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Kirchheimer Dorfladen schließt – „Schritt fällt uns alles andere als leicht“

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Der genossenschaftliche Supermarkt in der Ortsmitte macht seit Jahren Verluste. Auch ein Aufruf an die Bevölkerung, den Laden zu unterstützen, zeigte keine Wirkung. Nun ziehen die Geschäftsführer die Reißleine.

Der Kirchheimer Dorfladen ist nicht mehr zu retten. Die Gesellschafter haben sich für die Schließung entschieden. Im März beginnt der Ausverkauf.
Der Kirchheimer Dorfladen ist nicht mehr zu retten. Die Gesellschafter haben sich für die Schließung entschieden. Im März beginnt der Ausverkauf.  Foto: Seidel, Ralf

Die Hoffnungen waren groß, doch die Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Der genossenschaftlich geführte Dorfladen in der Kirchheimer Ortsmitte muss schließen. Nach intensiven Beratungen und dem Ausschöpfen aller rechtlichen Möglichkeiten haben die fünf Gesellschafter die Entscheidung getroffen. Damit endet nach fast neun Jahren ein Projekt, das mit viel Engagement ins Leben gerufen worden war, letztlich aber zu wenig Kunden fand. 

Die rückläufigen Umsätze bei steigenden Betriebs- und Energiekosten machten einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb unmöglich. Am Mittwochabend wurden die Mitarbeiter und Anteilseigner informiert. Ab dem 1. März beginnt der Ausverkauf, voraussichtlich Ende März wird der Dorfladen endgültig schließen. 

Bürgermeister Uwe Seibold, der ehrenamtlich in der Geschäftsführung tätig ist, betont: „Der Dorfladen ist ein normaler Geschäftsbetrieb, für den wir Gesellschafter haften. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir die Verantwortung nicht mehr tragen können.“ Eine Insolvenz kam für die Betreiber nicht in Frage. „Wir wollen niemanden im Regen stehen lassen“, so Seibold mit Blick auf die 40 Lieferanten.

Sozialer Treffpunkt fällt weg

Die Entscheidung trifft auch die Gesellschafter Helmut Mayer und Karen Bolkart hart. „Für uns war es ein Herzensprojekt, in das wir viel Arbeit gesteckt haben. Wir haben lange gehofft, doch die Wende blieb aus“, sagt Bolkart. Aktionen wie „Ein Licht für den Dorfladen“ im Advent 2024 zeigten kaum Wirkung.

Auch für die acht Mitarbeiterinnen, darunter fünf Vollzeitkräfte, bedeutet die Schließung das Ende ihrer Arbeitsplätze. „Uns fällt dieser Schritt alles andere als leicht“, betont Uwe Seibold und drückt den Mitarbeiterinnen seinen Dank und Respekt für ihr Engagement aus.

Neben dem Verlust eines Lebensmittelgeschäfts bedeutet die Schließung auch das Ende eines sozialen Treffpunkts. „Kirchheim verliert nicht nur eine Einkaufsmöglichkeit, sondern auch einen Ort der Begegnung“, so Seibold. Mit dem Dorfladen verschwinden auch die Lotto-Annahmestelle, der Paketshop und das Café, das nach der Corona-Pandemie mit viel Einsatz wiederbelebt worden war. „Für viele, insbesondere ältere Menschen, war der Dorfladen die einzige Möglichkeit, selbstbestimmt einzukaufen“, ergänzt Helmut Mayer.

Der Laden bot jungen Familien einen überschaubaren, kinderfreundlichen Ort mit Spielecke. „Jetzt fehlt eine alltägliche, zwanglose Begegnungsstätte“, so Mayer weiter. Die Gesellschafter befürchten, dass es im Ortskern keinen adäquaten Ersatz geben wird. „Die Euphorie und Unterstützung aus der Anfangszeit haben sich letztlich nur bei einem Drittel der Bürger gehalten“, resümiert Mayer enttäuscht, die wirtschaftliche Lage beschreibt er bildlich: „Wenn das Regal mit den Tiefkühlangeboten mit ablaufendem Mindesthaltbarkeitsdatum voll war, konnte man absehen, dass die Woche nicht gut gelaufen ist.“

Wirtschaftliche Schieflage und steigende Kosten

Der Dorfladen startete am 9. März 2016 mit dem Ziel, kostendeckend zu arbeiten. Neun Jahre später steht er vor dem endgültigen Aus. Bereits 2018 war der Laden gefährdet, konnte jedoch durch einen Weckruf an die Bevölkerung kurzfristig gerettet werden. 

Die schwierige Lage wurde zudem durch jahrelange Bauarbeiten im Umfeld des Ladens verschärft. Durch wegfallende Parkplätze ging die Kundenzahl weiter zurück. Obwohl die Bauarbeiten längst abgeschlossen sind, kehrten viele Kunden nicht zurück. Laut Helmut Mayer kamen zuletzt an guten Tagen nur noch 160 bis 240 Kunden.  

Der gestiegene Mindestlohn führte jedoch zu höheren Personalkosten, die durch reduzierte Arbeitszeiten abgefedert wurden. Gleichzeitig explodierten die Energiekosten: Die Stromkosten stiegen 2023 auf das Zweieinhalbfache (42.000 Euro), die Heizkosten verdoppelten sich. Diese laufenden Kosten konnte der Dorfladen nur noch in Raten abbezahlen. Zusätzlich zum wirtschaftlichen Druck kommt der Renovierungsbedarf.   

Letzte Hoffnung auf ein Wunder

Während der Corona-Pandemie florierte der Dorfladen, 2021 wurde ein Umsatzrekord von 835.000 Euro erreicht. Viele Kunden setzten in dieser Zeit auf regionale Nahversorgung. Doch seit 2022 häufen sich die Verluste. Der Umsatz sank 2023 im Vergleich zu 2021 um 18 Prozent, im letzten Halbjahr 2024 waren es nochmals 14 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2022. 

Unter dem Strich belaufen sich die Defizite der letzten Jahre auf einen sechsstelligen Betrag, den die Gesellschafter durch private Darlehen abdeckten. Auch die Gemeinde, die Anteile in Höhe von 25.000 Euro hält, ist betroffen. Dass der Dorfladen die Räume mietfrei nutzen konnte, habe noch größere Verluste verhindert.

Trotz allem bleibt bei Uwe Seibold ein kleiner Funke Hoffnung: „Wenn noch ein Wunder passiert, würde uns das sehr freuen.“

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