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Heilbronner Bildungscampus

KI-Orchester für die Baustelle: Wie ein Start-up den Arbeitsschutz revolutioniert

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Das Jungunternehmen Velth automatisiert Gefährdungsbeurteilungen mit Künstlicher Intelligenz. Ab Mai zieht Gründer Alihan Senkan in den Inkubator der Campus Founders am Bildungscampus ein.

„Im Hintergrund arbeiten viele kleine KIs zusammen wie ein Orchester, damit die große KI funktioniert.“ – So beschreibt Alihan Senkan das System hinter "Velth".
„Im Hintergrund arbeiten viele kleine KIs zusammen wie ein Orchester, damit die große KI funktioniert.“ – So beschreibt Alihan Senkan das System hinter "Velth".  Foto: Peter Steffen

Wer an Arbeitsschutz denkt, hat meist dicke Aktenordner, komplizierte Gesetzestexte und langwierige Begehungen im Kopf. Für viele Handwerksbetriebe ist die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung ein bürokratisches Monster, das im Alltag oft auf der Strecke bleibt.

Laut Alihan Senkan, Gründer des Start-ups „Velth“, verfügen 76 Prozent der Kleinbetriebe über keine vollständige Dokumentation. Ein Zustand, der nicht nur bei Kontrollen teuer werden kann, sondern auch gefährlich für die Mitarbeiter ist. Ab Mai 2026 will Senkan dieses Problem von Heilbronn aus lösen: Dann zieht sein Team in den Inkubator der Campus Founders am Bildungscampus ein.

Präzision durch ein „KI-Orchester“ : Wie ein Start-up den Arbeitsschutz revolutioniert

Die technologische Lösung, die Senkan und sein sechsköpfiges Team entwickelt haben, klingt simpel. Statt stundenlanger Schreibarbeit genügt ein Griff zum Smartphone. „Wir nutzen WhatsApp als Interface, damit der Zugang niedrigschwellig ist“, erklärt Senkan.

So soll Velth funktionieren: Auf einer Baustelle werden rund 20 bis 50 Fotos gemacht – vom Raum, von Maschinen oder Bauplänen. Die KI analysiert diese Bilder. „Im Hintergrund arbeiten viele kleine KIs zusammen wie ein Orchester, damit die große KI funktioniert“, beschreibt der Informatik-Masterstudent der TU München den Prozess. Dabei erkennt das System Mängel wie fehlende Schutzabdeckungen oder Stolperfallen sofort und gleicht sie mit aktuellen Gesetzen ab, die das Team kontinuierlich in die Datenbank einspeist.

Trotz der hohen Automatisierung betont der Gründer die entscheidende Rolle des Fachmanns: „Die KI funktioniert nicht alleine; sie muss von Experten kontrolliert werden. Der Mensch behält die letzte Entscheidung, die Maschine nimmt ihm lediglich den Papierkram ab.“ Ziel ist es, dass durch die enorme Zeitersparnis mehr Kapazität für tatsächliche Prävention bleibt, um Arbeitsunfälle aktiv zu verhindern.

Forschung und Vertrauen im Fokus: Forschungskooperation mit der TU München

Dass der digitale Ansatz Hand und Fuß hat, soll eine Forschungskooperation mit der Technischen Universität (TU) München wissenschaftlich untermauern. Dabei wird untersucht, ob die Adaption von KI in Kleinbetrieben die Unfallzahlen tatsächlich senkt und wie hoch die reale finanzielle Ersparnis durch den wegfallenden Zeitaufwand ist.

Für Senkan ist diese Validierung essenziell, um das Vertrauen der oft digitalisierungsskeptischen Branche zu gewinnen. „Wir stecken viel Zeit in die Arbeit mit jedem Kunden und bieten Workshops an“, sagt er. Auch die Berufsgenossenschaften zeigen sich interessiert an dem neuen Weg – für viele Verbände ist die Arbeit mit KI noch Neuland. Das Feedback der Partner wird direkt in das System von Velth implementiert.

Vom Herzrasen zum DACH-Marktführer? Velth will den Arbeitsschutz revolutionieren

Hinter dem Erfolg von Velth steckt eine intensive Gründungsphase. Senkan stemmte die Anfänge fast alleine. Er erinnert sich an Nächte mit nur zwei Stunden Schlaf und einen Moment, in dem er vor Erschöpfung um seine Gesundheit bangte. „Ich hatte so starkes Herzrasen, obwohl ich so erschöpft war, ich dachte, ich habe einen Herzinfarkt“, berichtet Senkan.

Heute stützt er sich auf ein internationales Team, das sich aus dem Finanzclub der TU München kennt. Während zwei Mitglieder die Strategie und das Marketing leiten, konzentrieren sich drei Köpfe, inklusive Senkan, auf die technische Infrastruktur und ein Spezialist rein auf die Weiterentwicklung der KI-Modelle.

Velth soll dabei helfen, Gefahrenquellen auf Baustellen schnell ausfindig zu machen und gesammelt an den Experten weitergeben, der das System bedient.
Velth soll dabei helfen, Gefahrenquellen auf Baustellen schnell ausfindig zu machen und gesammelt an den Experten weitergeben, der das System bedient.  Foto: Martin Schutt

Heilbronn soll für Velth nun das strategische Sprungbrett in die Fläche werden. Die Region mit ihrer Mischung aus Weltmarktführern und starkem Mittelstand bietet das ideale Umfeld, um ein Netzwerk im Handwerk aufzubauen. „Die KI-Szene hier ist lebendig und wird durch Institutionen wie die Dieter Schwarz Stiftung massiv gefördert“, so Senkan. Nach der Zeit im Inkubator soll Velth, wenn es nach ihm geht, die Software Nummer eins für Handwerker in der gesamten DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) sein.

Auf dem Weg dorthin muss das Team vor allem eine Hürde nehmen: die Skepsis gegenüber dem Datenschutz. Viele Betriebe haben Sorge wegen der Speicherung sensibler Dokumente. Senkan betont jedoch, dass Velth keine Daten der Kunden dauerhaft zweckfremd abspeichert. Durch Transparenz und persönliche Beratung will er diese Bedenken abbauen. Der Mehrwert für die ersten 80 Betriebe, die das Tool bereits nutzen, ist laut Senkan folgender: Ein Export der Fehlerliste per Knopfdruck spart bis zu vier Stunden Arbeitszeit pro Einsatz – Zeit, die im Handwerk heute wertvoller ist denn je.

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