Stimme+
Serie 24 Stunden - 24 Orte - 24 Geschichten

Große Schätze schlummern im Depot

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Hinter den Kulissen gibt es im Deutschen Zweirad- und NSU-Museum in Neckarsulm viel zu entdecken. Im Keller und Lager sind viele noch einige Raritäten zu finden. 

Im Fahrradkeller lagern viele Raritäten ab dem Jahr 1897.
Im Fahrradkeller lagern viele Raritäten ab dem Jahr 1897.  Foto: Seidel, Ralf

Die Ausstellung im Deutschen Zweirad- und NSU-Museum ist „wie die Spitze des Eisbergs“, sagt Leiterin Natalie Scheerle-Walz. Hinter den Kulissen gibt es noch vieles zu entdecken. Im Depot stehen rund 600 Fahrzeuge „plus viele Ersatzteile“, über die der wissenschaftliche Mitarbeiter Sven Heimberger den Überblick behält. 

Die ehemalige Abfüllanlage der WG ist seit 2018 das Depot für das Museum, was ein doppelter Glücksfall war. Zum einen stand das bisherige Lager nicht mehr zur Verfügung, zum anderen gibt es hier direkt neben den Ausstellungsräumen im Schloss Platz für Werkstatt und Abstellfläche. In Reih und Glied stehen die Maschinen, die es noch nicht in die Ausstellung geschafft haben. Nach Ländern geordnet ist von A wie Agria bis Z wie Zündapp fast alles vertreten, was Rang und Namen hat. Das Museum hatte schließlich seit 1956 reichlich Gelegenheit zum Sammeln. 

Dabei werde keine aktive Einkaufspolitik betrieben, betont Scheerle-Walz. „Dazu reicht unser Budget nicht aus.“ In den 1960er und 1970er Jahren, als Motorräder „auf dem absteigenden Ast waren“, habe man „gezielt nach Preziosen gesucht“. Mit inzwischen 140 Marken könne man eine große Bandbreite bieten. Der neu gewonnene Platz bot auch die Möglichkeit, mehr Ordnung in die Sammlung zu bringen. Italienische Schönheiten, denen die nächste Sonderausstellung gewidmet sein wird, sind ebenerdig zu finden, die japanischen Racer stehen auf einem Zwischenboden. „Da oben muss man den Kopf einziehen“, ruft Natalie Scheerle-Walz. Jedes Stück in der Sammlung hat seine Inventarnummer, in der Foto-Zone mit aufgeklebtem Maßstab an der Wand können genaue Dokumentenblätter für Ausstellungskataloge und das Online-Archiv erstellt werden. 

Etliche der Museumsstücke bräuchten noch jahrelange Aufarbeitung, bis sie ausstellungsreif wären. „Bei uns kommen viele Angebote rein“, sagt Natalie Scheerle-Walz. In der Regel seien es Schenkungen. „Das sind extreme Glücksfälle, wofür wir sehr dankbar sind.“ Möglich sei dies durch „extrem gute Kontakte“, denn: „Museumsarbeit basiert vor allem auf Vertrauen. Die Schenker wissen, dass ihre Lieblinge bei uns gut aufgeboben sind.“

85 Prozent des Fundus gehört der Stadt Neckarsulm, 15 Prozent sind Leihgaben. Auch anders herum sind viele der Maschinen aus Neckarsulm an anderen Orten zu sehen, beispielsweise im „höchstgelegenen Motorradmuseum der Welt“ auf dem Timmelsjoch in Südtirol, wo nach einem Brand die Die Hochgurgler Visionäre und Motorradliebhaber Attila und Alban Scheiber ihren Lebenstraum nicht aufgegeben haben, auch dank der Hilfe aus Neckarsulm: Derzeit sind im Top Mountain Motorcycle Museum 50 Maschinen aus dem Zweirad- und NSU-Museum zu sehen. „Das ist quasi eine Außenstelle von uns“, scherzt die Museumsleiterin. 

Im Depot herrscht ein Kommen und Gehen

Umgekehrt ist man in Neckarsulm froh, wenn für Sonderausstellungen wie derzeit „British Beautys“ die eigene Sammlung mit besonderen Leihgaben ergänzt wird. „Das Depot ist ein lebender Kosmos“, beschreibt Scheerle-Walz das Kommen und Gehen. Auch von „artfremden“ Museen kommen oft Anfragen, wenn beispielsweise eine Ausstellung zum Design der späten 50er Jahre mit einem für diese Zeit typischen Coffee-Racer bestückt werden soll. 

Grundsätzlich gilt: Je älter, desto besser. Wenn beispielsweise eine besondere Rennmaschine zu kaufen sei, müsse man im Einzelfall entscheiden. „Wir bekommen nahezu täglich Fahrräder angeboten“, berichtet Sven Heimberger. „Garagenfunde“ aus den 1950er Jahren könne man in der Regel nicht annehmen, weil man aus dieser Epoche schon viel habe. Im Fahrradkeller hängt eine beachtliche Sammlung in Reih und Glied. Um hier noch etwas unterzubringen, müsse es schon ein besonderes Zweirad sein. 

Das älteste Fahrrad ist ein NSU von 1897 „im Originalzustand“, wie Heimberger stolz erklärt. „Alles so um 1900 ist interessant für uns, das sind die letzten Überlebenden. Je älter, desto interessanter.“ Jedes Angebot werde geprüft, verspricht der wissenschaftliche Mitarbeiter. Schließlich sei nicht nur das Zweirad an sich von Interesse, sondern auch das Zubehör. Der originale Verpackungskarton, in dem die NSU-Fahrräder ausgeliefert wurden, ist ein ebenso wichtiges Sammlerstück wie der Drahtesel selbst.

Heimberger ist Schrauber und Sammler. Viel Herzblut steckt er nicht nur in die Maschinen, die er wie die RD 251 bei der „Live & Loud Tour“ auch selber fährt, sondern auch ins schriftliche Archiv. Hier gibt es „unfassbar viele Dokumentationen“, natürlich hauptsächlich zu NSU. „Jedes Exponat hat seine eigene Akte.“ In der Fachbibliothek gibt es Zeitschriften wie „Motorrad“ von 1933 ab vollständig und sortiert. „Das war eine wichtige, aber auch sehr intensive Arbeit.“

Handbücher zu den Maschinen sind bei den Besitzern sehr begehrt, weil diese oft vergriffen sind. In „gewissem Umfang“ könne man hier den Service anbieten, einen Schaltplan oder eine Bedienungsanleitung zu kopieren. Fachbücher, Ausstellungskataloge, Werbeplakate aus vergangenen Zeiten und eine umfangreiche Foto-Sammlung, die noch gründlich systematisiert wird, komplettieren den Fundus, den auch immer mehr Fachleute gerne für wissenschaftliche Arbeiten nutzen. Deshalb soll nach und nach alles digitalisiert werden. 

Passionierter Motorrad-Fan und -Fahrer

Am wohlsten fühlt sich Heimberger aber in seiner Werkstatt. Hier werden die Museumsstücke fit gemacht für die Ausstellungen im eigenen Haus und für Events. Um beinahe 100 Jahre alte Rennmaschinen wieder fahrbereit zu bekommen, fehlt es oft an vermeintlichen Kleinigkeiten. „Bei vielen Fahrzeugen gibt es diesen neuralgischen Punkt“, weiß Heimberger. 

Die Husquarna stand 50 Jahre lang mit den selben Reifen in der Ausstellung. „Damit konnte man natürlich nicht mehr fahren, der ist steinhart“, zeigt Heimberger den Original-Reifen. Um die Maschine wieder fahrbereit zu bekommen, bedurfte es einer intensiven Recherche. In Großbritannien wurde man fündig, ein Reifenhersteller konnte das passende Modell liefern. 

Manches muss Heimberger auch selber machen oder machen lassen, wie ein Hitzeschutzblech für den Auspuff. „Das Hobby ist zum Beruf geworden“, meint der passionierte Motorrad-Fan und -Fahrer. 

In der Werkstatt schraubt Sven Heimberger an der RD 251, die er bei der „Live & Loud Tour“ auch fährt.
In der Werkstatt schraubt Sven Heimberger an der RD 251, die er bei der „Live & Loud Tour“ auch fährt.  Foto: Seidel
Manche besonders typischen Design- und Deko-Objekte werden von anderen Museen angefragt, um den Zeitgeist zu dokumentieren.
Manche besonders typischen Design- und Deko-Objekte werden von anderen Museen angefragt, um den Zeitgeist zu dokumentieren.  Foto: Seidel, Ralf
Maschinen, wie diese italienischen Schönheiten, warten im Depot noch auf ihren großen Auftritt.
Maschinen, wie diese italienischen Schönheiten, warten im Depot noch auf ihren großen Auftritt.  Foto: Seidel, Ralf
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben