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Inklusion an Schulen: Lehrer an Regelschulen fühlen sich überlastet

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Kinder mit Förderbedarf werden an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) oder an Regelschulen unterrichtet. Für die Inklusion fehlen Lehrer, und auch an den SBBZ ist es eng.

Wie steht es um die Inklusion in Schulen? Damit Kinder mit Förderbedarf auch an Regelschulen ausreichend Unterstützung bekommen, ist mehr Fachpersonal nötig.
Wie steht es um die Inklusion in Schulen? Damit Kinder mit Förderbedarf auch an Regelschulen ausreichend Unterstützung bekommen, ist mehr Fachpersonal nötig.  Foto: Jonas G�ttler

Eltern können Kinder mit Förderbedarf an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) oder an Regelschulen unterrichten lassen (Inklusion). Lehrkräfte an Regelschulen befürworten die Idee der Inklusion mehrheitlich, fühlen sich im Schulalltag aber häufig überlastet und durch die bestehenden Strukturen nicht ausreichend unterstützt. Zu diesem Ergebnis kommt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in einer Umfrage. Unterdessen spricht das Kultusministerium von einer herausfordernden Situation im Bereich der SBBZ mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung.

Der VBE fordert eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen. Derzeit sei die inklusive Beschulung in vielen Fällen weder kindgerecht noch praktikabel für die Lehrkräfte. „Wenn die Politik weiterhin den Ist-Zustand schönredet, dann lässt sie nicht nur die Lehrkräfte im Stich – sie verspielt auch das Vertrauen in die Idee der Inklusion selbst“, so der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand.

Situation an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren: Land baut Stellen aus

Das Kultusministerium weiß um den Handlungsbedarf und hat nach eigenen Angaben bereits reagiert. So seien unter anderem in den vergangenen Jahren 1350 zusätzliche Stellen zur Ausgestaltung inklusiver Bildungsangebote geschaffen worden. Das Land hat nach eigenen Angaben auch die Studienkapazitäten ausgebaut sowie die Ausbildungskapazitäten bei den Fachlehrkräften Sonderpädagogik erhöht.

Als „hilflos und völlig nichtssagend“ beurteilt unterdessen Harald Schröder von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Reaktionen aus Stuttgart. Dass beispielsweise Stellen geschaffen werden, heiße nicht, dass sie besetzt seien.

Inklusion an Regelschulen: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht Handlungsbedarf

Handlungsbedarf sieht Harald Schröder auch bei der Inklusion. Normalerweise sollten Kinder mit Förderbedarf, die an Regelschulen unterrichtet werden, zwei Stunden pro Woche von Experten gefördert werden. „Mittlerweile liegen wir deutlich unter einer Stunde“, so der GEW-Sprecher im Kreis Heilbronn.

Inklusion hält Harald Schröder für extrem wichtig, auch für die Gesellschaft. Man dürfe nicht immer separieren. Nur: Eltern, die ihr Kind an allgemeinbildenden Schulen und nicht an einem SBBZ anmelden wollen, müsse man ehrlich sagen: Dort gebe es derzeit keine so gute Förderung wie an SBBZ.

Unterdessen nimmt landesweit die Zahl der Kinder an SBBZ mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung zu. Das gilt auch für die Region.

Situation an SBBZ: Teilweise fällt Unterricht aus, weil Fachpersonal fehlt

Im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Heilbronn musste deshalb sogar das Unterrichtsangebot „strukturell gekürzt werden“, wie Schulamtsleiter Markus Wenz auf Anfrage betont. „Es wurde versucht, die gekürzte Unterrichtszeit durch Betreuungsangebote zu kompensieren.“ Man arbeite daran, sagt er, die für die Arbeitsfähigkeit dieser SBBZ notwendigen Kürzungen für Schüler und Eltern möglichst gering zu halten.

Auch das Staatliche Schulamt konnte nach Angaben von Markus Wenz im laufenden Schuljahr nicht alle Stellen mit Sonderpädagogen besetzen. „Der Bewerbermangel konnte leider nur ansatzweise durch befristete Einstellungen von Personen ohne abgeschlossene Lehramtsausbildung kompensiert werden“, so der Amtsleiter. Außerdem seien diese Personen ohne Lehramtsausbildung nur bedingt einsetzbar. „Insofern kann entsprechend wenig Personal für die Inklusion an den allgemeinen Schulen eingesetzt werden.“

Anders ist es in Hohenlohe. Im Bereich des Staatlichen Schulamtes Künzelsau sind die SBBZ im laufenden Schuljahr arbeitsfähig, so das Schulamt auf Anfrage. Zahlreiche geeignete Personen ohne abgeschlossene Lehramtsausbildung ergänzen dort die Lehrerversorgung. Der Unterricht konnte in der Regel ungekürzt stattfinden. „Kurzfristige Reduktionen gab es nur in besonderen Ausnahmefällen wie Krankheit oder Mutterschutz von Lehrkräften.“

Der Verband Bildung und Erziehung stellt Forderungen, um Inklusion und die Situation an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren zu verbessern:

  • Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren müssen zwingend erhalten werden und mit allen notwendigen Ressourcen ausgestattet werden.
  • Die Verantwortung für die Beschulung von Kindern mit Förderbedarf muss weiterhin bei den Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen liegen. In inklusiven Klassen fordern wir eine Doppelbesetzung.
  • Lehrkräfte, die in inklusiven Settings tätig sind, sollten im Vorfeld umfassend, qualitativ hochwertig und nachhaltig fortgebildet werden, um optimal auf die anspruchsvollen Herausforderungen ihrer Aufgabe vorbereitet zu sein. Dafür braucht es festeAnrechnungsstunden.
  • Bei inklusiver Beschulung muss die Klassengröße reduziert werden und darf 20 Schülerinnen und Schüler nicht überschreiten. Kinder mit festgestelltem Förderbedarf sind dabei doppelt zu zählen. Die Unterstützung im inklusiven Unterricht sollte zudem individuell an Art und Schwere der Behinderung angepasst werden.
  • Schulen mit inklusiven Klassen müssen barrierefrei gestaltet sein und durch multiprofessionelle Teams flächendeckend unterstützt werden.
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