Arztpraxis in Neckarsulm bietet Sprechstunde für Geflüchtete: Die Nachfrage ist groß
Hausarzt Tobias Neuwirth kümmert sich mit dem Landratsamt um Menschen aus Gemeinschaftsunterkünften und behandelt Rückenschmerzen oder Erkältungen: Sprachliche Barrieren sind das Hauptproblem.

Wer krank ist, geht zum Arzt. Diese Floskel ist nicht so einfach in die Tat umzusetzen. Noch viel weniger, wenn man erst wenige Wochen in einem Land ist, dessen Sprache man nicht kennt.
Wie soll ein Mensch aus Syrien, Pakistan oder der Ukraine einem Arzt oder einer Ärztin erklären, wo es weh tut? Wie soll ein Geflüchteter verstehen, was nun passiert? Zudem steckt immer ein hoher bürokratischer Aufwand dahinter, wenn ein Mensch mit ungeklärtem Status eine Arztpraxis besucht.
Geflüchtete beim Arztbesuch: Sprachbarriere als häufiges Problem
Mediziner Tobias Neuwirth und etliche seiner Kollegen hatten mitunter die Situation, dass plötzlich jemand in der Sprechstunde steht. "Das Hauptproblem ist die Sprachbarriere." Zwar sind die "Hausärzte am Bahnhofplatz", wie die im Juli neu eröffnete Praxis in Neckarsulm heißt, sprachlich recht gut aufgestellt. Aber bei manchen Problemen geht es ohne Hilfe nicht weiter.
Hilfe kommt vom Landratsamt, und zwar vom Amt für Migration und Integration. Simon Shakra vom Sozialdienst kennt die Situation in den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises. "Meist geht es um Impfungen wie die Masernschutzimpfung, ohne die Kinder nicht in den Kindergarten oder die Schule gehen dürfen."
Sprechstunde einmal in der Woche: Behandlung ist auch ohne Termin möglich
Aber auch Zucker, Bluthochdruck, Rücken- oder Halsschmerzen und jetzt verstärkt grippale Infekte sind Gründe für einen Arztbesuch. "Die Patienten melden sich beim Sozialdienst an, wir tragen die dann in eine Liste ein mit ihren Anliegen", berichtet Shakra. "Die Nachfrage ist hoch."
Die Sprechstunde findet einmal in der Woche am Dienstag Nachmittag statt. In den zwei Stunden behandeln Neuwirth und Kollegen jedes Mal bis zu 30 Patienten. "Wenn spontan jemand vorbei kommt, wird der nicht weggeschickt", sagt Sprechstundenhilfe Katharina Ruckheim. Vom Sozialdienst ist immer jemand dabei. Heute übersetzt Hadeel Mustafa, die arabisch spricht. "Wir können türkisch, englisch, persisch, russisch, ukrainisch, wir sind wirklich eine Multikulti-Truppe hier", freut sich Neuwirth über die internationale Unterstützung.
Sprache schafft Vertrauen
Die Patienten sind froh, dass sie einen Termin bekommen. "Dann kümmert man sich einfach", sagt Neuwirth. "Wenn man die gleiche Sprache spricht, schafft das Vertrauen." So werden auch vermeintliche kulturelle Hürden schnell abgebaut. "Bei Muslimen ist das ganz normal, dass der Mann die Frau zum Arzt begleitet, der darf dann auch mit in die Sprechstunde." Auch bei Impfungen gebe es keine Vorbehalte, hat der Allgemeinmediziner beobachtet.
Traumatische Erlebnisse auf der Flucht sind "eine Riesenherausforderung", berichtet Shakra. Diese Belastungsstörungen können aber in der Sprechstunde nicht aufgearbeitet werden, dazu braucht es psychologische Begleitung und Betreuung. Aber an diesem Dienstag kann allen geholfen werden, egal aus welchem Land oder Kulturkreis. "Ein Arzt unterscheidet nicht nach Herkunft, wir geben jeden Tag unser Bestes", stellt Neuwirth zufrieden fest.
Bürokratischer Aufwand
Um in die Sprechstunde für Geflüchtete gehen zu können, brauchen die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz Versicherten einen Krankenschein des Landratsamtes, das die Kosten für Behandlung und Medikamente trägt, und über weitergehende Behandlungen und Operationen entscheidet. Das Gemeinschaftsangebot für Geflüchtete besteht seit Juli 2023, um die allgemeinmedizinische Sprechstunde zu bündeln. In den zuvor nicht darauf eingestellten Praxen musste ein erheblicher Aufwand betrieben werden. Sprachliche Probleme behinderten oft die notwendige medizinische Behandlung.
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