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Handel im Wandel
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Gemischtwarenläden gibt es nur noch wenige: Zentrale für Einkäufe aller Art

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Das klassische Kaufhaus für alle Lebenslagen gibt es kaum noch. „Haus und Rad“ in Möckmühl stemmt sich gegen den Trend und will jetzt sogar vergrößern.

Der Payer'sche Laden aus Neuenstadt ist heute im Museum der Alltagskultur in Waldenbuch zu sehen.
Der Payer'sche Laden aus Neuenstadt ist heute im Museum der Alltagskultur in Waldenbuch zu sehen.  Foto: Landesmuseum Württemberg, Hendrik Zwietasch

Elektro, Farben, Holzbutter, Fahrradreifen, Schreibwaren, Spielsachen, Haushalt, Schrauben aller Art und Größen, Schlüssel-Center mit Messerschärfen, Schlitten und Schneeschaufeln: Es gibt fast nichts, dass es bei „Haus und Rad“ nicht gibt.

„Rat und Tat“ wäre auch ein passender Name für den Laden in der Züttlinger Straße. „Wir sind sehr servicemotiviert, außergewöhnlich in unserer Zuvorkommenheit“, wirbt Thomas Pfahl mit einem Schmunzeln, der Chef, Inhaber und „Mädchen für alles“ in einer Person ist. 

Nudeln und Linsen aus Unterkessach und Möckmühler Honig

In den Regalen gibt es vieles, wonach man in einem Baumarkt oder großen Kaufhaus erst suchen müsste. Unterteilt nach Eisenwaren, Haushalt, Fahrradzubehör, Spielzeug und Schreibwaren gibt es auch die Rubrik Regionales wie Nudeln und Linsen aus Unterkessach oder Möckmühler Honig sowie, ganz wichtig, den Service. Auch ein Post- und Paketdienst gibt es neben der Fahrradreparatur oder dem Tausch von Uhrenbatterien.

Was bei der zunehmenden Spezialisierung ein wenig wie ein Sammelsurium anmutet, war noch vor einigen Jahrzehnten normal. Fast in jedem Dorf gab es Händler, die ein breites Sortiment hatten. Bekannt war der Payer’sche Laden in Neuenstadt – den es heute immer noch gibt. „Ein Jahr, nachdem der Laden des Hermann Payer in Neuenstadt geschlossen wurde, kam das Ladenzubehör im Mai 1983 in die Sammlung des Museums der Alltagskultur“, schreibt Ulrike Reimann vom Landesmuseum Württemberg.

In Waldenbuch ist der Laden im Rahmen der ständigen Ausstellung „ZeitSprünge“ zu sehen. Die Museumsleute waren wohl erstaunt, was sich in den Schubladen und Schränken des weitläufigen Ladengeschäfts verborgen hatte: Reißzwecken von 1920 wurden noch zum Verkauf angeboten, das älteste Stück soll wohl eine Balkenwaage aus dem 17. Jahrhundert gewesen sein.

Reißzwecken von 1920: Im Payer’schen Laden in Neuenstadt gab es (fast) alles

In der Industrialisierung wurde die Selbstversorgungswirtschaft in den Dörfern durch Gemischtwarenläden ergänzt, heißt es in einem Ausstellungskatalog des Landesmuseums.

Das Kolonialwarengeschäft in Neuenstadt wurde 1849 bis zur Schließung 1982 von vier Generationen derselben Familie betrieben. „lm Sortiment der Gemischtwarenhandlung, die sowohl die Stadt als auch das Umland mit Waren versorgte, gab es Lebensmittel. Textilien, Haushaltswaren sowie Artikel für Landwirtschaft und Gewerbe.“

Die Lebensmittel wurde zum Teil lose in eigene, mitgebrachte Gefäße abgegeben, also Gurken aus dem großen Fass oder Mehl aus Sack und Schütte. Der Trend dazu ist heute in einigen „Unverpackt“-Läden wieder zu beobachten. Etwas unheimlich sei es schon gewesen, erinnert sich eine ältere Neuenstädterin, wenn man „zum Payer“ geschickt wurde, weil der Laden dunkel und die Inhaber zumindest für Kinder etwas unheimlich wirkten.

Eisen Heck in Neckarsulm: buntes Sammelsurium aus Praktischem, Nützlichem und Schönem

Eine ähnliche Institution war Eisen Heck in Neckarsulm. Das Traditionsgeschäft in der Heilbronner Straße ist seit 2017 geschlossen. Inhaber Ewald Stammer hatte aus Altersgründen aufgehört. „Es ist ein bisschen so, als betrete man eine andere, eine alte Welt. Wer durch die Tür des Ladengeschäfts in der Heilbronner Straße geht, ist mitten drin im bunten Sammelsurium aus Praktischem, Nützlichem und Schönem. Bei Eisen Heck in Neckarsulm gibt es alles: Schrauben und Backformen, Schneeschieber oder das Hahn-und-Henne-Geschirr. Eine Neckarsulmer Institution, mit der so mancher Erinnerungen bis in die Kindheit verbindet.“ So schrieb damals die Heilbronner Stimme

Geschäftsleute mit Leib und Seele sind seltener geworden

Geschäftsleute mit Leib und Seele, die ihren Kunden jeden Wunsch ermöglichen, gibt es heute nicht mehr ganz so oft. Entgegen dem Trend möchte Thomas Pfahl in Möckmühl aber eher erweitern als aufgeben. Er mache sich „berechtigte Hoffnungen“, im ehemaligen Schuhhaus Schmieg auf der anderen Straßenseite unterzukommen. Es gebe insgesamt acht Interessenten, so Bürgermeister Simon Michler, man könne sich „am Tor zur Stadt“ auch eine Kombination von Gewerbe, Handwerk und Arztpraxen vorstellen. 

„Wir sind sehr servicemotiviert, außergewöhnlich in unsererZuvorkommenheit.“Thomas Pfahl

Thomas Pfahl ist Chef, Inhaber und „Mädchen für alles“ bei Haus und Rad in Möckmühl.
Fotos: Frank Wittmer
Thomas Pfahl ist Chef, Inhaber und „Mädchen für alles“ bei Haus und Rad in Möckmühl. Fotos: Frank Wittmer  Foto: Wittmer, Frank
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