Bevor die Arbeiten im Kocher in Kochersteinsfeld starten konnten, fand eine "Fischbergung mittels Elektrobefischung" statt, erklärte Marcus Heinl vom Landesbetrieb Gewässer. Das heiße, dass man Kescher ins Wasser halte, die mit einer bestimmten Voltanzahl aufgeladen seien. "Durch das Elektrofeld werden die Tiere betäubt, treiben flussabwärts oder werden rausgeholt und umgesetzt", so der Fachmann. Das sei notwendig, weil manche Arten, die am Grund lebten wie Groppe oder Gründling sich nicht von allein wegbewegten, wenn der Bagger anrolle. Sie seien durch die Elektrobefischung also gerettet worden. Hier arbeitete das RP mit den örtlichen Fischern zusammen
Große Bagger bauen kleine Lebensräume im Kocher
Im Kocher bei Kochersteinsfeld sind vier Buhnen, eine Art Inseln, entstanden. Fast verschwundene Fischarten sollen sich dort ansiedeln.

Mit Lastwagen und großen Baggern haben Fachleute vom Regierungspräsidium (RP) Stuttgart in den vergangenen Tagen einen Abschnitt des Kochers bei Kochersteinsfeld umgestaltet - als Ausgleichsmaßnahme für den Eingriff in die Natur während des Neubaus der Kocherbrücke an der Öhringer Straße. Diese ist zwar bereits seit Mai 2017 fertig, die Umsetzung der Ausgleichsmaßnahme hat sich aber verzögert. "Es gab ständige Personalwechsel", begründete Udo Sander von der Straßenbauverwaltung Baden-Württemberg vor Ort. 2023 sei es mit dem Pflanzen von vier Linden losgegangen, die eigentliche Maßnahme startete aber erst jetzt. Nachdem Material angefahren worden war, begann am 9. September der Einbau von Buhnen.

Mit Baggern platzierten die RP-Mitarbeiter große Steinbrocken und schütteten kleine Steine zu einer Art geschwungener Insel quer zur Strömung auf. An anderer Stelle entstand ein Dreieck. Heiko Lehmann vom Landesbetrieb Gewässer erklärte: "Buhnen sind Störbauwerke, um das Wasser umzuleiten oder Strömung zu erzeugen." Vorher hatte der Kocher an dieser Stelle oberhalb der Brücke "ein langweiliges, eintöniges Fließverhalten über die gesamte Breite des Flusses". Durch die Buhnen entstünden unterschiedliche Lebensbereiche für Gewässerorganismen, also Pflanzen und Tiere. So siedelten sich voraussichtlich wieder mehr strömungsliebende Arten an wie Barbe oder Nase. Diese seien fast komplett aus dem Fluss verschwunden. Aber auch für Insekten entstünde ideale Lebensbereiche, wo der Kies nur leicht überströmt werde. Sie wiederum seien Nahrung für Fische und Vögel.
Die Gewässer-Spezialisten bauten vier Buhnen ein. Der Bereich des Kochers bei Kochersteinfeld ist dabei nicht willkürlich gewählt. "Wir brauchen strömendes Wasser", sagt Marcus Heinl vom Landesbetrieb Gewässer. Je näher man an die Brücke komme, desto größer sei bereits der Rückstau des Wasserkraftwerks der Mühle Jesser. Im Stillwasserbereich hätten Buhnen nicht den gewünschten Effekt.
An den neuen Buhnen werden sich im Frühjahr junge Fische tummeln
Allgemein könne man sagen, dass durch den Ausbau von Flüssen und Querbauwerke wie zum Beispiel Wasserkraftanlagen, Lebensräume für unterschiedliche Wasserlebewesen verloren gingen, sagte Heiko Lehmann. Es gebe oftmals kilometerlange Rückstaubereiche, in denen ideale Strukturen für strömungsliebende Arten fehlten, ergänzte Marcus Heinl. Am Kocher in Kochersteinsfeld könne man nun aber erwarten, dass ich an den Buhnen im kommenden Frühjahr junge Fische tummeln. "Das hat Auswirkungen auch über diesen Bereich hinaus", versicherte er. Überprüft werde das aber nicht. Jedenfalls sei derzeit kein Monitoring vonseiten des RP in Planung, sagte Heiko Lehmann. "Wir bekommen aber immer wieder Rückmeldung von Fischern, die sich über die neuen Fischarten freuen." Außerdem würden Drohnenbilder gemacht, anhand derer man die Entwicklung verfolgen könne.
Da der Fluss etwas Dynamisches sei, würden die Bereiche um die Buhnen sich im Laufe der Zeit noch verändern, erläuterte Marcus Heinl. In den strömungsberuhigten Bereichen würden sich beispielsweise Kies und Sedimente ablagern und neuer Bewuchs entstehen. Außerdem entstünden durch Kehrwasser Gumpen, also tiefere Bereiche, in denen Fische gerade in heißen Sommern kühle Rückzugsorte fänden, fügte sein Kollege René Seeger hinzu.
Unterschiedliche Pegelstände machen die Arbeiten anspruchsvoll
Dynamisch war auch die Arbeit der RP-Bauhof-Mitarbeiter, die die Buhnen bauten. Zuerst schütteten sie die zwei äußeren auf, danach bewerteten die Fachleute das Fließverhalten und entschieden, wie und wo die anderen zwei Buhnen platziert werden. Sie mussten zudem auf unterschiedliche Pegelstände durch Niederschläge reagieren oder manchmal Zwangspausen einlegen, wenn der Uferbereich zu matschig wurde.
Die Männer, die in den vergangenen Tagen die großen Bagger im Kocher steuerten, arbeiten sonst von Möckmühl aus im ganzen Landkreis Heilbronn. Sie kümmern sich hauptsächlich um die Ufer- und Gehölzpflege, berichtete Heiko Lehmann. "Die Buhnen zu bauen, ist eine willkommene Abwechslung. Sie freuen sich, etwas Gutes für den Fluss zu machen." Dass das RP die Ausgleichsmaßnahme selbst umsetzt, sei nicht an der Tagesordnung. Oft würden Firmen beauftragt. Für die Buhnen am Kocher fallen Kosten von circa 60.000 Euro an, berichtete Lehmann.

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