Antisemitismus

Jüdischer Gemeindedirektor in Heilbronn: „Die Angst ist zurück“

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Die Hamas-Massaker und Israels Reaktion  befeuern den Antisemitismus. „Die Angst ist zurück“, berichtet der jüdische Stuttgarter Gemeindedirektor Michael Rubinstein in Heilbronn

Mahnwache gegen Antisemitismus nach dem versuchten Brandanschlag auf eine Synagoge in der Berliner Brunnenstraße. Foto: Sven Kaeuler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Mahnwache gegen Antisemitismus nach dem versuchten Brandanschlag auf eine Synagoge in der Berliner Brunnenstraße. Foto: Sven Kaeuler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++  Foto: Sven Kaeuler

„Zwischen Normalität und gepackten Koffern“: So bringt Michael Rubinstein die Situation von Juden in Deutschland auf den Punkt. Nach dem 7. Oktober 2023, also nach dem Hamas-Terror habe der Antisemitismus auch hierzulande gewaltig zugenommen. 2022 seien 2639 solcher Straftaten angezeigt worden, 2024 schon 5180. Sie richteten sich gegen Menschen und Einrichtungen, vor allem von rechts, aber auch von ganz links und von Islamisten. „Und in sogenannten Sozialen Netzwerken geht es durch die Decke.“

Michael Rubinstein, Direktor der Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Stuttgart, sprach in Heilbronn. Foto: privat
Michael Rubinstein, Direktor der Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Stuttgart, sprach in Heilbronn. Foto: privat  Foto: Rubinstein

Rubinstein bekommt als Gemeindedirektor der in Stuttgart angesiedelten Israelischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) und ihrer neun Filialen im Lande „vieles hautnah mit“, wie Günter Spengler vom Freundeskreis Synagoge sagt. Dieser Tage begrüßte er ihn zusammen mit Vorsteherin Avital Toren, etlichen Gläubigen und Sympathisanten in den Gebetsräumen der neuen jüdischen Gemeinde von Heilbronn an der Allee.

Gemeindeleben hat durch Terror und Antisemitismus einen Dämpfer bekommen

Der gebürtige Rheinländer holte weit aus. Ende der 1980er Jahre sei der Zahl der Juden in Deutschland auf 30.000 geschrumpft, ehe sie durch sogenannte „Kontingentflüchtige“ aus der ehemaligen Sowjetunion auf heute rund 250.000 stieg, wobei davon 90.000 ihren Glauben in 100 teils neu gegründeten Gemeinden praktizierten. Deren oft blühendes Gemeindeleben habe spätestens mit den Morden von Halle 2019 einen Dämpfer bekommen. „Wir können nicht mehr unbefangen leben. Vor unseren Synagogen stehen Polizeiautos“, berichtete Rubinstein. Durch die 1400 Opfer des Hamas-Terror  sei alles noch schlimmer geworden. „Die Angst ist zurück.“

Politische Solidaritätsbekundungen seien meist nur Worthülsen

Was ihn besonders bedrücke: Nach dem ersten Schock über die grausamen Bilder schaue die Welt, inklusive der Bundespolitik „gleichsam tatenlos zu“. Die als „Staatraison“ bezeichnete Solidaritätsbekundungen seien nicht viel mehr als Worthülsen, die vielen Pro-Palästina-Bekundungen „eine Täter-Opfer-Umkehr gegen ein Land, das sich nur wehrt“, ein Schlag ins Gesicht aller Juden, auch jener in Deutschland, die hier eine neue Heimat gefunden hätten oder sich von jeher als Deutsche fühlten und sich mit diesem Land identifizierten.

Juden in Württemberg gründen bald ein eigenes Bildungswerk

„Aber wir lassen uns nicht zurückdrängen“ und: „Bildung ist der Schlüssel zu allem“, betonte der IRGW-Direktor mit Blick auf die sehr aktive Stuttgarter Gemeinde, die neben der Synagoge unter anderem einen Kindergarten und eine Grundschule betreibe, mit einem Gymnasium kooperiere und noch in diesem Frühling ein eigens Bildungswerk einweihe. Gleichzeitig habe man sich mit dem Land auf einen „sehr guten neuen Staatsvertrag“ geeinigt und wirke in vielerlei Weise in die Stadtgesellschaft hinein

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