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Kirchardt

In der Bücherei in Kirchardt soll ein dritter Ort entstehen

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Öffentliche Büchereien wie die in Kirchardt wollen neben dem Zuhause und der Arbeit als Zufluchtsort für alle wahrgenommen werden. 

Von Maren Wagner 
Wie zu Hause im Kinderzimmer: Für die Kleinsten gibt es Bücher und Spielzeug im eigenen Bereich. Der Ausweis in der Bücherei ist für alle bis 16 Jahre kostenlos.
Wie zu Hause im Kinderzimmer: Für die Kleinsten gibt es Bücher und Spielzeug im eigenen Bereich. Der Ausweis in der Bücherei ist für alle bis 16 Jahre kostenlos.  Foto: Wagner, Maren

Wer wissen will, wie es gerade um die Welt steht, müsste nur eine öffentliche Bücherei besuchen. Die Sprachlernbücher für Kinder erzählen seit Beginn der Flüchtlingskrise etwas über die Migrationspolitik. Die verlängerten Öffnungszeiten, damit sich die Deutschen aufwärmen konnten, als sie in ihren Wohnungen weniger heizen sollten, erzählten zu Beginn des Krieges in der Ukraine etwas über die Energiepolitik. Der Versuch der Büchereien, neben dem Zuhause und der Arbeit als sogenannter dritter Ort wahrgenommen zu werden, erzählt jetzt etwas über die Gesellschaftspolitik. 

In Kirchardt haben sie sich ihren Anspruch an die Außenwand gepinselt: „Bücherei – offen für alle“, steht dort schwarz auf gelb. Mütter mit Fahrrädern und Kinderanhängern stehen vor der Tür und reden, eine junge Frau will ihre Ausleihen verlängern – „da haben Sie noch genügend Zeit“, beruhigt Büchereileiterin Claudia Senghaas -, ihre kleine Tochter stürmt nach links in die Kinderecke zu Tisch und Stühlen in Form von Fliegenpilzen und einer Tigerente auf Rollen. Die Bücherei hat Charme: verwinkelte Ecken, lange Gänge mit hohen Regalen links und rechts, bunte Möbel. „Eine Villa Kunterbunt“, sagt Leiterin Senghaas, sie spricht von Bullerbü, dem Sehnsuchtsort der Astrid-Lindgren-Bücher.

Villa-Kunterbunt-Gefühl

„Eine Bibliothek stellt eine Oase dar“, sagt Senghaas, „hier können sich die Leute fallen lassen und durchschnaufen.“ Seit 9 Uhr ist die Bücherei geöffnet, Senghaas hat schon ein Gespräch über schmerzende Ohren geführt.  Die Menschen, sagt sie, kommen auch hierher, um sozial betreut zu werden.

Die Schwelle ist niedrig. Die Bücherei befindet sich in der Ortsmitte. Der Plan, die Einrichtung ans andere Ende der Gemeinde in das Alte Schulhaus zu verlegen, ist wegen der hohen Sanierungskosten erst einmal auf Eis gelegt. Auch das jetzige Gebäude ist sanierungsbedürftig, die Wände benötigen frische Farbe, manche Regale und die Toiletten sind in die Jahre gekommen, es mangelt an Barrierefreiheit, der dritte Stock kann nicht genutzt werden, weil eine Fluchttreppe fehlt. Aber Senghaas sagt: „Den Spirit, den Geist hier, dieses Villa-Kunterbunt-Gefühl, das können Sie nicht umziehen.“

 Räume ohne Konsumzwang

Büchereien sind eine freiwillige Leistung der Kommunen. In Zeiten knapper Kassen wird dort häufig zuerst der Rotstift angesetzt. Die Deutsche Bibliotheksstatistik zählte für Baden-Württemberg im vergangenen Jahr 973 öffentliche Büchereien. Vor zehn Jahren waren es 1019.  Wo es sie gibt, haben sie oft nur wenige Stunden in der Woche geöffnet, in Kirchardt dienstags und donnerstags.  

Öffentliche Büchereien sind die letzten konsumfreien Räume in Kommunen. In einem Winkel rechts neben dem Eingang steht in der Bücherei in Kirchardt eine Kaffeemaschine. Der Kaffee ist umsonst. Im Stock darüber lehnt ein rotes Sofa an der Wand. Leiterin Senghaas sagt: „Kaffee und Bücher sind die ideale Kombination.“ Im April hat der Gemeinderat einer Erhöhung der Kinderbetreuungsgebühren um mehr als sieben Prozent zugestimmt.  In der Bücherei ist der Mitgliedsausweis für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre kostenlos. Senghaas sagt: „Ich kämpfe dafür, dass das so bleibt.“ Die Besucher können ins Internet, für die Kinder gibt es Tonie-Boxen und Figuren, Tiptoi-Stifte.

Bibliothek der Dinge

Dafür investiert die Gemeinde jedes Jahr 25 000 Euro. Senghaas sagt: „Da wurde noch nie diskutiert, sondern immer versucht, den Etat zu ermöglichen." Das Geld reiche aus, alles sei damit aber nicht leistbar. „Man muss am Puls der Zeit bleiben.“ Also beantragt Senghaas Fördergelder und geht auf Spender- und Sponsorensuche, für eine Bibliothek der Dinge zum Beispiel, ihr neuestes Projekt. Hier soll dann etwa auch Spielzeug ausleihbar sein. „Dinge, die man sich vielleicht nicht so einfach leisten kann.“

Bei allem Zusatz, bei den E-Book-Readern, dem Lesebären Sami oder den Endurino-Figuren, liegt der Fokus aber weiterhin auf dem gedruckten Buch. „Menschen und Bücher sind das Wichtigste, was es gibt“, sagt Claudia Senghaas.

Büchereien sind eine freiwillige Aufgabe

In Deutschland gehören öffentliche Büchereien nicht zu den kommunalen Pflichtaufgaben. Interessenvertretungen wie der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) drängen seit langem darauf, dies zu ändern. „Gerade in den aktuellen Zeiten, wo öffentliche Räume knapper, gesellschaftlicher Zusammenhalt fragiler und politische Kultur mit Problemen aufgeladen ist, gilt: Bibliotheken sind wichtiger denn je, um Menschen zusammenzubringen und Zusammenhalt zu stärken“, sagt Bundesgeschäftsführer Holger Krimmer. In Berlin könnte das bald Wirklichkeit werden. Dort ist aktuell ein Bibliotheksgesetz in der Entwicklung, das die öffentlichen Bibliotheken als grundlegende Infrastruktur der sozialen, kulturellen und edukativen Daseinsvorsorge und somit als Pflichtaufgabe des Landes rechtlich verbindlich verankern soll. Ein entsprechendes Gesetz könnte die dauerhafte Qualität, Ausstattung und Finanzierung der Bibliotheken gewährleisten, hofft der dbv.  

Ein Sofa zum Entspannen: Neben dem Zuhause und der Arbeit wollen öffentliche Büchereien als dritter Ort wahrgenommen werden.
Ein Sofa zum Entspannen: Neben dem Zuhause und der Arbeit wollen öffentliche Büchereien als dritter Ort wahrgenommen werden.  Foto: Wagner, Maren
Den Anspruch an die Hauswand gepinselt: "Bücherei - offen für alle" steht an dem Gebäude in Kirchardt. Fotos: Maren Wagner
Den Anspruch an die Hauswand gepinselt: "Bücherei - offen für alle" steht an dem Gebäude in Kirchardt. Fotos: Maren Wagner  Foto: Wagner, Maren
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