Susanne Martin ist gebürtige Fleinerin, heute wohnt sie mit ihrem Mann in Sinsheim. Sie hat einen Sohn und ein Enkelkind. Die gelernte Buchhändlerin hat am 1. April 2000 die Leitung der Fleiner Ortsbücherei übernommen. Antje Grotzer-Sauer (56), die seit Dezember 2009 in der Bildungseinrichtung arbeitet, übernimmt Martins Nachfolge. Neu im Team ist seit 2. September Adela Pflug, die wie Grotzer-Sauer Buchhändlerin ist.Im Jahr 1999 hatte die Ortsbücherei Flein 10 600 physische Medien im Bestand, 2023 waren es 19 168 (Hör-)Bücher, CD, DVD, Zeitschriften und Tonies. Die Zahl der Ausleihungen erhöhte sich in diesem Zeitraum von 48 768 auf 66 970. Der Etat beträgt pro Jahr 26 000 Euro. bif
„Ich habe es schon als Kind geliebt, in Bücher einzutauchen“
Abschied: Susanne Martin hat 24 Jahre die Ortsbücherei Flein geleitet. Jetzt geht sie in den Ruhestand. Die Einrichtung erfährt nach dem Umzug in die Erlachstraße sehr viel Zuspruch.

Sie ist eine Institution in Flein. 24 Jahre lang hat sie die Ortsbücherei engagiert geleitet. Am 1. Oktober geht Susanne Martin in den Ruhestand. Vor kurzem ist die Einrichtung von der Schule in die Erlachstraße umgezogen. Das Konzept für die geplante Mediathek auf dem Rathausplatz hat die 64-Jährige mit ausgearbeitet, den Neubau wird sie jedoch nur als Besucherin erleben.
Frau Martin, wie bereiten Sie sich auf Ihren Abschied vor?
Susanne Martin: Man reflektiert, und das sollte man auch. Aber es war relativ viel Aufregung und Arbeit mit dem Umzug, dass ich noch gar nicht zum Überlegen gekommen bin.
Wie schwer fällt es, loszulassen?
Martin: Ich habe diese Arbeit immer geliebt und mit viel Herzblut ausgeübt. Die Kombination von Literatur und dem Umgang mit vielen unterschiedlichen Menschen war genau das Richtige für mich. Deshalb fällt der Abschied einerseits schwer, ich freue mich aber auch auf den neuen Lebensabschnitt.
Wie war die Bücherei im Jahr 2000?
Martin: Sie war schon damals sehr gut ausgestattet, weil sie relativ neu war, erst ein paar Jahre zuvor in den Schul-Glasanbau eingezogen ist.
Welche Entwicklungen gab es?
Martin: Als ich angefangen habe, wurde die elektronische Ausleihe eingeführt. Zuvor hatte man Karteikarten, die bei der Ausleihe gestempelt wurden. 2015 hat sich die Ortsbücherei der Onleihe Heilbronn-Franken angeschlossen.
Waren sie als Kind schon in der Bücherei?
Martin: Ja. In meiner Kindheit in den 1960ern war es noch die Schulbücherei. Ich habe es schon als Kind geliebt, in Bücher einzutauchen.
Wie hat sich das Leserverhalten im Laufe der Zeit verändert?
Martin: Früher stand das Buch mehr im Mittelpunkt der Freizeitgestaltung. Es war alles ziemlich streng in ernste und unterhaltende Literatur eingeteilt. Für Kinder und Jugendliche gab es weniger Auswahl als heute. In den 2000er Jahren kamen neue Genres hinzu, zum Beispiel Fantasy wie Harry Potter.
Wie steht es um das Lesevermögen?
Martin: Im Großen und Ganzen hat es sich verschlechtert. In der Fleiner Grundschule wird das Lesen so gefördert, dass es aber gut ist.
Können Büchereien im Wettstreit mit Smartphone und Tik Tok bestehen?
Martin: Man versucht es auf jeden Fall. Wir beobachten, dass Jugendliche wieder mehr lesen durch die neuen Genres, etwa die Young-Adult-Bücher für Zwölf- bis 17-Jährige. Die werden teils von jungen Leuten über soziale Medien beworben.
Was muss eine Bücherei sein?
Martin: Ein Ort der Begegnung. Sie muss Spaß am Lesen vermitteln, kundenorientiert sein. Die Kunden müssen gerne kommen.
Wie wichtig ist die Leseförderung?
Martin: Das ist das Allerwichtigste. Deshalb sind wir schon mit den Kitas vernetzt. Auch die Zwei- und Dreijährigen kommen.
Wie erreicht man Familien, in denen nicht vorgelesen wird, oder die Kinder nicht lesen?
Martin: Wir arbeiten mit Kindergärten und Schulen zusammen. Damit kriegen wir alle Kinder. Früher haben wir auch nachmittags Veranstaltungen für Kinder angeboten, bis wir gemerkt haben, dass sie keine Zeit haben. Deshalb machen wir die Veranstaltungen für Schulklassen während des Unterrichts.
Was verbuchen Sie als Erfolge?
Martin: Es sind mehr Leser als früher, mehr Ausleihungen und Veranstaltungen. Auf jeden Fall habe ich die Vernetzung geschafft mit den Schulen, Kindergärten und Vereinen. Wir haben das Vertrauen der Leser bekommen durch unseren Service. Am Anfang war die Ortsbücherei ja ziemlich umstritten. Es gab Stimmen, die dagegen waren. Das hat sich total geändert.
Das Konzept für die geplante Mediathek auf dem Rathausplatz ist fertig. Was wird die Mediathek alles bieten?
Martin: Sie wird neu und hell und freundlich sein, zentral gelegen. Sie wird mehr Aufenthaltsqualität bieten. Es wird eine Café-Ecke geben, einen Lesegarten draußen, einen Medienbriefkasten für die Rückgabe, Kinderwagenparkplätze und Schließfächer. Auch Benutzer-PC-Arbeitsplätze sollen eingerichtet werden.
Wie sehr schmerzt es, den Neubau nicht mehr als Leiterin zu erleben?
Martin: Ich bin froh, dass ich bei der Planung dabei war und sie mit meiner Kollegin Antje Grotzer-Sauer auf einen guten Weg gebracht habe. Ich werde hoffentlich zur Einweihung eingeladen.
Die Ortsbücherei ist jetzt im Wohn- und Geschäftshaus Krone in der Erlachstraße: Wie ist es angelaufen?
Martin: Es war eine sehr gute Entscheidung, hierher zu ziehen. Wir erfahren sehr viel Zuspruch, sehr viel Positives und viele Neuanmeldungen, weil die Bücherei jetzt sichtbar ist.
Haben Sie noch Bücher in der Hand oder lesen Sie digital?
Martin: Nur Bücher. Ich genieße das Haptische. Hier hatte ich die Gelegenheit, die allerneuesten Bücher zu lesen.
Was sind unvergessliche Erlebnisse?
Martin: Ich habe über die Jahre öfters Briefe von Kindern bekommen und jetzt zum Abschied verstärkt. Die sind so wunderbar. Da heißt es zum Beispiel: „Schade, dass du gehst – wir wünschen dir noch ein schönes Leben! Deine Kinder von der Bücherei.“ Überhaupt zu arbeiten und gestalten zu können, wie ich es wollte, und das Vertrauen der Verwaltung zu genießen. Die Begegnungen mit Autorinnen und Autoren waren sehr schön, vor allem Rüdiger Nehberg 2001 war sehr beeindruckend. Mit manchen Vortragenden hat sich über die Jahre ein persönliches Verhältnis entwickelt.
Es gibt Neuerscheinungen zuhauf: Wie soll sich da ein interessierter Leser zurecht finden?
Martin: Wir informieren uns sehr gut über Buchbesprechungen und Buchhändlerempfehlungen und geben Tipps weiter. Das Schöne ist, dass unsere Leser uns sehr vertrauen. Wir kennen unser Publikum sehr gut. Während der Corona-Pandemie haben wir Überraschungspakete geschnürt, und manche Leser wollen diese weiterhin.
Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?
Martin: Ich habe eigentlich den Plan, erstmal keinen Plan zu haben und nicht mehr so getaktet zu sein. Ich werde mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Das ist mir wirklich wichtig.

Stimme.de
Kommentare