Untergruppenbacher durchschwimmt mit seinem Team den Ärmelkanal – „hatten Glück“
Wie aus einem lapidaren Social-Media-Post für fünf deutsche Schwimmer eine minutiös vorbereitete Durchquerung des Ärmelkanals wurde. Für das kalte Abenteuer trainierte Ralf Hierzegger aus Untergruppenbach über ein Jahr.
„Es ist auch eine mentale Hürde“, sagt Ralf Hierzegger. Das Vorhaben, im Ärmelkanal zu schwimmen, verlange nicht nur körperliche Fitness, sondern fordere zugleich den Kopf heraus. Um 4 Uhr morgens ins kalte Wasser zu steigen und in die Dunkelheit zu schwimmen, ist eine Sache – die Gedanken dabei können einen aber durchaus fesseln: Was hat mich gerade im Wasser berührt? Was verbirgt sich in der bis zu 200 Meter tiefen See? Treibt die Meeresströmung einen vom Kurs ab?“ Es sind viele Fragen, die im Kopf herumschwirren.
Zudem schwimmt die Gefahr immer mit. Man könnte im Meer von Treibgut getroffen und verletzt zu werden, auf Quallen treffen oder einen Muskelkrampf bekommen, sagt Hierzegger. Der 56-Jährige ist großgewachsen, von athletischer Statur, spricht bedächtig, sein Lächeln ist von einem Bart umrahmt – und er hat sich Anfang Oktober mit vier weiteren Schwimmern gewagt, als Staffel-Team die rund 33 Kilometer messende Meerenge zwischen Großbritannien und Frankreich zu durchschwimmen.
Durchquerung des Ärmelkanals: Wie kommt man in Unterheinriet auf diese Idee?
Für Langstreckenschwimmer ist dies ein Highlight. „Das ist wie, als Bergsteiger den Mont Blanc zu erklimmen oder als Radfahrer, an der Tour de France teilzunehmen“, sagt Hierzegger. Doch wie kommt man im beschaulichen Unterheinriet – dem Ortsteil von Untergruppenbach, in dem Hierzegger wohnt – zum Entschluss, eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt als kraulender Schwimmer zu queren?

Ein Beitrag auf der Social-Media-Plattform LinkedIn sei im März 2024 der Auslöser gewesen. Ein Bekannter aus Meißen habe Mitstreiter für das Projekt gesucht – „da habe ich mich gemeldet“, erzählt Hierzegger, der als IT-Produktmanager bei SAP in Walldorf arbeitet. In Sachen Schwimmen ist er keineswegs unbeleckt. Von Kindesbeinen an hat er Schwimmsport betrieben; erst in Hausach im Schwarzwald, dann für einen Verein in Freiburg, für den er in der Bundesliga geschwommen ist. Irgendwann hat er dem Leistungssport abgeschworen, aber trotzdem noch regelmäßig seine Bahnen gezogen.
Kanalschwimmer dürfen nicht auf eigene Faust starten
Geradezu generalstabsmäßig bereiteten sich Ralf Hierzegger sowie Daniel Ladenberger, Nikolai Schäfer, Balazs Suller und Christian Halbach, die sich auch dem Vorhaben angeschlossen hatten, auf das Kanalschwimmen vor. „Auf eigene Faust ist das aber nicht zu starten, da wird man schnell aus dem Wasser geholt“, sagt Hierzegger. Vielmehr gibt es zwei britische Vereinigungen, die die Querungsversuche überwachen, mit Booten begleiten, Zeiten messen, Rekorde registrieren – oder gefährdete Schwimmer retten.
Das Team entschied sich für die Channel Swimming Association (CSA), die die Querungen von Mai bis Oktober organisiert. Deren Regelwerk nennt verschärfte Bedingungen: Neoprenanzug und Schwimmhilfen sind nicht erlaubt; lediglich Badehose, Bademütze und Schwimmbrille sind zu tragen. Bis zu einem Wellengang von maximal eineinhalb Metern sind Starts möglich. Zu Fitness und Gesundheit sind umfangreiche Nachweise vorzulegen – schließlich begeben sich die Schwimmer bei allenfalls 17 Grad Wassertemperatur auf eine viele Kilometer lange Strecke.

Den Kältetest absolvierte sie in Bayern: zwei Stunden Schwimmen im 15,5 Grad kühlen Wörthsee. Es war eines von wenigen Treffen der fünf Mitstreiter, die in Sachsen und in Süddeutschland wohnen. Bei einem Aufenthalt auf Mallorca bereiteten sie sich auf das Schwimmen im offenen Meer vor. Ansonsten trainierte jedes Teammitglied allein an seinem Wohnort, sagt Hierzegger. Rund 36 Kilometer sei er pro Woche geschwommen. Nach der Arbeit und am Wochenende sei er in die Schwimmbäder von Wiesloch, Neckarsulm und Oberstenfeld gefahren, auch im Breitnauer See habe er Runden gedreht.
Das Begleitboot gibt bei Kanalquerung den Kurs vor
Als Staffel-Team fühlten sie sich bestmöglich vorbereitet. Die Kanalquerung starteten sie am 1. Oktober an der britischen Küste, südöstlich von Dover, am Samphire Beach. Es war 4 Uhr früh. Die Reihenfolge, nach der sie abwechselnd für jeweils eine Stunde vom Begleitboot ins Meer stiegen, um Frankreich entgegen zu kraulen, hatten sie zuvor festgelegt. Die Richtung habe das Begleitboot vorgegeben, berichtet Hierzegger, der an dritter Stelle, auf offener See, seinen Einsatz hatte. „Den Sonnenaufgang erlebte ich im Wasser.“

„Wir hatten wirklich Glück. Die Bedingungen waren optimal“, so Hierzegger. Die See sei ruhig gewesen. Es habe weder gestürmt noch geregnet. Zudem herrschte Halbmond, weswegen der Tidenhub, also der unterschiedliche Wasserstand von Ebbe und Flut, schwach und die Strömung weniger stark gewesen seien. „Auf gerader Linie ist der Kanal nicht zu queren, man bewegt sich auf einem s-förmigen Kurs“, sagt Hierzegger. Da sie vergleichsweise schnell schwimmen konnten, seien sie weniger abgetrieben, so habe die Schwimmstrecke auf 38 Kilometer begrenzt werden können. Bei weniger guten Bedingungen hätte die Strecke auch auf 50 Kilometer wachsen können. So erreichte das Team aber den Zielort am französischen Cap Gris-Nez, unweit von Calais, nach 10 Stunden und 27 Minuten – was in der Kategorie der Fünfer-Staffeln neue deutsche Rekordzeit ist.
„Im Nachhinein betrachtet, waren wir absolut übervorbereitet“, sagt Hierzegger, der zweimal ins Wasser gestiegen und rund acht Kilometer zurückgelegt hat. „Eigentlich hätten wir noch zurückschwimmen können“, scherzt der Marathonschwimmer – „aber das hätten wir zuvor anmelden müssen“.
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