Nordrheinwestfalen will 2030 die Nutzung von KI im Abitur zulassen. In Baden-Württemberg soll das Thema KI eine zentrale Rolle im neuen Pflichtfach „Informatik und Medienbildung“ ab dem Schuljahr 2025/2026 spielen. Den Einsatz hält der Experte Cajus Wypior vom Seminar Heilbronn aber frühestens ab der 5. Klasse für sinnvoll.
KI als „unendlich geduldiger Lehrer“
Künstliche Intelligenz wird mitunter überschätzt, findet der Experte Cajus Wypior. Aber als Lernbegleiter kann die Maschine helfen, zu besseren Ergebnissen im Unterricht zu kommen. Wichtig ist: „Das eigene Denken soll nicht abgestellt werden.“

Zum Thema KI im Unterricht hatte das Kollegium des Möckmühler Jagsttal-Gymnasiums kürzlich eine Fortbildung im Rahmen eines pädagogischen Tages in der Experimenta mit der Unterstützung des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) in Heilbronn. Referent Cajus Wypior stellte Möglichkeiten vor, wie Künstliche Intelligenz sinnvoll eingesetzt werden kann.
Der 63-jährige Seminarlehrer weiß aus eigener Erfahrung: „Die Kollegen trauen sich da langsam heran.“ Lehrerin Kerstin Scholz stimmt zu: „Man muss sich damit beschäftigen. Die junge Generation hat uns da weit überholt.“ Gerade sei die „Wild-West-Zeit“: Junge Leute nutzen die KI ganz selbstverständlich, Ältere hätten oft noch Hemmungen, aber mitunter falsche Vorstellungen: „Die KI wird auch überschätzt“, betont Wypior.
Immer mitdenken: Stimmt das auch, was die KI sagt?
Wichtig sei, stets das eigene Denken eingeschaltet zu lassen, so der Bereichsleiter für Gesellschaftswissenschaften am Seminar Heilbronn. „Die KI ermächtigt uns, Dinge zu tun, die vorher unmöglich waren.“ Aber man müsse „die Maschine“ so nutzen, dass sie hilfreich ist. „Die KI liefert Ergebnisse, aber noch kein wirklich gutes Referat. Man muss immer wieder intensiv nachfragen.“
Zentral sei dabei die Frage, hat Kerstin Scholz festgestellt: „Wie recherchiert man, ob das auch stimmt, was die KI erzählt?“ Um Arbeitsblätter, Aufgaben oder auch Klassenarbeiten mit KI-Unterstützung zu erstellen oder zu verbessern, sei es wichtig, die richtigen „Prompts“ zu verwenden.
KI-Nutzung: Die Fehlerquote ist auch bei reinen Wissensfragen hoch
Die Fehlerquote sei hoch, selbst bei reinen Wissensfragen immer noch im zweistelligen Prozentbereich, warnt Wypior. Deshalb dürfe man nicht einfach das Endprodukt der Anfragen verwenden, sondern müsse dieses „aktiv modellieren“, bis die Antworten „sinnvoll und richtig“ sind. Die KI sei nichts anderes als ein „Werkzeug, um zu höherwertigen Ergebnissen zu kommen“.
Der praktische Nutzen ist da, stellt Kerstin Scholz fest. Nach der Fortbildung sei klar, dass das Erstellen von Dokumenten, Stundenverläufen oder Arbeitsanweisungen für das Erstellen von GFS und Referaten mit sinnvollen Aufgabenstellungen deutlich verbessert werden kann. Darin liegen sowohl Chancen als auch Gefahren, so Wypior. „Wir können mit der KI jetzt Aufgaben stellen, die früher undenkbar waren.“
Ob Elternbrief oder Erklärung in kindgerechter Sprache: „Wichtig ist, dass ich immer der Autor bleibe.“
Ein Vorteil der KI-Tools sei die zielgruppengerechte Ansprache, ob das nun ein Elternbrief ist oder eine Erklärung in kindgerechter Sprache. „Man kann viel damit machen“, stellt Kerstin Scholz fest, die zugibt, dass sie bisher nicht KI-affin war. „Es ist aber das Bedürfnis geweckt worden, sich weiter damit zu beschäftigen und die Anwendungen zu nutzen.“
KI-Experte Wypior meint: „Wichtig ist, dass ich nach wie vor der Autor bin.“ Das Ergebnisniveau steige, nicht unbedingt aber das Verständnis. Eine „dumme Nutzung“ sei: Nur das wiedergeben, was die KI sagt. Schlau sei hingegen: „Das vortragen, was ich auch wirklich verstanden habe.“ Bei einem Referat merke man durch Nachfragen schnell, ob das Gesagte wirklich vom Schüler oder der Schülerin verstanden worden ist.
KI schlau nutzen: Das ist das Ziel im Jagsttal-Gymnasium Möckmühl
Große Veränderungen wird es im Unterricht wohl nicht geben, vermutet die Pädagogin Scholz vom Möckmühler Jagsttal-Gymnasium. „Aber die eine oder andere neue Idee oder auch Verbesserung bestehender Abläufe ist sicher dabei.“ Einen großen Vorteil sieht Wypior in der individuellen Förderung: Als „unendlich geduldiger Privatlehrer“ könne die KI erklären, was bisher noch nicht verstanden worden ist, und als Coach immer wieder verbesserte Aufgaben stellen. „Jedes Kind ist individuell, das eine hat ein Aufmerksamkeitsdefizit, das andere ist hochbegabt, beim dritten ist der Hamster gestorben, warum es gerade nicht aufpassen kann.“
Aber Lehrerinnen und Lehrer werden nicht überflüssig, betont der Ausbilder. „Sie sind Wegweiser, Motivatoren und Begleiter. Sie sind nach wie vor Vorbilder und können für Wissen und ihre Fächer begeistern.“ Die „reale Welt“ werde es weiterhin geben, sei es Theater oder Experimente in den Naturwissenschaften.“ Ein guter Vortrag sei immer „frei gehalten und man muss im Anschluss in der Lage sein, qualitätsvolle Antworten zu geben“. Nur so könne man den „kognitiven Sprung“ zur intelligenten Nutzung schaffen.

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