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„Wollt ihr wirklich zuhören?“

Heilbronner Schüler treffen KZ-Überlebenden in KZ-Gedenkstätte Dachau

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Bei einer dreitägigen Bildungsreise setzen sich Schülerinnen und Schüler intensiv mit den NS-Verbrechen auseinander – und hören die bewegende Lebensgeschichte eines Überlebenden.

Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums Heilbronn gehen auf dem Appellplatz. Dort mussten tausende Häftlinge stundenlang, manchmal sogar tagelang Appell-Stehen.
Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums Heilbronn gehen auf dem Appellplatz. Dort mussten tausende Häftlinge stundenlang, manchmal sogar tagelang Appell-Stehen.  Foto: privat

Erinnern, das kann manchmal wehtun. Wie das Erinnern an die Verbrechen des NS-Regimes. Fotos und Schilderungen sorgen für ein flaues Gefühl im Magen, es schüttelt einen.

Im Februar stellten sich Schüler der neunten Klassen des Theodor-Heuss-Gymnasiums Heilbronn während einer dreitägigen Bildungsreise in die KZ Gedenkstätte Dachau dem Erinnern an diese Verbrechen, besonders dem Erinnern an die vielen Opfer. Neben einer Geländebegehung mit Guides und mehreren Workshops zum Leben im Konzentrationslager steht auch ein Gespräch mit einem Zeitzeugen auf dem Programm. 

Zeitzeuge Abba Naor (vorne in der Mitte) erzählt den Jugendlichen von seiner Zeit im KZ Dachau.
Zeitzeuge Abba Naor (vorne in der Mitte) erzählt den Jugendlichen von seiner Zeit im KZ Dachau.  Foto: privat

Zeitzeuge erzählt Heilbronner Schülern seine Geschichte

Wozu sind Menschen im Stande? Was tun sie anderen an? Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? Diese Fragen bohren sich den Jugendlichen vor Ort ins Bewusstsein. Die Antworten bekommen sie vor allem von Abba Naor. Er ist Überlebender des KZ Dachau und trifft sich mit den Schülern, um ihnen von seiner Zeit im Lager zu erzählen. „Wollt ihr wirklich zuhören? Seid ihr bereit?“, fragt Naor. „Was ich erzähle, ist nicht einfach.“ Er spricht über seine Kindheit mit seinen Eltern und den beiden Brüdern in Litauen. Dann erzählt er von den Jahren im Ghetto und davon, wie sein älterer Bruder bei dem Versuch, Brot zu besorgen, mit 14 Jahren erschossen wird. „Da waren wirklich harte Erzählungen dabei“, sagt Tobi.

Als Jugendlicher alleine ins KZ Dachau verschleppt, Mutter und Bruder sterben

Im Juli 1944 wird die Familie von den Deutschen getrennt, seine Mutter und sein kleiner Bruder werden in Auschwitz ermordet, der 15-jährige Abba kommt alleine in das Dachauer Außenlager nach Utting, wo er unter grausamen Lebens- und Arbeitsbedingungen schuftet. Später überlebt er einen acht Tage dauernden Todesmarsch ohne Verpflegung.

Romy: „Das Motto von Abba Naor darauf war immer: ’Ihr kriegt mich nicht klein.’“ Aufgeben und zerbrechen ist für den jungen Naor nie eine Option. Dimi ist ebenfalls beeindruckt von dem Zeitzeugen: „Man konnte an seinen Erzählungen merken, wie stark sein Charakter ist.“ 

Erinnerungskultur ein Jahrzehnte andauernder Prozess

Den Jugendlichen wird während der drei Tage in der KZ Gedenkstätte Dachau klar, dass der Umgang mit den NS-Verbrechen ein jahrzehntelanger Prozess ist, der bis heute andauert. In Workshops werden auch die Jahre in Dachau unmittelbar nach dem Fall des NS-Regimes besprochen. „Ich fand’s krass, dass man nach dem Krieg Fotos und Postkarten von Dachau als Souvenir verkauft hat, auf denen Häftlinge zu sehen waren“, sagt ein Schüler. Kurz nach Kriegsende kommt die Frage auf, was mit den Häftlingsbaracken geschehen soll. Ab den 1950er Jahren bis in die späten 1960er werden dort deutsche Vertriebene untergebracht und die Gebäude als „Wohngebiet Dachau-Ost“ umbenannt. Es gibt Geschäfte, ein Kino und sogar ein Restaurant mit Namen „Zum Krematorium“. Die Schülerinnen und Schüler können dazu nur ungläubig den Kopf schütteln. Die Gebäude, in denen zur NS-Zeit die SS-Mannschaften wohnten, werden heute noch von der bayrischen Bereitschaftspolizei genutzt. „Die Guides, die uns das Gelände zeigten, haben erzählt, dass schon Besucher in der KZ-Gedenkstätte waren, die Selfies in den Verbrennungsöfen gemacht haben“, sagt Romy.

Ab jetzt weniger Selbstmitleid

Dass man sich bis heute mit dem Gedenken schwertut, zeigt das Mahnmal des Internationalen Dachau-Komitees. Der Künstler Nandor Glid hatte das Mahnmal ursprünglich so geplant, dass allen Opfergruppen symbolisch gedacht werden sollte. Doch bis heute lehnt es das Komitee ab, darin den als „homosexuell“ Verfolgten zu gedenken.

Zurück im Schulalltag überlegt die Klasse, was sie von dem Besuch in Dachau für sich mitnimmt. „Weniger Selbstmitleid, wenn ich mal erkältet bin“, fällt Dimi sofort ein. Seine Mitschüler schmunzeln. „Man muss aufpassen, dass sich das nicht wiederholt. Die Leute sollten sehen, was da passiert ist“, meint Romy.

Keine Handys dabei

Vor der Reise zur Gedenkstätte Dachau formulierten die begleitenden Lehrkräfte ausdrücklich, alle Smartphones zu Hause zu lassen. „Wir wollten, dass die Schülerinnen und Schüler sich auf dieses Thema einlassen und sich mit nichts anderem beschäftigen“, erklärt Jens Breitschwerdt. Und wie fanden das die Jugendlichen? Tobi gibt offen zu: „Am Anfang haben wir uns geärgert. Aber als wir vor Ort waren, war es nicht schlimm.“ Mit dem Handy am Ohr oder in der Hand über das Gelände zu laufen sei dann doch irgendwie unpassend. Aber während der Tage nicht up-to-date zu sein, war für einige doch ungewohnt. 

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