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Hardthausen-Gochsen

Vom Motorrad in den Rollstuhl: Wie die Kunst Jens Traub hilft

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Aufwachen und realisieren, dass man querschnittsgelähmt ist: Das hat Jens Traub aus Hardthausen-Gochsen erlebt. Wie ihm neben den Menschen in seinem Leben vor allem Pinsel und Leinwand helfen.  

Von Lia Jörissen
Jens Traub malt momentan zwischen fünf und zehn Stunden am Tag.
Jens Traub malt momentan zwischen fünf und zehn Stunden am Tag.  Foto: Lia Jörissen

Die Wanduhr tickt, die warme Frühlingssonne scheint durchs Fenster, der Kaminofen heizt. Auf dem kleinen Schreibtisch: Faber-Castell-Buntstifte, ein offener Quarkbecher mit einem Löffel drin, ein Malkasten.

In der Kellerwohnung wird oft geraucht und nicht so oft gelüftet. Schließlich muss es schön warm sein. Denn im Gegensatz zu seiner guten Stube sind Jens Traubs Beine kalt.

Leben mit Querschnittslähmung: Wie Jens Traub seinen Alltag meistert

Seit einem Motorradunfall vor drei Jahren ist der 64-Jährige vom Bauchnabel abwärts querschnittsgelähmt. Laut der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten leben in Deutschland etwa 140.000 Menschen mit einer Querschnittslähmung, etwa 2.400 Betroffene kommen jährlich durch Unfälle oder Erkrankungen hinzu. Im Alltag stehen sie nicht nur vor körperlichen Herausforderungen.

Hinzu kommen oft mangelnde Barrierefreiheit, psychische und emotionale Belastungen, Isolation. Um mit der Diagnose umzugehen, helfen Jens Traub besonders seine Kinder, ein guter Freund und seine Kunst.

Vom Motorrad in den Rollstuhl: Ein Moment verändert das ganze Leben

„Du wachst auf, nach deinem Unfall, du merkst, dein Körper kann sich nicht mehr bewegen“, schildert Traub das Gefühl, als er nach anderthalb Tagen die Augen aufschlug und eine gänzlich neue Lebensrealität erblickte. Er habe einen kurzen Moment gehabt, in dem er gedacht habe, dass er darauf jetzt „eigentlich keinen Bock“ habe.

Der Tag, der Traubs Leben für immer verändert hat, war der 18. Februar 2023. Es war ein Samstagabend, Jens Traub war auf seinem Motorrad unterwegs in Richtung Neuenstadt. Eine junge Frau wollte mit ihrem Auto auf die Landesstraße nach Neckarsulm einbiegen. Dabei übersah sie das Motorrad. Die Autofahrerin, bei der die Polizeibeamten noch vor Ort Alkoholbeeinflussung feststellten, blieb unverletzt.

Als er der Frau bei ihrer Gerichtsverhandlung begegnete, bat sie ihn um Entschuldigung. Es täte ihr so leid. „Sie soll sich doch bitte beruhigen“, habe Traub erwidert. Sie treffe nicht die alleinige Schuld: „Wir waren beide zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Kunst als Therapie nach Unfall: Wie Kreativität bei Querschnittslähmung helfen kann

Was für Jens Traub blieb, als auf einmal alles anders war, war die Kunst. Momentan malt er zwischen fünf und zehn Stunden am Tag. Als besondere Inspiration dient ihm ein kleines, speziell geformtes Stück Holz, das eigentlich zum Anfeuern seines Holzofens gedacht war. Wie gut, dass es nicht in den Flammen gelandet ist. Denn es inspirierte ihn zu 16 Werken, holte ihn aus seinem Tief heraus, wie er erzählt. Die Decke seiner Kellerwohnung sei ihm im Winter auf den Kopf gefallen.

„Mein Unterbewusstsein hat sich eine Möglichkeit gesucht, um mich zufrieden zu stellen.“ Ein Bild fertigzustellen, fühle sich für ihn ein wenig an, wie das Gefühl, in den Arm genommen zu werden. Oder wie ein selbstgebackener fertiger Kuchen, am liebsten schwäbischer versunkener Apfelkuchen.

Die Autorin ist Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die JONA ist eine studienbegleitende Ausbildung, die mit jedem Fach kombinierbar ist. Die Geförderten lernen das journalistische Handwerk von Profis aus der Praxis, werden finanziell unterstützt und individuell auf ihrem Weg in die Redaktionen betreut. Die Kurse finden in den Semesterferien statt und vermitteln Grundlagen wie Recherche oder Schreiben genauso wie Freude an Innovation. Das Journalismus-Stipendium bietet außerdem Raum für praktische Erfahrung, Austausch und Reflexion. Acht Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz Deutschland kamen im März für zehn Tage nach Heilbronn für ein Seminar zu Lokaljournalismus. Unter dem Oberthema „Eine Stadt im Spannungsfeld“ haben sie Texte für die Heilbronner Stimme geschrieben und Social Media Beiträge produziert. 

Eine besondere Freundschaft

Nach seinem Unfall musste Traub umziehen, Stichwort: Barrierefreiheit. Sein Freund und Vermieter Jürgen hatte glücklicherweise eine Lösung parat, er ließ den Keller seines Hauses herrichten, sodass Traub dort nach der Reha einziehen konnte. Seitdem wohnen die beiden Freunde unter einem Dach und helfen sich gegenseitig. Jürgen hatte im Januar einen Schlaganfall, kehrte erst Anfang März nach Hause zurück. Als Jürgen seine Jacke nicht aufbekommt, rollt Traub auf ihn zu und ruckelt an dem verhakten Reißverschluss. „Wenn’s mir nicht gut geht, dann geht’s anderen auch nicht gut“, sagt Traub und schaut seinen Freund an.

Das Leben und der Umgang mit einer Querschnittslähmung können herausfordernd sein. In einer nationalen Befragung zur Lebenssituation von Menschen mit Querschnittslähmung von 2017 gaben mehr als 80 Prozent an, dass sie bei Alltagsaktivitäten Unterstützung durch Familienmitglieder oder Freunde erhalten.

Laut der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland sei es außerdem wichtig, das Bewusstsein in der Gesellschaft zu stärken, ohne von Klischees wie „Held“ oder „Opfer“ zu sprechen. Marion Bender, die erste Vorsitzende der Fördergemeinschaft, erklärt: „Kunst kann ein Weg zurück ins Leben sein, weil sie Selbstwirksamkeit schenkt: Ich gestalte, ich drücke mich aus, ich bin mehr als meine Diagnose.“

Jens Traubs Kunst hat sich verändert

Traub zeichnet konzentriert, wählt aus den vielen Stiften aus, die bunt wie ein Regenbogen über den Schreibtisch verteilt liegen. Er hat einen Ordner, in dem er viele seiner fertigen Bilder ordentlich abheftet. Seit dem Unfall seien seine Motive andere geworden: Neulich ist ihm aufgefallen, dass er bei drei seiner Bilder schemenhaft jemanden im Rollstuhl gezeichnet hat.

Auch sein 17-jähriger Sohn habe einmal zu ihm gesagt: „Papa, du hast dich verändert.“ Die beiden fahren bald zusammen nach Lanzarote, da war Traub noch nie. „Seit ich ihm Rollstuhl sitze, hab’ ich ein neues Bestreben. Da lass ich auch Dinge zu, die ich vorher nicht so zugelassen habe“, sagt der 64-Jährige. Neulich war er mit seiner Tochter sogar beim Indoor Sky Diving. Ein kurzes Gefühl der Schwerelosigkeit.

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