auf die Aufstellung in einem Zisterzienserinnenkloster zugeschnitten", wie die Experten des Landesmuseums bestätigen. Im Zentrum der Darstellungen steht auf der Schauseite bei aufgeklappten Flügeln die Krönung Mariens.

Schicht um Schicht abgetragen

Aber nicht nur Aufbau, Fasern und Pigmente wurden seit Beginn der Arbeiten 2017 analysiert. Auch das Holz wurde bestimmt und auf sein Alter hin untersucht, wie das Museum mitteilt. Dies habe die bisherige Datierung des Altars in die Zeit um 1465 bestätigt. Anschließend wurde der Lichtensterner Altar gereinigt und restauriert, um seine originale Substanz zu sichern. "Im Museum habe ich mir die Restaurierung näher erläutern lassen. Unter anderem wurde dabei Farbschicht für Farbschicht mit feinstem Werkzeug abgetragen. Da wird deutlich, warum die Arbeiten fast fünf Jahre in Anspruch genommen haben", sagt Leiß und lacht.

Schutz durch maßgeschneiderte Vitrine

Aber nicht nur die Wiederherstellung verlangte den Fachleuten vieles ab. Auch die Präsentation des Werks bereitete Kopfzerbrechen. Denn der Raum im zweiten Stock des Museumsturms, in dem der Altaraufsatz gezeigt werden sollte, ist nicht klimatisiert. Die Trockenheit würde schnell zu neuen Schäden an der Bemalung führen, eine Klimatisierung des ganzen Raumes hätte jedoch einen hohen technischen und finanziellen Aufwand mit sich gebracht. Daher wurde eine maßgeschneiderte klimatisierte Vitrine für den Lichtensterner Altar angefertigt, die diesen schützt.

Finanziert wurde die Restaurierung durch die Förderlinie "Kunst auf Lager" der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst steuerte weitere Finanzmittel bei, mit deren Hilfe digitale Vermittlungsformen entwickelt wurden.

Begleitend zum Altar wurde auch ein Film erstellt, der den Betrachter auf eine virtuelle Reise in die Entstehungszeit des Kunstwerks mitnimmt. Darin kommt auch die Äbtissin Margarethe von Stein zu Wort, die den Altar gestiftet hat.


Kunstsinnige Äbtissin

Die Stifterin des Altars, Äbtissin Margarethe von Stein (1444 - 1469) , hatte eine hohe Affinität zur Kunst und hinterließ weitere Spuren in der Klosterkirche , berichtet Pfarrerin Sybille Leiß. "Sie ließ etwa einen rund zwei Meter hohen Hostienschrein in eine Sandsteinmauer im Chorraum einarbeiten, der heute noch erhalten ist."

Um die von Feuchtigkeit bedrohte Klosterkirche Lichtenstern zu erhalten, wurde parallel zum Restaurierungsbeginn des Altars 2017 eine Spendenaktion ins Leben gerufen, bei der bislang insgesamt mehr als 230.000 Euro zusammengekommen sind. Davon wurden bereits erste Sanierungsmaßnahmen im Innenraum bezahlt. 

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