Warum wir uns im Frühling oft müde fühlen: Experte aus Löwenstein klärt auf
Schlafexperte Harald Englert von der SLK-Lungenklinik Löwenstein erklärt, ob es Frühjahrsmüdigkeit wissenschaftlich gibt und welche Alarmsignale man beachten muss.
Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, Pflanzen und Tieren erwachen aus dem Winterschlaf. Es ist Frühling. Für viele Menschen fühlt sich ist diese Jahreszeit aber nicht sehr belebend an. Im Gegenteil. Sie sind müde und fühlen sich abgeschlagen. Wir erklären, warum das so ist und wann Müdigkeit ein Alarmsignal ist.
Was ist Frühjahrsmüdigkeit und gibt es das überhaupt?
Harald Englert, ärztlicher Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der SLK-Lungenklinik Löwenstein (Landkreis Heilbronn), sagt: Nein. „Frühjahrsmüdigkeit ist eher eine Befindlichkeitsstörung. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass irgendwelche hormonellen Fehlfunktionen da eine Rolle spielen.“ Das sei in verschiedenen Studien festgestellt worden. Die verstärkte Müdigkeit könnte von eine Anpassung an steigende Temperaturen kommen. Möglich sei auch, dass die Menschen im Frühjahr mehr auf Müdigkeit achten und denken, dass sie sich wacher fühlen müssten.

Gibt es Wintermüdigkeit?
Wenn sich Menschen im Winter müder fühlen als zuvor, ist das zumindest eher erklärbar als die Frühjahrsmüdigkeit, erklärt der Schlafexperte. „In der dunkleren Jahreszeit ist der Einfluss des Tageslichtes reduziert. Dadurch bildet sich vermehrt das sogenannte Schlafhormon, das Melatonin.“
Alarmsignale erkennen: Ab wann ist Müdigkeit bedenklich?
Viele Erwachsene klagen ständig über Müdigkeit und Schlafprobleme. Das bestätigt auch Harald Englert. Ein Krankheitssymptom ist Müdigkeit aber nicht per se, stellt er klar. „Solange ich mich müde fühle, aber diese Müdigkeit tagsüber gut beherrschen kann, ist sie nicht bedenklich.“ Alarmsignale seien, wenn man in bestimmten Gelegenheiten, im Sitzen oder auch bei Tätigkeiten einschlafe.
Was hilft gegen Müdigkeit?
Bewegung an der frischen Luft und im Tageslicht helfen, rät der Mediziner. Und natürlich ausreichend Schlaf. Wobei das Schlafbedürfnis, um sich ausgeruht zu fühlen, sehr individuell sei. Eine bestimmte Stundenzahl empfiehlt Harald Englert nicht. Früher habe man das gemacht, aber heute wisse man, dass das Schlafbedürfnis ganz unterschiedlich sei. „Es gibt Menschen, die kommen mit sechs Stunden Schlaf aus, andere benötigen zehn Stunden Schlaf, damit sie sich erholt fühlen am nächsten Tag.“ Der einzige Parameter für ausreichend Schlaf ist das Gefühl am nächsten Morgen. „Wenn man sich nach dem Nachtschlaf erholt fühlt und keine Müdigkeit im Sinne von Einschlafen im Sitzen tagsüber verspürt, ist der Schlaf ausreichend.“

Wann sollte man mit Müdigkeit zum Arzt?
Wer trotz ausreichend Schlaf ständig müde ist und sogar tagsüber einnickt, ohne es zu wollen, der sollte nach spätestens drei Monaten mit dem Hausarzt darüber sprechen, empfiehlt Harald Englert. Es gebe verschiedene Erkrankungen, die dahinterstecken können. „Am häufigsten ist die sogenannte Schlafapnoe. Das heißt, dass die Menschen Atempausen im Schlaf haben, die dazu führen können, dass sie am nächsten Tag nicht erholt sind.“
Es gebe aber auch Patienten, die zum Beispiel eine chronische Ein- und Durchschlafstörung als Folge verschiedenster Erkrankungen haben. Depressionen können zum Beispiel dahinter stecken. Auch Schichtarbeit können den normalen Wach-Schlaf-Rhythmus durcheinanderbringen. Eher selten steckt hinter der Müdigkeit eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Auch Hormonstörungen oder Vitaminmangel müssten bei anhaltender Müdigkeit abgeklärt werden.
Wie klappt es mit dem guten Schlaf?
„Generell kann man sagen, dass jemand, der in der Regel gut schlafen kann und tagsüber keine Einschränkungen hat, kann letztendlich machen, was er will“, betont der Schlafexperte. Nur wenn ein gewisses Müdigkeitsgefühl tagsüber auftrete, sollte man darauf achten, dass man möglichst regelmäßige Bettzeiten einhalte. „Also möglichst immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen, zur gleichen Zeit aufstehen, plus-minus eine Stunde.“
Ein weiterer Tipp: Abends auf Alkohol verzichten. „Alkohol ist zwar ein sehr gutes Einschlafmittel, aber ein schlechtes Durchschlafmittel, weil er nachts im Schlaf abgebaut wird, was dann immer wieder zu Wachzuständen führen kann.“
Wichtig ist zudem ausreichend Bewegung tagsüber. „Aber nicht kurz vor dem Schlafengehen, weil sonst die Körpertemperatur zu stark ansteigt, was das Schlafen verschlechtern kann.“ Zu schwere Mahlzeiten sollte man abends nicht mehr essen und sich mindestens zwei Stunden vor dem Zubettgehen nicht mehr zu sehr mit beruflichen Dingen beschäftigen oder zu viel ins Smartphone schauen. „Man sollte eine gewisse Abschaltphase haben“, erklärt Harald Englert.
Was passiert bei zu wenig Schlaf?
Nicht nur Krankheiten oder Mangelerscheinungen führen zu schlechtem Schlaf. Auch die ersten Jahre mit Babys und kleinen Kindern sind bei vielen Eltern von Müdigkeit bestimmt. Welche Folgen kann das haben? „Wenn der Nachtschlaf oft unterbrochen wird, kommt es in der Regel zum Beispiel zu wenig Tief- oder Traumschlafphasen“, erklärt der Fachmann. Der Tiefschlaf sei aber dafür zuständig, dass sich der Körper, das Immunsystem und ähnliche Dinge erholen könnten. Wenn zu wenig Traumschlaf vorhanden ist, könne man außerdem Probleme mit dem Gedächtnis bekommen. „Man weiß heute, dass im Traumschlaf bestimmte erlernte Dinge im Gehirn verfestigt werden.“
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