Sascha Groß wurde in Heilbronn geboren und lebt seit 2014 in Ilsfeld. Mit seiner Ehefrau Sandrine hat er inzwischen erwachsene Zwillinge. Der 52-Jährige arbeitet als stellvertretender Einkaufsleiter bei einem Industriebetrieb in Stuttgart.Politisch sozialisiert hat sich Groß über die Junge Union, er ist CDU-Mitglied und im Ortsverband Ilsfeld Kassier. In der katholischen Kirchengemeinde St. Franziskus Lauffen, zu der auch Ilsfeld gehört, ist Groß Kirchengemeinderat, Vorsitzender des Caritas-Ausschusses und Kommunionhelfer. Ehrenamtlich engagiert sich Sascha Groß zudem bei der Kinder- und Jugendfußball-Spielgemeinschaft SC Abstatt, TGV Beilstein, SC Ilsfeld (ABI). ck
"Dankbarkeit der Menschen": Ilsfelder bringt zum 50. Mal Hilfsgüter in die Ukraine
Am 27. Juni geht es wieder los: Mit einem Bus voller Hilfsgüter startet Sascha Groß aus Ilsfeld zum 50. Mal seit Kriegsbeginn Richtung Ukraine. Die ökumenische Aktion hat viele Unterstützer.

Zwei Wochen nach Kriegsausbruch, am ersten Märzwochenende 2022, sind Sascha Groß und seine Frau Sandrine zum ersten Mal die 2300 Kilometer in die slowakisch-ukrainische Grenzgemeinde Chonkovce und wieder zurück gefahren. Den Kleinbus der katholischen Kirchengemeinde St. Franziskus Lauffen voll beladen mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Decken. Inzwischen plant der Ilsfelder den 50. Hilfstransport in die Ukraine. Termin ist der 27. Juni.
Herr Groß, sind Sie von Grund auf idealistisch?
Sascha Groß: Ja. Aber ohne die unzähligen Helfer und wertvollen Menschen, die uns unterstützen, könnte ich gar nichts erreichen. Ich bin in gewisser Weise nur das Gesicht der Aktion.
Mehr als drei Jahre Krieg, das Ende nicht absehbar – ebenso wenig wie ihr Engagement. Hatten Sie nie Ermüdungserscheinungen?
Groß: Ich persönlich nicht, weil der Krieg nach wie vor tobt. Und selbst danach wird noch lange Zeit Hilfe vonnöten sein. Ich habe aber Verständnis, wenn Leute, die viel gespendet oder geholfen haben, Ermüdungserscheinungen zeigen. Mir war von Anfang an klar, dass das kein Sprint, sondern ein Marathon wird.
Wie motivieren Sie sich auf dieser Langstrecke?
Groß: Es ist die Dankbarkeit der Menschen und die Freude und Herzlichkeit. Nicht in der Hinsicht, dass wir das erwarten, sondern weil es trotz der kleinen Unterstützung, die wir leisten können, doch den Eindruck vermittelt, dass unsere Hilfe einen (kleinen) Unterschied macht.
Auf dem Rückweg Geflüchtete mitgenommen
Anfangs sind Sie jedes Wochenende gefahren, inzwischen nur unregelmäßig. Woran liegt’s?
Groß: Das Problem sind nicht die Spenden oder die Anzahl der Fahrer – da haben wir haben einen Pool von 25 bis 30 Leuten. Unser Nadelöhr sind die Fahrzeuge, die mindestens Sprinterklasse haben und für eine Tonne Zuladung geeignet sein müssen. Auf unser Kirchenbusle haben wir schon über 100.000 Kilometer draufgefahren, den müssen wir schonen. Wir sind jetzt auf Privatleute, Firmen oder den Bus der Jugendfußballabteilung angewiesen.
Hat sich auch die Art der Hilfe geändert?
Groß: Zuerst war ja Fluchtbewegung, und wir haben anfangs in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Ilsfeld auf dem Rückweg unserer Touren Flüchtlinge mitgebracht. Das ist komplett zum Erliegen gekommen.
Haben Sie noch Kontakt mit den Geflüchteten?
Groß: Ja. Wir machen nach wie vor einmal die Woche Obst- und Gemüseausgabe an ukrainische Geflüchtete in Ilsfeld. Zehn bis 20 kommen regelmäßig. Es gibt auch eine Whatsapp-Gruppe, und wenn ich eine Sachspende bekomme, von der ich denke, das können sie brauchen, stelle ich Fotos ein. Das ist besser, als wenn das Landratsamt etwas Neues bezahlen muss.
Grenzkontrollen dauern mehrere Stunden
Der Bedarf ist immer noch da?
Groß: Nach zwei, drei Jahren sind die meisten mit dem Nötigsten versorgt, beziehungsweise gehen ihren Weg. Nur die Älteren tun sich schwer, schon allein wegen der Sprache. Es gab viel Integration, viele sind weggezogen, weil sie Arbeit gefunden haben. Wir haben ja alles – von der Regaleinräumkraft im Discounter bis zur Zahnärztin.
Das westukrainische Dubrynychi ist Dreh- und Angelpunkt Ihrer Aktion, dort gibt es auch ein Lager für Binnenflüchtlinge. Meistens bringen Sie die Spenden aber nur an die ostslowakische Grenze nach Chonkovce. Warum?
Groß: Die Grenzkontrollen dauern gerne mal vier Stunden. Und wenn man innerhalb von 30 Stunden wieder zurück in Ilsfeld sein muss, ist das zu zeitaufwändig. Deshalb holen Freiwillige aus Dubrynychi die Spenden in Chonkovce ab und verteilen Sie von da aus in die Kriegsgebiete.
Nichtsdestotrotz waren Sie schon zwölfmal in Dubrynychi, und im Gegenzug war die dortige Bürgermeisterin mit einer Delegation bereits in Ilsfeld.
Groß: Mir ist es wichtig, dass wir den Leuten durch einen persönlichen Besuch signalisieren, dass wir unsere Solidarität aufrechterhalten. Auf der anderen Seite wollen die Ukrainer auch zeigen, was mit unseren Spenden passiert.
Mehr als 70.000 Euro gesammelt
Sie informieren sich auch immer darüber, was besonders dringend gebraucht wird.
Groß: Haushaltswaren machen den geringsten Teil. Das meiste sind Lebensmittel, Verbandsmaterial und medizinische Ausrüstung. An Besonderheiten hatten wir beispielsweise mehr als 30 Stromgeneratoren. In letzter Zeit vor allem Krankenbetten, die von Pflegeheimen ausrangiert wurden, aber auch 200 Feuerlöscher, Rollatoren in großer Zahl, Rollstühle, ganze Kindergartenausstattungen. Auch ein ganzes Fahrzeug voll gespendeter Lebkuchen aus Nürnberg, die bis an die Frontgebiete verteilt wurden, ist eine kleine Geste der Aufmunterung.
Um Waren zu beschaffen, geht es nicht ohne Geldspenden. Wie hoch ist die Summe, die bisher zusammengekommen ist?
Groß: Wir haben über 70.000 Euro gesammelt.
Kennen Sie andere Initiativen, die so dauerhaft am Ball bleiben?
Groß: Es gibt andere, die ein- oder zweimal im Jahr einen 40-Tonner vollladen. Aber wir haben von Anfang an gespürt, dass wir viel flexibler auf aktuelle Situationen reagieren können – etwa auf den Dammbruch in Cherson, als wir Gummistiefel und Wasseraufbereitungstabletten geliefert haben. Unser Konzept ist das, was für uns trägt.
Weit weg von der Front und doch vom Krieg betroffen
Dubrynychi liegt Hunderte Kilometer von der Front entfernt. Was bekommen Sie und ihr Team vom Krieg mit, wenn Sie vor Ort sind?
Groß: Man darf nicht denken, dass die Bewohner ein unbeschwertes Leben haben. Dubrynychi hat ungefähr die Größe von Ilsfeld. In Spitzenzeiten waren bis zu 300 Männer und Frauen an der Front – fast jede Familie war betroffen. Auf jedem Friedhof gibt es Gräber von Gefallenen. Und die Stromrationierungen treffen die Westukraine genauso wie den Rest des Landes. In Bezug auf Angriffe ist dieser Teil aber sicher. Das ist auch wichtig in Bezug auf die Sicherheit von Leib und Leben unserer Ehrenamtlichen.
Wie sind Sie und ihr Team versichert, wenn doch einmal was passiert?
Groß: Toi, toi, toi: Zum Glück war noch nie etwas, außer, dass wir dreimal mit dem Auto liegen geblieben sind. Wenn etwas wäre, springt die Versicherung der Kirchengemeinde ein. Überhaupt ist es wichtig, dass unsere Aktion dort verwurzelt ist. Auch wenn die Manpower ökumenisch ist, wird das Drumherum von der katholischen Kirchengemeinde getragen. Lange Zeit hat sie uns ihren Bus zur Verfügung gestellt. Wir nutzen ihren Keller in Ilsfeld als Lager, können ihr Konto als Spendenkonto verwenden. Das ist sehr wichtig für uns.
Wie groß ist Ihre Hoffnung auf Frieden?
Groß: Es wäre so wichtig, dass das Blutvergießen aufhört. Aber es muss ein gerechter Frieden für die Ukraine sein und einer, der Putin nicht dazu verleitet, ein paar Jahre aufzurüsten und dann wieder loszulegen.Und was hoffen die Menschen in Dubrynychi?Groß: Natürlich wollen sie Frieden. Aber ich spüre in den Gesprächen auch eine große Entschlossenheit und die Bereitschaft, hinzunehmen, was das Schicksal bietet.

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