AfD-Wähler hätten auch NSDAP gewählt? Für SPD-Politiker "keine Verharmlosung"
„Wer die AfD wählt, hätte damals auch die NSDAP gewählt. Bewusst oder unbewusst“, sagte der Heilbronner SPD-Bundestagsabgeordnete Josip Juratovic im Juli 2023. Bei einer Demo vor einer Woche in Heilbronn wiederholte er die Aussage.
Herr Juratovic, für den Vergleich der AfD-Wähler mit denen der NSDAP sind Sie heftig kritisiert worden. Warum das Gleiche jetzt noch einmal?
Josip Juratovic: Weil ich dazu stehe. Und ich mich angesichts der politischen Entwicklung bestätigt sehe. Kritik hin oder her.
Was wollen Sie damit erreichen?
Juratovic: In einer repräsentativen Demokratie ist der Wähler ein Gestalter. Er kann aber auch Täter sein. Bei AfD-Wählern habe ich diesen Vergleich gezogen, weil sie potenzielle Täter sind.
Aber ist ein Vergleich mit der NSDAP angemessen?
Juratovic: Diejenigen, die damals die NSDAP gewählt haben, wussten nicht, was am Ende dabei herauskommt. Heute ist es so, dass man weiß, was da herauskommt.
Was denn?
Juratovic: Die AfD sagt über sich selbst, dass sie gegen das System ist. Dass sie gegen Europa ist. Ich weiß, wie der Zerfall einer Gesellschaft durch Nationalisten vorangetrieben wird. Und die sind eindeutig Nationalisten. Wer sich zu Nationalisten bekennt und sie wählt, der ist gegen das Gesellschaftssystem. Das Ende einer solchen Politik ist immer die Zerstörung des eigenen Landes.
Glauben Sie, dass AfD-Wähler beeindruckt, was Sie sagen?
Juratovic: Ich will keine AfD-Wähler beeindrucken, sondern den Wähler davor warnen, dass er in der gleichen Lage sein würde, wie die, die damals NSDAP gewählt haben. Heute kann man sehen, was dabei herauskommt. Mir kann kein AfD-Wähler erzählen, dass er nicht weiß, welche europäischen Kräfte versuchen, die Demokratie zu zerstören.

Glauben Sie, dass Sie einen Wähler zur „Umkehr“ bewegen können?
Juratovic: Ja. Ich glaube, dass Menschen wachgerüttelt werden müssen. Man braucht sich ja nur umzuschauen. In Ungarn oder in der Türkei – da wird der Rechtsstaat abgebaut und die Freiheit eingeschränkt.
Warum erklären Sie das nicht so, sondern ziehen Vergleiche zur Partei von Adolf Hitler?
Juratovic: Das ist keineswegs eine Verharmlosung des Nationalsozialismus. Sondern ein Weckruf. Denn der Geist ist aus der Flasche. Man stellt sich Herausforderungen nicht, sondern sucht einen Schuldigen. Ich habe bereits eine Heimat (Juratovic stammt aus Kroatien. Anmerkung der Redaktion) verloren durch Kräfte, die sich nach dem selben Muster entfaltet haben, wie heute hier. Danach haben ethnische Säuberungen und andere Verbrechen stattgefunden. Nationalisten in Deutschland hätten eine Balkanisierung Europas zur Folge.
Wenn man ihr Argument zu Ende denkt, müsste folgende Formel gelten: Wähler, die die AfD wählen, hätten NSDAP gewählt, und Parteien, die eine Abstimmung im Bundestag gewinnen wollen und dafür die Stimmen der AfD in Kauf nehmen, hätten damals die Stimmen der NSDAP in Kauf genommen.
Juratovic: Ich nehme Herrn Merz ab, dass er versucht, die AfD auszuschließen. Allerdings: Er hat vergangene Woche aus purem Machtkalkül seinen Antrag durchgesetzt, den er persönlich für richtig hielt. Egal, mit wem. Das ist nicht gut. Ich kenne die Strukturen der CDU. Sie ist momentan gefangen in der Wahlkampfstrategie von Friedrich Merz.
Bräuchte nach Ihrer Logik eine solche Partei aber nicht den gleichen Weckruf wie der Wähler?
Juratovic: Ja, natürlich braucht sie einen Weckruf. Dass die Partei nicht den gleichen Fehler macht wie damals die Zentrumspartei in der Weimarer Republik. (1933 löste sich die Zentrumspartei auf, nachdem sie mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz Hitler die benötigte Zwei-Drittel-Mehrheit ermöglichte. Anmerkung der Redaktion)
Die Situation im Wahlkampf ist sehr vergiftet. Muss da nicht Schärfe raus?
Juratovic: Ich bin nicht im Wahlkampf. Aber ich denke, dass sich jetzt alle einmal über die Zukunft unseres Landes und unsere Rolle in Europa ernsthafte Gedanken machen müssen.
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Kommentare
Willibald Tschlatscher am 08.02.2025 13:12 Uhr
Da etwa zwei Drittel der AFD Wähler ursprünglich die selbsternannte Partei des kleinen Mannes gewählt haben, sollte man eigentlich erst vor der eigene Haustüre fegen.
Jürgen Mosthaf am 07.02.2025 16:48 Uhr
Erst einmal schätze ich Herr Juratovic unter anderem auch wegen seiner ansonsten sehr leisen Töne und seiner zurückhaltenden Art in der Zeit als Bundestagsabgeordneten. Plötzlich laut zu geben und solch einen Ton anzuschlagen könnte noch mehr seiner ehemaligen Wähler aus Frust über das Versagen ihrer SPD in die Arme der AfD treiben.
Würden alle Arbeiter in Deutschland die längst vergessene Arbeiterpartei SPD wählen bräuchte Genosse Olaf sich keine Sorgen machen. Die SPD ist längst zu einer Wohlfahrtspartei verkommen die den Fleißigen nimmt und drangsaliert und dafür diejenigen unterstützt die leisten könnten aber nicht wollen. Auf der Strecke bleiben die wirklich Bedürftigen.
Leider wird diese desaströse Politik der letzten Jahre wieder Einzug halten in eine Koaliton und aus dem gesprungenen Tiger wird ein Bettvorleger werden. Der Wählerauftrag wäre danach eindeutig - und wir sehen wieder die Wahlverlierer mit auf der Regierungsbank sitzen.
Jürgen Mosthaf