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Heilbronn

Bewahrer des Gesichts

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Medizinische Abendvorlesung über Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie

Von unserem Redakteur Jürgen Paul
Beim ihm geht das Operieren "wie"s Brezelbacken". Professor Jürgen Hoffmann von der Uniklinik Heidelberg fesselte die 300 Besucher in der Kreissparkasse Heilbronn mit seinem Vortrag.
Foto: Matthias Heibel
Beim ihm geht das Operieren "wie"s Brezelbacken". Professor Jürgen Hoffmann von der Uniklinik Heidelberg fesselte die 300 Besucher in der Kreissparkasse Heilbronn mit seinem Vortrag. Foto: Matthias Heibel

Das Gesicht ist das Aushängeschild des Menschen, quasi die Visitenkarte. Der erste Eindruck, den man von einer Person bekommt, hängt stark von dessen Gesicht ab. Umso schlimmer ist es für die Betroffenen, wenn sie unter Fehlbildungen, Erkrankungen oder Verletzungen in diesem stets sichtbaren Bereich leiden.

Grund genug für die Macher der Abendvorlesung "Medizin Hautnah", sich dieses Themas anzunehmen. So stand die 31. Auflage der beliebten Veranstaltungsreihe der Heilbronner Stimme, der SLK-Kliniken und der Kreissparkasse Heilbronn unter der Überschrift "Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie − zwischen Funktion und Ästhetik". Rund 300 medizinisch interessierte Besucher kamen am Dienstagabend unter die Pyramide der Kreissparkasse, um sich von einem renommierten Experten über dieses ebenso interessante wie breitgefächerte Themenfeld informieren zu lassen. Professor Jürgen Hoffmann, Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) am Universitätsklinikum Heidelberg, zeigte den Gästen die Vielfalt an Krankheitsbildern ebenso auf wie die enormen Behandlungsmöglichkeiten, über die die Medizin heutzutage verfügt.

Es geht schon mit der Geburt los

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten gehören zu den bekanntesten kindlichen Fehlbildungen. Verursacht werden können sie durch zahlreiche Faktoren wie etwa erbliche Vorbelastung, Sauerstoffmangel oder Alkohol- oder Nikotinmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft. "Es ist die zweithäufigste Fehlbildung im Kindesalter", berichtet Jürgen Hoffmann. "Jedes 500. Kind ist betroffen." Dass man die "Hasenscharte" oder den "Wolfsrachen", wie es im Volksmund heißt, heute trotzdem kaum noch sieht, liegt am medizinischen Fortschritt. Der Lippen- und Gaumenverschluss kann Hoffmann zufolge mittlerweile sehr früh und so akkurat erfolgen, "dass man hinterher nichts mehr sieht".

Werden heutzutage Kinder abgetrieben, wenn im Zuge der Pränataldiagnostik eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte festgestellt wird, will Moderatorin Iris Baars-Werner, stellvertretende Chefredakteurin der Heilbronner Stimme, von Hoffmann wissen. Ein heikles Thema, das der Experte in diesem Rahmen nicht weiter vertiefen möchte. Der Mediziner macht jedoch deutlich, dass er das zunehmende elterliche Streben nach einem Wunschkind für eine große Gefahr hält. Und angesichts der exzellenten medizinischen Möglichkeiten zur Behandlung einer solchen Fehlbildung hält Hoffmann Eltern für "töricht, sich gegen so ein Kind zu entscheiden". Die Vorher-Nachher-Fotos, die er präsentiert, zeigen dem beeindruckten Publikum, dass die Ärzte ihrem Ziel schon sehr nahe gekommen sind, dass nach der Operation kein Makel mehr bleibt.

Imposant auch der Behandlungserfolg bei Veränderungen des Hirn- und Gesichtsschädels, die beim Kind zu sogenannten "Glubschaugen" führen können, die markant aus der Augenhöhle hervortreten. Hier wird, vereinfacht gesagt, das komplette Gesicht gelockert und nach vorne geschoben. Anschließend wird es mit speziellen Schraubstöcken fixiert (siehe Foto ganz oben), bis es nach vier bis sechs Wochen wieder angewachsen ist und die Augen normal in den Augenhöhlen sitzen.

Kieferfehlstellung

Viele Erwachsene mussten sich lange Zeit mit unschönen Kieferfehlstellungen abfinden. Jürgen Hoffmann nennt als Beispiel die legendäre Habsburger Lippe, die eigentlich Habsburger Kinn heißen müsste, weil bei den Vertretern dieses Fürstengeschlechts der Unterkiefer sehr deutlich nach vorne verschoben war. Mit solchen Fehlstellungen ist häufig nicht nur ein ästhetisches Problem verbunden, sondern auch eine Funktionseinschränkung, wie der Mediziner erläutert − etwa, wenn der Betroffene nicht mehr richtig zu- und abbeißen kann. Kieferfehlstellungen lassen sich aber recht problemlos durch kieferorthopädische Behandlungen oder Operationen beheben.

Das gilt durchaus auch für Verletzungen, die schlimm aussehen wie etwa Gesichtsschädelbrüche oder Mittelgesichtsfrakturen. Die Zahl der Autounfälle ist aufgrund moderner Technik wie ABS oder Airbag zwar glücklicherweise deutlich zurückgegangen. Aber Radfahrer, Skater, Skifahrer und sonstige Freizeitsportler bescheren den Kliniken immer nocOh genügend Arbeit − genauso wie Opfer von Schlägereien. "Nasenbeinbrüche lassen sich sehr gut operieren", sagt Jürgen Hoffmann. Auch Mittelgesichtsbrüche, die häufig heftiger ausschauen als sie sind. Mit Titanplatten und speziellen Schrauben werden die lädierten Gesichts- und Kieferpartien fixiert, nach einigen Wochen ist in der Regel alles wieder richtig angewachsen. "Unser Anspruch lautet: Keine Narben hinterlassen", sagt der erfahrene Operateur Hoffmann. Die zahlreichen Fotos, die er an diesem Abend mitgebracht hat, zeugen von der hohen Kunst der Ärzte.

Tumorchirurgie

Der Atem stockt so manchem Besucher, als Hoffmann sich der Tumorchirurgie zuwendet. Ein Geschwulst im Gesicht operativ zu entfernen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Mund-, Kiefer, und Gesichtschirurgen. Den gewaltigen Tumor eines Berufsschullehrers (Foto unten links) etwa hätte man vor nicht allzu langer Zeit gar nicht entfernen können. "Der wäre verblutet", erklärt Hoffmann. Heute ist das möglich, wie das Beispiel des Lehrers zeigt, der nur zum Arzt ging, weil ihm sein Motorradhelm nicht mehr gepasst hatte. Das Ergebnis des Eingriffs, bei dem dem Patienten Haut und Gewebe aus dem Unterarm entfernt und im Gesicht eingesetzt wurde, ist nicht optimal, stellt aber fraglos eine deutliche Verbesserung dar.

Beeindruckend auch der Fall eines Mannes, dem wegen eines Tumors der komplette Unterkiefer abgenommen werden musste (Bild unten Mitte) und der daher nur über eine Bauchdeckensonde ernährt werden konnte. Die Heidelberger MKG-Experten schnitten ein Stück Knochen aus seinem Wadenbein heraus und formten damit einen neuen Unterkiefer. Seither kann der Mann wieder normal essen und sprechen.

Die Herausforderung bei solchen mikrochirurgischen Rekonstruktionen ist weniger die Entnahme und Wiedereinsetzung von Gewebe oder Knochen, sondern jene der Blutgefäße. "Wir müssen dafür sorgen, dass das alles durchblutet ist, sonst funktioniert es nicht", erklärt Hoffmann. Dank umfassender Aus- und Weiterbildung sowie modernster medizintechnischer Ausstattung sind die Experten aber auch dazu in der Lage.

Nicht nur Moderatorin Iris Baars-Werner erfasste nach Hoffmanns Vortrag eine "große Dankbarkeit und tiefe Demut vor dem, was die Ärzte leisten". Auch die Besucher staunten über den medizinischen Fortschritt, der den MKG-Ärzten gleichwohl auch etwas Bauchschmerzen bereitet. Denn Hoffmann und seine Kollegen bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen medizinisch-notwendigen Eingriffen und dem, was landläufig Schönheitschirurgie genannt wird. Der Experte weiß, dass hier mit "einfachen Eingriffen große Effekte" erzielt werden können. Hoffmann macht solche Operationen aber nur, wenn er sie für sinnvoll erachtet. Problematisch seien die teils übersteigerten Erwartungen der Patienten an eine Schönheitsoperation. Grundsätzlich sollten Ärzte nicht alles machen, was möglich ist, findet er. "Heute müssen wir eher überlegen, wie weit wir gehen", beschreibt er das Dilemma.

Heikle Fragen

Dies gelte freilich nicht nur für die Schönheitschirurgie, die Hoffmann als "Abfallprodukt, von dem, was wir machen", bezeichnet. "Was machen wir mit einem 80-jährigen Patienten, dem ein Tumor im Gesicht wächst?", fragt der MKG-Experte. Eine Operation könnte für diesen Patienten zu viel sein. Doch was ist die Alternative? "Lassen wir ihn verfaulen?" Schwierige Fragen, auf die es keine einfachen Antworten geben kann. Hoffmann zeigte sich gleichwohl zuversichtlich, dass der rasante medizinisch-technische Fortschritt auch künftig zum Wohl der Betroffenen eingesetzt wird.

 
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