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Weniger Nachmittagsunterricht

Rückkehr zu G9: Schulen müssen Ganztagsbetreuung ausweiten – und üben Kritik

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Durch die Umstellung auf G9 fällt viel Nachmittagsunterricht an den Gymnasien in Baden-Württemberg künftig weg. Die Schulen suchen nach Lösungen für die Ganztagsbetreuung, während zeitgleich Ressourcen für AGs gekürzt werden. 

Ab September gilt an den Gymnasien in Baden-Württemberg wieder G9.
Ab September gilt an den Gymnasien in Baden-Württemberg wieder G9.  Foto: Armin Weigel/dpa

Mit der – besonders von Eltern lange geforderten – Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) werden Schüler deutlich weniger Nachmittagsunterricht haben als zuvor. Denn der Lernstoff bleibt weitgehend der gleiche. „Die vorhandenen Stunden werden auf das Jahr verteilt“, erklärt Andreas Klaffke, Schulleiter am Albert-Schweitzer-Gymnasium (ASG) in Neckarsulm. Die Umstellung startet im September mit den Klassenstufen fünf und sechs und macht erforderlich, dass die Einrichtungen auch ihr Angebot der Ganztagsbetreuung anpassen und ausweiten. Das betrifft insbesondere die jüngeren Kinder, die die Nachmittage nicht allein zu Hause verbringen können.

Ganztagsbetreuung bei G9: So regeln es Schulen in der Region Heilbronn

„Wir sind eine offene Ganztagsschule“, sagt Andreas Klaffke. Den wegfallenden Nachmittagsunterricht will das ASG mit Arbeitsgemeinschaften (AGs) auffangen. Die Unterstufe werde künftig statt an zwei voraussichtlich nur noch an einem Nachmittag Unterricht haben – oder gar keinen. An vier Tagen greift ein Angebot von AGs und Hausaufgabenbetreuung durch ausgebildete Schülermentoren. Wie viele Familien das Programm annehmen werden, ist noch unklar. „Ich kann das für das kommende Schuljahr überhaupt nicht einschätzen“, sagt der Direktor.

Am Robert-Mayer-Gymnasium in Heilbronn gibt es keine offizielle Ganztagsbetreuung, erklärt Schulleiterin Antje Kerdels. Das Angebot werde durch Ehrenamtliche ausgefüllt. „Der Betreuungsbedarf wird mit G9 sicherlich steigen“, sagt sie. Das Lehrerkollegium bleibe aber ganz bewusst dabei, dass auch Fünftklässler einen Nachmittag an der Schule verbringen. Da gehe es auch um den pädagogischen Wert, zum Beispiel die gemeinsamen Treffen in der Mittagspause. 

Böses Erwachen? Lehrer und Philologenverband schlagen Alarm

Gleichzeitig mit dem Wegfall des Nachmittagsunterrichts seien den Schulen auch die Ressourcen für das AG-Angebot gekürzt worden, trotz des steigenden Bedarfs, kritisiert Andreas Klaffke: „Das halte ich wirklich für fatal.“ Grund dafür seien Einsparungen im Haushalt. Allerdings werde an der falschen Stelle gekürzt. 

Er vermutet eine Art böses Erwachen bei den Eltern: „Die Schüler kommen um halb zwei heim, und da ist erstmal niemand.“ Denn die Eltern müssten ja weiterhin ihren Jobs nachgehen. Auch die Vorstellung, dass die Kinder in der Zeit zum Beispiel Sportvereine besuchen könnten, empfindet er als Fehleinschätzung. Denn auch die Trainer müssten tagsüber zur Arbeit. Zudem gebe es heutzutage an den Schulen deutlich weniger Hausaufgaben als früher. 

Der Philologenverband Baden-Württemberg  fordert mehr Ressourcen für Betreuungsangebote. Ganztagsbetreuung sei kein Selbstläufer. „Ohne gezielte Investitionen in Personal, Räume und Strukturen bleibt der Ganztag eine Überforderung für alle Beteiligten“, erklärt Landesvorsitzende Martina Scherer in einer Pressemitteilung. Der Fachunterricht müsse weiterhin im Vordergrund stehen und könne nicht durch „überstürzte und inhaltlich mangelhafte Betreuungsausweitung“ aufgefangen werden, die nur eine „Aufbewahrung“ der Kinder darstelle. Es brauche klare gesetzliche Regelungen für die Erfassung der Arbeitszeiten sowie eine räumliche Infrastruktur. „Wer Ganztag ernst meint, muss ihn auch solide finanzieren und professionell umsetzen“, betont Scherer. 

Entlastung oder Belastung? Rückkehr zu G9 spaltet Gemüter

„Ich bin überhaupt kein Fan von dieser Rückkehr“, sagt Andreas Klaffke über G9. „Im Prinzip bleibt der Stress der gleiche, er dauert nur ein Jahr länger“, lautet seine Einschätzung. Denn die Hauptfächer, die zuvor vier Stunden der Schulwoche eingenommen haben, würden nun auf drei reduziert. Die Elterninitiative habe nur auf die Schuljahre geschaut – aber wie lange die Schulzeit gehe, sei die falsche Fragestellung. Der eigentliche Kern sei, welche Bedeutung dem Gymnasialabschluss beigemessen werde. 

Für Antje Kerdels bringt das neue G9 aber auch positive Seiten mit sich. Die Stufenklassen würden durch die Umstellung entlastet, denn diese hätten am meisten unter dem achtjährigen Gymnasium gelitten, sagt die Schulleiterin. Das zusätzliche Jahr entzerre den Lehrplan. Zudem seien die Schüler der Oberstufen ohnehin alt genug, um die Nachmittage allein zu Hause zu verbringen.

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