Hat der Religionsunterricht in Heilbronn und Hohenlohe ausgedient?
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Der Erhalt des evangelischen und katholischen Religionsunterricht steht in den Programmen fast aller großen Parteien zur Landtagswahl. Dabei treten immer mehr Menschen auch in den Landkreisen Heilbronn und Hohenlohe aus den Kirchen aus. Welche Bedeutung hat das Fach „Religion“ also überhaupt noch?
Von mwg, göz
Erhalten oder abschaffen? Der konfessionelle Religionsunterricht spielt in den Wahlprogrammen aller Parteien eine Rolle.
Foto: dpa
Ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas infrage gestellt wird, ist, wenn ausdrücklich betont werden muss, dass es beibehalten werden soll. Das ist in den Wahlprogrammen fast aller großen Parteien zur Landtagswahl in Baden-Württemberg der christliche Religionsunterricht. Da schreibt etwa die FDP: „Wir werden den Religionsunterricht an unseren Schulen erhalten.“ Sind die katholische und die evangelische Kirche derart ins Wanken geraten, dass selbst ihre Bildungsrolle hinterfragt wird?
Antworten auf existenzielle Fragen
Stefan Hermann ist Referatsleiter Religionsunterricht, Schule und Bildung bei der evangelischen Landeskirche in Württemberg und kennt die Kritik am Fach Religion. Diese gehe unter anderem darauf zurück, dass den Kirchen immer wieder unterstellt werde, mit Hilfe des Religionsunterrichts ihre Schäfchen ins Trockene zu holen. Dies sei aber keineswegs der Fall: „Es geht nicht darum, die Kirche zu stabilisieren, das kann, will und darf Religionsunterricht nicht.“
Stattdessen gehe es um Antwortmöglichkeiten auf existentielle Fragen. Diese sollen den Kindern und Jugendlichen aus religiöser Sicht dargelegt werden. Hermann sagt: „Die Lehrkräfte des Religionsunterrichts müssen deutlich machen, dass ihre Sichtweise eine von möglichen Sichtweisen ist.“ Nicht verabsolutieren also, sondern Mehrperspektivität deutlich machen: „Eltern und Kinder wissen das zu schätzen“, sagt Hermann.
Die Statistik zum Religionsunterricht in Baden-Württemberg scheint ihm recht zu geben. Demnach nahmen im Schuljahr 2023/24 über alle staatlichen Schulformen hinweg von den rund 1,3 Millionen Kindern und Jugendlichen mehr als 410.000 am evangelischen Religionsunterricht teil. Das entspricht fast 31 Prozent. Den katholischen Unterricht besuchten mehr als 364.000 Schüler oder knapp 27 Prozent. Damit liegt der Anteil der Teilnehmer am Fach Religion bei fast 60 Prozent und über der Mitgliederzahl der beiden großen Kirchen im Land.
Evangelische Religion: Schülerzahlen wachsen
Das staatliche Schulamt Heilbronn ist für die Grund-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen im Landkreis Heilbronn zuständig und kennt die Zahlen für das aktuelle Schuljahr: Fast 11.300 Schüler nehmen am evangelischen und etwas mehr als 5000 am katholischen Religionsunterricht teil. Auffällig ist der Vergleich mit dem Schuljahr 2021/22: Zwar ist die Zahl der Teilnehmer am katholischen Unterricht leicht gesunken, die des evangelischen allerdings von knapp 11.000 Schülern leicht gestiegen.
Im Hohenlohekreis besuchen die Schüler der Grund-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen überwiegend den evangelischen Religionsunterricht, laut Daten des Schulamts Künzelsau für das Schuljahr 2025/26. In den weiterführenden Schulen sind 55 Prozent der Schüler in einem konfessionellen Unterricht: 1752 im evangelischen und 818 im katholischen.
Schuldekane fordern Einführung von Ethik auch in Grundschulen
Zum vollständigen Bild gehört aber auch, dass sich immer mehr Schüler für das Fach Ethik entscheiden, das unter anderem an Grundschulen noch nicht überall angeboten wird. Laut staatlichem Schulamt Heilbronn besuchen derzeit mehr als 4.700 Kinder und Jugendliche im Landkreis den Ethik-Unterricht, 2021/22 waren es noch etwas mehr als 3.900. In den weiterführenden Schulen des Hohenlohekreises sind es 1164 Schüler.
Die Grünen, die zuletzt die Kultusministerin stellten, wollen den Ethik-Unterricht in allen Klassenstufen – also auch in der Grundschule – einführen. Das finden die bei den Kirchen im Hohenlohekreis zuständigen Schuldekane Wolfgang Weiß (katholisch) und sein evangelischer Kollege Till Elbe-Seiffart überfällig. „Wir würden ein Fach Ethik von der ersten Klasse an sehr begrüßen“, sagt Weiß. Jeder solle sich in der Schule ethische Fragen stellen.
Kooperativ: Unterricht in verschiedenen Konfessionen
Der Religionsunterricht hat den Zahlen nach im Land nicht ausgedient, aber die Kirchen müssen sich über neue Angebote Gedanken machen. Dazu gehört der konfessionell-kooperative Unterricht, der in Baden-Württemberg bereits seit längerem besonders an Grundschulen stattfindet. Dabei unterrichten Lehrkräfte im jährlichen Wechsel etwa evangelische, katholische oder orthodoxe Religion. „Die Schüler können in der Begegnung mit anderen Religion ihre eigene Perspektive beleuchten“, erklärt Hermann.
Gesetzlich verankert
Die Linken wollen nur noch Ethik-Unterricht an öffentlichen Schulen sehen. Den konfessionellen Unterricht abzuschaffen ist jedoch schwer – „der ist im Grundgesetz und in der Landesverfassung verankert“, betonen die für Hohenlohe zuständigen Schuldekane Wolfgang Weiß und Till Elbe-Seiffart. Der Verfassungsstatus sei eine Lehre aus den Folgen des Dritten Reichs: Er ist aus der „Einsicht heraus entstanden, wie desaströs es ist, wenn religiös-weltanschauliche Bildung allein in staatlicher Hand ist“, sagt Elbe-Seiffart.
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