Details zum G9: Schulen warten auf weitere Weichenstellungen
Für Gymnasien beginnt die Arbeit: Stuttgart hat erste Details zum Abitur nach 13 Schuljahren vorgestellt. Das sind Reaktionen

Während sich die Schüler auf die Ferien freuen, müssen Lehrkräfte, insbesondere Schulleiter, das kommende Schuljahr vorbereiten. Sie können nicht sechs Wochen lang Urlaub machen. An den Gymnasien wird auch schon ans übernächste Schuljahr gedacht: Ab 2025/26 sollen Schüler wieder neun Jahre Zeit bis zum Abitur haben, los geht es zunächst mit den Fünft- und Sechstklässlern. Wie ist die Rückkehr zu G9 räumlich, personell und inhaltlich zu stemmen? Für den Weg zurück kamen pünktlich zum Ferienstart erste Ideen. Die Zeit drängt.
Die Stadt Heilbronn hat in der jüngsten Sitzung des Bildungsbeirats die Fakten vermittelt: Dass G9 mit den Klassen 5 und 6 beginnt, aber die Option bleiben könnte, G8-Züge anzubieten. Falls die zu diesem Zeitpunkt wieder eingeführte Grundschulempfehlung vom Willen der Eltern abweicht, gibt es an den Gymnasien einen Test. Er entscheidet, ob ein Kind aufgenommen wird. Tatsächlich hielten sich in Heilbronn die Gymnasialempfehlungen (354) und die Zahl der Fünftklässler, die diese Schule besuchen (344), zuletzt annähernd die Waage. Anders als bei der Realschule, wo es mehr Übertritte (392) als Empfehlungen (308) gab. Oder bei der Werkrealschule: 38 Übertritte bei 303 Empfehlungen. Wie sich G9 auf die Schülerzahl auswirkt, darüber gibt es drei unterschiedliche Szenarien, von 535 potenziellen Neu-Gymnasiasten ab Klasse 5 bis zu 650.
Stuttgart ist voller Freude, spricht sogar von fünf zentralen Innovationen, die das neue G9 umfasse. In den Klassen 5 und 6 bekommen Deutsche, Mathe und die erste Fremdsprache eine Stunde mehr. MINT-Fächer gewinnen an Bedeutung. Die Demokratiebildung wird genauso gestärkt wie die berufliche Orientierung. Schüler werden in den Übergängen von Unter- zur Mittel- sowie von Mittel- zu Oberstufe unterstützt. „Das hat interessante Ansätze“, sagt Martin Mutz, der das Eduard Mörike-Gymnasium in Neuenstadt leitet und mit Antje Kerdels vom Robert-Mayer-Gymnasium in Heilbronn die Direktoren der Region als Sprecher vertritt. Dazu gehören für ihn die zusätzlichen Stunden für die Basiskompetenzen sowie der Ausbau der MINT-Fächer. Gut findet er die Demokratiebildung. Nicht nur fachorientierte Arbeit sei nötig, sondern auch gesellschaftsorientierte: „Man hat erkannt, dass es sehr wichtig ist.“ Schwierig dürfte es seiner Ansicht nach bei der Lehrerversorgung werden. „Es wird schwer sein, die MINT-Stärkung umzusetzen“, befürchtet Martin Mutz. Zu den Ideen aus Stuttgart gehört auch die Schülerförderung in den Übergängen, „Individuelles Schülermentoring“ genannt. „Das ist sehr allgemein gehalten.“
Mehr als Schlagwörter haben die Schulen nicht. Davon ist jedenfalls Harald Schröder von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) überzeugt. „Die Schulen müssen warten, bis sie die Ausführungsbestimmungen haben“, sagt der GEW-Sprecher im Kreis Heilbronn, „sonst können sie nicht arbeiten.“ Zu den positiven Punkten gehören für ihn unter anderem die Stärkung der Basiskompetenzen sowie der Ausbau der Medienbildung. MINT soll ausgebaut werden, die GEW hoffe auch auf mehr Biologie. Gerade durch Corona haben man gesehen, wie wichtig das Fach sei. Auch wenn nähere Details zum Bildungsplan noch fehlen, so blickt Harald Schröder bereits kritisch auf zusätzliche Vorgaben. „Das Gymnasium dauert ein Jahr länger, und es wird viel reingepackt“, sagt er. „Ich weiß nicht, ob das der Weisheit letzter Schluss ist.“ Durch G9 wolle man Kinder und Jugendliche schließlich entlasten.
G9 kommt zurück: Schulleiter ist froh über erste Wegweisungen
Jürgen Kovács, Leiter des Weinsberger Justinus-Kerner-Gymnasiums (JKG) ist froh, „dass zum Schuljahresende erste Wegweisungen bekannt geworden sind“. Doch er hofft zeitnah auf noch konkretere Vorgaben aus Stuttgart. Denn im Herbst stehen die alljährlichen Infoveranstaltungen für die Eltern der künftigen Fünftklässler an, und die Zeit bis dahin vergeht schnell. Kovács: „Wir wissen zwar, dass wir das Gymnasium vorstellen. Aber wir wissen noch nicht ganz genau, wie es aussieht. Wir wissen zum Beispiel noch nichts über den Beginn der zweiten Fremdsprache.“ Startet sie, wie vor G8, erst in der siebten Klasse, oder bleibt es mit dem neuen G9 beim Beginn in Klasse sechs? „Wir wissen auch noch nichts über die Kontingentstundentafel.“ Welche Fächer können und dürfen mit wie vielen Stunden in welcher Stufe unterrichtet werden? „Und wir haben noch keinen Bildungsplan.“
Grundsätzlich begrüßt der Oberstudiendirektor am JKG die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium: Vieles, was vermittelt werde, sei wichtig, nehme aber Zeit in Anspruch, die für den Fachunterricht fehlt: also die Einbettung der Leitperspektiven und der weiteren Konzepte einer Schule etwa. Er hofft auf zusätzliche Lehrerwochenstunden. „G9 kann Luft verschaffen, um die Dinge noch gründlicher bearbeiten zu können.“ Außerdem hätten bei G9 nicht nur die leistungsstarken Schüler, sondern auch diejenigen im Mittelfeld wieder mehr Zeit für Außerschulisches, für Musik und Sport etwa.
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