Durch Frost können hohe Schäden entstehen, wie die Frostjahre 2011 und 2017 gezeigt haben. Einerseits werden Qualitäten, zum Beispiel durch Frostrisse in den Früchten gemindert, andererseits verringert sich der Ertrag bis hin zum Totalausfall. Dadurch können Betriebe in sensible finanzielle Schieflagen geraten.
Spätfrost-Gefahr für Wein- und Obstanbau im Raum Heilbronn und Hohenlohe steigt
Die anhaltende Wärmephase seit Ende Februar sorgt für beschleunigte Vegetation. Damit steigen im Wein- und Obstanbau sowie in vielen anderen Kulturen die Gefahr von Schäden durch Spätfröste.
Beim diesjährigen Obstbautag in Weinsberg (Landkreis Heilbronn) Anfang Februar klang alles noch ganz entspannt. Der Winter, der erstmals seit längerer Zeit wieder seinen Namen verdient hatte, habe für knackige Fröste zur richtigen Zeit gesorgt und den Start der Vegetation um wertvolle Wochen verzögert.
Aktuell klingt das in Fachkreisen anders. Laut der Staatlichen Landesversuchsanstalt für Wein- und Obstbau (LVWO) in Weinsberg ist nun alles wieder möglich, auch die gefürchteten Spätfröste. Durch die angestiegenen Temperaturen der vergangenen Wochen habe die Vegetation in der Region zügig aufgeholt, fasst Thorsten Espey, Fachlehrer Kernobst an der LVWO, zusammen.
Frühe Obstkulturen blühen bereits im Raum Heilbronn – Gefahrenwarnung bis 15. Mai
Demnach blühen viele frühblühenden Arten wie Aprikose bereits. Auch Hauptkulturen wie Apfel, Kirsche und Zwetschge haben sich laut Espey schnell entwickelt. „Mit diesem Vegetationsfortschritt nimmt die Frosthärte der Knospen ab, und die Gefahr für Schäden nimmt zu.“ Es handele sich um ein „sehr sensibles Entwicklungsstadium.“ Die Gefahrenwarnung gilt bis 15. Mai.
Laut dem Kartoffelanbau-Beratungsdienst Heilbronn sind auch die Frühkartoffeln gefährdet. Die frühen Sorten, die gerade eingepflanzt wurden, müssen daher mit Frostschutzberegnung geschützt werden, berichtet Florian Dambacher vom Beratungsdienst.
Wie die Bauernverbände Heilbronn und Hohenlohe mit der Gefahr umgehen
Die Kreisbauernverbände bestätigen die wiedererwachte Gefahr. Vor allem für Wein- und Obstbau, aber auch für Gemüse und einige Ackerkulturen sei „die Kuh noch nicht vom Eis“, kommentiert Jürgen Maurer, Vorsitzender des Bauernverbands Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems. Auch Stefan Kerner, Vorsitzender des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, ist angesichts des schlagartig angesprungenen Frühlingswetters und der damit verbundenen Aufholjagd der Vegetation besorgt. „Für den Wein und einige Obstkulturen reicht eine einzige Frostnacht, um große Schäden zu verursachen“, so der Landwirt aus Erlenbach. Gefährdet sind demnach auch Zuckerrüben, sobald diese das Grün herausstrecken, und Gemüse, das ungeschützt angebaut wird.

Um Ernteausfälle abzufedern, fördert das Land seit 2019 eine Mehrgefahrenversicherung mit der Erstattung der Hälfte der Prämie. Die Versicherung, die in den ersten Jahren nach ihrer Einführung von Hunderten Betrieben abgeschlossen wurde, wird inzwischen von vielen Branchenvertretern kritisch betrachtet.
Neue Mehrgefahrenversicherung steht unter besoderer Beobachtung der Branche
Der Grund ist, dass die Prämien nach massiver Inanspruchnahme des Schadensausgleichs zum Teil deutlich gestiegen sind. „Die Versicherungen haben dadurch stark draufgelegt“, weiß Kerner. „Und jetzt ist es so teuer, dass der Winzer sagt, es lohnt sich nicht mehr.“
Dennoch hält er genau wie Jürgen Maurer die Versicherung, die seit diesem Jahr um das Risiko Hagelschlag erweitert wurde, nach wie vor für sinnvoll. Maurer fordert, die Versicherung notfalls staatlich zu stützen. „Unsere regionale Lebensmittelproduktion steht unter Druck, unter anderem wegen der steigenden Kosten in allen Bereichen. „Wir brauchen jetzt Unterstützung an anderer Stelle.“
Das sind die neuesten Strategien gegen die Auswirkungen der Spätfröste
Kerner regt an, die Versicherung branchenweit auszuwerten und gegebenenfalls nachzujustieren. „Das Verhältnis von Kosten und Nutzen muss neu austariert werden.“
Ein wichtiger Ansatz gegen Spätfröste im Obstbau ist die Züchtung spät blühender Sorten, berichtet Kernobstexperte Espey. So stehe mit dem im LVWO-Versuchsgut Heuchlingen gezüchteten Apfel Mammut inzwischen die erste Sorte zur Verfügung, die robust ist und auch die Marktanforderungen, vor allem in punkto Geschmack, erfüllt. Auch der geschützte Anbau sei ein Ansatz, der vor allem im Beerenobst Anwendung findet. „Wo es möglich ist, kann die Frostschutzberegnung zum Einsatz kommen.“ Voraussetzung sei, dass Wasser in ausreichender Menge vorhanden ist. In diesem Zusammenhang betont der Fachlehrer für Kernobstanbau die Wichtigkeit, Frostschutzteiche anzulegen.
Experte aus Weinsberg bringt Windmaschine ins Spiel
Als Frostschutz-Maßnahme können teilweise Windmaschinen zum Einsatz kommen, um hoch liegende warme Luftschichten in den bodennahen Baumbereich zu befördern. Bei der Planung von Obstanlagen ist heute mehr denn je auf geeignete Lagen zu achten, so Thorsten Espey von der LVWO. So sollten Senken genauso gemieden werden wie Standorte, die durch direkte Sonneneinstrahlung schnelle Vegetationsentwicklungen fördern.
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