Impro-Theater in Talheim: Spontanität und Flexibilität für Kopf und Körper
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Seit Anfang 2024 treffen sich jung gebliebene Seniorinnen immer dienstags mit Martina Spröhnle zum Improvisationstheater im Talheimer Musikpavillon. Die Themen ergeben sich aus dem Stegreif.
Sogar bei der Übergabe des Weihnachtsgeschenks an Martina Spröhnle (rechts) wird improvisiert: (von links) Doris Bauch, Viola Kutzner, Heidrun Nesper, Iris Vollmar und Elfriede Mantino.
Foto: Claudia Kostner
„Es ist schön, dass man keine Texte auswendig lernen muss. Man kann die Worte selbst wählen, und sie sprudeln nur so heraus“, sagt Viola Kutzner (63). „Man spielt keine vorgegebene Rolle, sondern schafft die Rolle aus sich selbst heraus“, ergänzt Martina Spröhnle. Vor knapp zwei Jahren hat die Seniorenbeauftragte der Gemeinde Talheim eine Improvisationstheater-Gruppe ins Leben gerufen. Seitdem treffen sich die Mitglieder immer dienstags im Musikpavillon, lachen viel und überraschen sich auf der Bühne auch jedes Mal ein bisschen selbst.
Beim Talheimer Improvisationstheater geht es um viele unterschiedliche Themen
Erstmal geht es ans Aufwärmen, „um den Kopf und den Körper in Flexibilität und Spontanität zu bringen“, erklärt Martina Spröhnle. Die sechs Frauen stehen im Kreis, klatschen sich abwechselnd gegenseitig ab, rufen dabei lautstark „Hip“, „Hip“, „Hop“. Es folgt eine kurze Assoziationsrunde: „Taschentuch“ ist das Stichwort, das Spröhnle als Anstoß gibt – die anderen müssen nicht lange überlegen: „Handtasche“, „Spiegel“, „Frisur“, „Zopf“, „Haare“, „Rapunzel“...
Erst dann wird gespielt. Immer zu zweit. Kurze Szenen über Menschen, die sich zufällig irgendwo treffen. Mal geht es um Zwistigkeiten in der Hausgemeinschaft, ein misslungenes polynesisches Essen für 100 Leute oder den Ärger über eine Hundebesitzerin, die die Hinterlassenschaften ihres Vierbeiners nicht aufsammelt. Wenn eine der Zuschauerinnen klatscht, müssen die beiden Akteurinnen in ihrer Bewegung „einfrieren“, eine von beiden wird von der Klatschenden abgelöst.
Impro-Theater funktioniert auch über Schwingungen
Ihr Thema wählt jede aus dem Stegreif, die Handlung entwickelt sich von selbst. „Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Wenn die andere nicht reagiert, geht es nicht weiter“, beschreibt Martina Spröhnle das Geschehen. „Solche Übungen sensibilisieren auch die eigene Wahrnehmung für den Spielpartner.“ Bei Aufgaben, bei denen man dem anderen den Rücken zukehre, funktioniere das Impro-Theater sogar über Schwingungen, sagt Iris Vollmar. „Ich spüre zum Beispiel, dass meine Mitspielerin ihren Arm bewegt.“
Sie lerne dabei auch ganz viel über sich selbst, betont die Rechtsanwältin und Honorarprofessorin im Ruhestand. „Alte Verkrustungen brechen auf. Man ist viel freier und wird sich bewusst, wo es hakt“, so die 67-Jährige, die schon Spielerfahrungen im „Theater ohne Gewähr“ in Ludwigsburg gesammelt hat. Heidrun Nesper bestätigt Vollmars Erfahrung: „Mit Situationen, in denen ich vorher gehemmt oder schüchtern war, kann ich jetzt umgehen, und ich nehme jetzt viel mehr mit Humor“, sagt die 67-Jährige.
Eine Spielwiese ohne Tabus
„Sich freispielen“, nennt Martina Spröhnle das: „Ich habe etwas gewagt, was ich im Alltag nicht wagen würde und merke, es ist ja gar nichts passiert.“ Sie sei schon als Kind immer sehr still gewesen –„wir mussten beim Essen immer schweigen“, erzählt Doris Bauch. „Wenn ich jetzt aus mir rauskomme, dann habe ich das hier gelernt. Das befreiende Lachen ist es, was gut tut“, findet die 86-Jährige.
Oft geht es um Emotionen. „Einmal um Liebe und Hass, ein anderes mal darum, dass man jemanden nicht ausstehen kann, weil er stinkt“, nennt Iris Vollmar Beispiele. „Das macht es auch aus, dass jede immer eine andere Rolle einnimmt. Impro-Theater ist eine Spielwiese, es gibt kein Tabu, und man handelt nicht mehr nur nach seinen eigenen Mustern“, erklärt Martina Spröhnle. „Wenn jemand, der im Leben immer das Sagen hat, sich in der Herr-Diener-Szene plötzlich fügen muss, kommt er ganz schnell an seine Grenzen.“ Das Gute daran: „Alles bleibt hier in diesem Raum, es ist ein geschützter Bereich“, sagt Viola Kutzner.
Ganz entscheidend ist, dass die Chemie zwischen den Teilnehmerinnen stimmt. „Martina ist mir wie eine meiner drei Töchter vorgekommen“, erzählt Elfriede Mantino (78). Auch Viola Kutzner war gleich nach dem ersten Mal im Talheimer Impro-Theater überzeugt: „Das ist etwas für mich, bei der Bande mache ich mit.“
Martina Spröhnle hat bei Clown und Zirkuspädagoge Bruno Zühlke im Schwarzwald eine Clownsausbildung absolviert. Schon während ihrer Zeit als Leiterin des Talheimer Jugendhauses von 2010 bis 2017 hat sie mit den jungen Leuten Auftritte organisiert. „Ich wollte auch etwas mit den Senioren machen. Aber Clownerie?“, sagt die 45-Jährige, die inzwischen Seniorenbeauftragte der Gemeinde Talheim ist. Improvisationstheater habe viele Parallelen zur Clownerie, so sei die Idee für das Seniorenangebot entstanden. „Ich bin sehr froh, dass sich Mutige dafür gefunden haben“, so Spröhnle.
Das Improvisationstheater findet immer dienstags – außer am ersten Dienstag im Monat – um 14 Uhr im Musikpavillon statt. Wer mitmachen möchte, kann einfach vorbeikommen.
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