Für manche ist Weihnachten dieses Jahr komplett anders
Nicht alle Kinder und Jugendlichen können das Fest der Liebe mit ihren Familien verbringen. Wir haben uns mit Jugendlichen im Gefängnis, im Klinikum am Weissenhof,und im Kindersolbad unterhalten.

Die elf Betten der Kinderstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg sind alle belegt. "Wir sind immer voll", sagt Stationsleiterin Janis Zimmermann. Kinder, die hier eingewiesen werden, leiden unter Depressionen, Magersucht, ADHS und anderen psychischen Erkrankungen. Zwischen sechs und acht Wochen dauert eine Therapie, die auch vor Feiertagen nicht haltmacht. An Weihnachten werden die Kinder normalerweise für einen Tag beurlaubt. Manche jedoch, die am Anfang einer Therapie stehen oder nicht stark genug sind, müssen bleiben.
"Für die wenigen Mädchen und Jungen, die dann noch in der Klinik sind, ist das hart", sagt Janis Zimmermann. Deshalb versuche man, die Zeit so schön wie möglich zu gestalten. Die Eltern können den Heiligabend mit ihren Kindern auf der Station verbringen. Viele Familien besuchen den Gottesdienst in der Kirche auf dem Klinikgelände. Für das Abendessen lässt sich das Betreuerteam immer etwas Besonderes einfallen. Im Speiseraum, der mit selbst gebastelten Papiersternen und Lichterketten dekoriert ist, treffen sich Betreuer, Eltern und Kinder zum gemeinsamen Raclette-Essen.
Den ganzen Nachmittag Filme gucken? Im Kindersolbad geht das

Auch das Haus der Hasen-Wohngruppe des Kindersolbads in Bad Friedrichshall ist weihnachtlich geschmückt. Sieben Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren leben dauerhaft hier, weil es "Probleme mit dem Elternhaus gibt", erklärt Geschäftsführer Benjamin Kaufmann. Über die Feiertage fahren die meisten nach Hause, manche bleiben aber auch. "Wir besprechen vorher, was wir essen wollen, und entscheiden dann, wie wir den Tag verbringen", sagt Erzieherin Mareike Hutsch. "Ich bin dafür, dass wir den ganzen Nachmittag Filme gucken", schlägt Marcel Bürger vor. Der 17-Jährige wohnt seit zehn Jahren im Kindersolbad. "Ob ich am Heiligabend hier bin oder bei meiner Mutter, entscheide ich selbst", sagt Marcel. Für ihn sei es okay, Weihnachten im Heim zu sein. Zum Gottesdienst will er nicht unbedingt. "Kirche ist nicht unser Ding", sagt er.
Einige Tage zuvor feiern alle zusammen "Gruppenweihnacht". Nach dem Schlittschuhlaufen in Heidelberg steht abends ein traditioneller Festtagsbraten mit Knödel und Spätzle auf dem Tisch im Hasenhaus. Dank der Wunschbaumaktion regionaler Firmen gibt es Geschenke. Vielleicht bekommt Marcel das Headset und Charleen die Lichterkette, die sie sich gewünscht haben.
Im Gefängnis kommt kaum Weihnachtsstimmung auf

Weihnachten nicht alleine zu verbringen, ist für die meisten Menschen selbstverständlich - nicht so für die 410 Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Adelsheim. Die Jungen und Männer zwischen 14 und 21 Jahren sitzen wegen Drogenhandel, Gewalttaten oder Sexualdelikten. "Weihnachtsstimmung ist hier kaum spürbar", sagt der evangelische Pfarrer Michael Schumacher. Nicht für alle sei das Fest überhaupt von Bedeutung, da sie aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. "Bei vielen ist das Familienverhältnis gestört. Sie haben Weihnachten, wie wir es kennen, nie erlebt, sondern auf der Straße verbracht", erklärt Martin Reiland, Pastoraler Referent der Katholischen Kirche.
In der Abschlussklasse für den Mittleren Bildungsabschluss der JVA haben die Lehrer Julia Holzmann und Manuel Waschek in der Woche vor Weihnachten eine Feier im Klassenzimmer organisiert. Das "Drei-Gänge-Menü" aus Hamburgern, Pommes und Chicken-Wings bereiteten alle gemeinsam zu, was die Schüler cool finden. Erinnerungen weckt Weihnachten bei ihnen kaum. "Mir wäre es recht, wenn ich gar nicht daran erinnert werden würde", sagt Achmed (alle Namen geändert), während Mohammed sich freut, wenn Post von der Familie kommt. Nur der 15-jährige Ben sagt: "Das ist unser erstes Weihnachten im Knast - hey, scheiße."
So läuft Heiligabend im Knast
Am 24. Dezember halten die beiden Pfarrer fünf Gottesdienste in der JVA. Jeder Häftling bekommt eine Tüte mit Süßigkeiten und einer Kerze. Dann geht es zurück in die Zelle. Während der Feiertage sind Arbeitsstätten und Schulen geschlossen. Freizeitangebote, die Ehrenamtliche sonst anbieten, finden nicht statt. Zwei Wochen sitzen die Häftlinge über 20 Stunden am Tag allein in ihrer Zelle. Manchmal kommt Besuch. "Wenn sie niemanden haben, der sie auffängt, wird das zum Problem", sagt Seelsorger Martin Reiland. Einige seien in dieser Zeit aufgewühlter als sonst. Nach den Feiertagen bekommen die Pfarrer deshalb vermehrt Anträge für Gespräche.
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